Juli - September 1914
29. Juli
Russland mobilisiert. Steht der Krieg auch bei uns vor der Tür? Die Aufregung ist groß. Die Lebensmittelgeschäfte werden fast gestürmt. Auf den Straßen ist ein Leben und Treiben, wie ich es nie gesehen.
30. Juli
Die Erregung dauert an; sie wird größer. Die Herausgeber der Zeitungen sind wirklich nicht zu beneiden. In banger Erwartung, in kaum zu bezähmender Ungeduld schaut die Menge nach den neuesten Meldungen. Zeitungen und Extrablätter erscheinen öfter; von Stunde zu Stunde ändern sich die Nachrichten; seltsame Gerüchte durchschwirren die Luft. Eins aber ist sicher. Die Sturmwolken verdichten sich; der Sonnenschein des Friedens kann nicht mehr hindurch.
31. Juli
Es wird Ernst. Soldaten bewachen die Bahnlinie und die wichtigen Punkte; die Züge befördern Truppen gegen Westen; die Bürgerwehr ist eingerufen zu Wacheleistungen. Dicht gedrängt stehen die Scharen am Schillerplatz vor der Presse und harren der Entscheidung, die nun doch kommen muss. Ich bin kein Freund solcher Straßenansammlungen und weiche ihnen aus, wo ich kann. Aber jetzt ist´s anders. Ich stehe mitten drin voll Ungeduld, voll Angst vor den kommenden Ereignissen, eins mit all den anderen. – Die Entscheidung ist auch am Abend noch nicht gefallen. Dass aber morgen mobilisiert wird – das glauben alle.
1. Aug.
Der Tag vergeht langsam. Drei Mal schon war ich an der Presse; die Entscheidung ist noch nicht da. Ich bin müde und lenke meine Schritte nach dem nahen Walde. Wie ist´s so still hier, so sonnig und friedlich! Das tut wohl bei einer solchen Aufregung im Innern. Gegen Abend gehe ich nach Hause und treffe unterwegs eine Bekannte. Wir sprechen von den Ereignissen des Tages und sie findet die Zeit so interessant! Interessant! Wie mich das Wort gestört, fast verletzt hat! Sind wir denn Zuschauer? Geht es nicht um unser Volk, um unser Vaterland? – Zuschauerin bin ich nicht; meine Seele ist ganz dabei. Ich lebe mit denjenigen, die ihr junges Blut dem Vaterlande weihen müssen und erscheine mir fast wertlos, weil von mir selbst kein Opfer verlangt wird. – Der Abend bringt den erwarteten allgemeinen Mobilisierungsbefehl. Ich erzittere dennoch und wandere nochmals durch die dicht gedrängte Menge nach dem Schillerplatz. Weinende Frauen, ernste Männer überall! Kein Begeisterungsrausch, aber auch keine laute Klage – nur Pflichtgefühl und ruhige Entschlossenheit. Ich glaube, das „Vaterland kann ruhig sein“. Dann geht’s zum Bahnhof, der ein eigenartiges Bild bietet. Er ist ganz vom Militär beschlagnahmt, in weitem Kreise abgesperrt und nur wer sich durch eine Karte beim Wache haltenden Posten ausweisen kann, darf ihn betreten.
2. Aug.
Ich hörte in der Nacht, halb im Traum, die „Wacht am Rhein“ singen. Die Einberufenen sollen das Lied gesungen haben. Ich erwache mit heftigem Kopfweh; aber ich kann nicht im Bette bleiben, ich muss heute zur Kirche. Sie ist dicht gefüllt; die Frauen sind fast alle schwarz gekleidet und durch die Reihen geht ein stilles Weinen. Der Prediger spricht von der christlichen Tapferkeit, die not ist zu allen Zeiten, ganz besonders aber in dieser ernsten Stunde. – Der Krieg soll von Deutschland offiziell erklärt worden sein; die Nachricht ist aber amtlich noch nicht bestätigt.
3. Aug.
Ein großer Teil der Mannschaften ist abgezogen. Die Büros, die Post, die Werkstätten werden leer. Die Familien begleiten ihre Angehörigen zur Bahn und der Abschied ist oft herzzerreißend. – Die merkwürdigsten Gerüchte von siegreichen Gefechten, von brennenden Städten, von gefangenen Spionen verbreiten sich. Die 1. Einquartierung ist für heute gemeldet. Am Nachmittag gehe ich hinauf zum Lämmchesberge. Die Sonne brennt heiß hier; aber man hat einen freien Blick über das Bahngelände und ich möchte sehen, was hier vorgeht. Friedlich, wie ich´s immer gesehen, liegt es vor mir. Ich könnte den Kriegszustand fast vergessen, aber vor mir geht ein Bürger mit Soldatenkappe und Revolver, Wache haltend, auf und ab. Er fragt nach einem Spion, der hier gezeichnet [Wort nachträglich unterstrichen, mit einem „?“ am Rand versehen] habe und im Walde verschwunden sei. Ich habe nichts gesehen und nichts gehört. Ob mich der Mann nicht auch als Spionin betrachtet? – Schüsse erdröhnen. Ich denke, es sind Sprengungen; aber der Mann belehrt mich, das Sprengpulver sei bereits verbrannt; es seien Kanonenschüsse aus der Gegend von Saarbrücken. Von Westen her kommt wirklich der Schall. Ich fange an zu glauben – der Mann muss es doch besser wissen als ich – und mein Herz pocht heftig. Soll der Feind schon so weit vorgedrungen sein? Ich gehe zur Stadt zurück jemand zu fragen, der die Sache versteht. Es waren doch Sprengungen. Die Steinbruchbesitzer hatten für heute noch Erlaubnis erhalten zu sprengen; dann muss das Sprengpulver vernichtet werden. Meine Füße gehen mechanisch zur Presse. Nichts von Bedeutung. Ein erschossener Spion, die Besetzung einiger Dörfer – das sind Kleinigkeiten an einem solchen Tage. Ich schaue nach den Menschen und höre auf die Reden. „Man darf den Kopf nicht hängen lassen“, klingt´s neben mir. Ich schaue in ein Gesicht eines jungen Mannes mit weichen Zügen und sanften Augen, tief traurig, aber lächelnd. Der Anblick greift ans Herz. –
4. Aug.
Das war eine rechte Kriegsnacht. Ich hatte lange wach gelegen und war dann schnell wieder durch Geknatter von Gewehren geweckt worden. Der Schall ist nah, ganz nah und wiederholt sich beängstigend rasch. Ist das ein Gefecht? Wie kommt der Feind hierher? Die Leute kommen aufgeregt aus den Häusern. Auch aus anderen Richtungen erdröhnen die Gewehre. Endlich kommt die Lösung, die doch eigentlich nahe gelegen hätte. Ein Flieger ist gesehen und von allen Seiten heftig beschossen worden. – Es wird wieder still. Aber der Aufregung ist kein Ende.
Der Tag bringt nichts Besonderes. Das Hauptgedränge ist jetzt am Bahnhof. Lauter Jubel begrüßt die hinaus eilenden Truppen. Die Wagen sind mit Grün geschmückt; junge Mädchen bringen den Soldaten Speise und labenden Trank und das Grüßen und Tücherschwenken will kein Ende nehmen, wenn der Zug sich wieder in Bewegung setzt. –
Der Reichstag hat gesprochen. Es muss ein herzerhebendes Ereignis gewesen sein. Kein Parteihass, keine trennende Schranke mehr – ein einiges deutsches Volk, bereit, für´s Vaterland durch Not und Tod zu gehen. –
5. Aug.
Auch England hat den Krieg erklärt. Der Bruch des Völkerrechtes durch die Besetzung Belgiens soll die Ursache sein. Ich muss sagen: Das Wort hat auch mir weh getan. Die Besetzung war sicher durchaus nötig, sonst hätte Deutschland dies Mittel verschmäht.
Italien, der Bundesgenosse, bleibt neutral. Also Feinde ringsum und wir stehen allein.
Eine unendliche Zahl von Soldaten fährt durch Kaiserslautern und von Kaiserslautern ab. Fröhlichen Mutes, zum Äußersten entschlossen, so ziehen sie hin – eine stolze Wehr. Da hinter, der Alte (Haeseler), der macht´s. Auf den bauen sie alle. Und unter den Zurückbleibenden ist ein wahres Jagen nach Betätigung im Dienste der Allgemeinheit. Niemand will zurückbleiben. – Die Zeit ist einzig – ist wunderbar. Alles Engherzige, alles Fürsichselbstsorgen ist abgetan. Ein Wunsch, eine Sorge, ein Sehnen umfasst das ganze Volk. Für´s Vaterland! Das ist deutsche Einigkeit, das ist deutsche Treue, das ist deutsche Kraft. Ich kann´s nicht glauben, dass sie zu Schanden werden. –
6. Aug.
Der Kronprinz und der große Generalstab sollen heute morgen hier durchkommen. Trotzdem ich einen Kriegsgast zum Mittagessen habe, mache ich mich eilig fertig und gehe zur Bahn. Die Reihen sind abgesperrt und eine Menge Menschen steht voller Erwartung.
Vergeblich! Die Fama hat´s wieder einmal getan. – Der Transport der Truppen geht weiter.
7.
Ein düsterer Tag! Der Abend bringt die Nachricht von einem todesmutig kühnen, aber leider misslungenen Handstreich auf die Feste Lüttich.
8.
Lüttich ist im Sturme genommen worden. Ein schöner Auftakt! Eine fröhliche Botschaft! – 80 000 Mann sollen heute von Kaiserslautern abgefahren sein. Ich habe mich oft schon geärgert über den herrschenden Männlichkeitsdünkel; aber jetzt, wenn ich sie so hinauseilen sehe in ihrer stolzen kühnen Männlichkeit, kann ich ihn fast begreifen.
9.
Vom Kriegsschauplatz kommen die Nachrichten spärlich. Grässlich aber klingt die Botschaft von den Gräueln, die die Kriegswut in Frankreich und vor allem in Belgien gezeitigt hat. In blinder Wut soll der Pöbel gegen Wehrlose, sogar gegen deutsche (?) Kinder, getobt haben. Welch schrecklich Ding ist doch der Krieg und welche Rohheit hat er im Gefolge! Wann wird die Menschheit hinauswachsen über diese Gräuel? – Der Truppentransport nach Westen dauert unvermindert fort. Unendlich lange Eisenbahnzüge, Wagen um Wagen mit Artillerie-Geschützen beladen, bieten einen schönen Anblick. „Die stolze Artillerie!“ – Die Einnahme von Lüttich muss eine Glanzleistung der deutschen Truppen gewesen sein. Ein Viertel aller belgischen Truppen waren anwesend, die besten Stellungen von ihnen besetzt, die modernsten und besten Verteidigungswerke zu ihrer Verfügung und die Feste doch in zwei Tagen von den Deutschen erstürmt.
11.
Bei Mülhausen haben die Franzosen anscheinend einen Durchbruch versucht und sind nach Süden zurückgedrängt worden. Die Schlacht soll schon seit 6. im Gange sein. Und dabei diese furchtbare Hitze! Welche Qualen müssen die armen Verwundeten erdulden!
12.
Der erste Trupp gefangener Franzosen kam heute hier durch. Bei Luneville, wo die Deutschen wieder Sieger waren, sind sie gemacht worden, einige Offiziere sind dabei und eine französische Fahne wurde auch erobert. Der deutsche Boden ist nun von Feinden frei. Ein Trost für uns! Dass dieser Sieg aber in militärischer Hinsicht einen Fortschritt bedeuten soll, will meinem Laienverstande nicht einleuchten. Ich meine, wir sind so weit wie vorher. Der Feind steht an der Grenze, hier wie dort.
13.
Ich war heute Nacht vertretungsweise an der Bahn und habe mich in der Rolle der Aufsichtsdame bei der Verpflegungsstation wenig wohl gefühlt. Es waren Schlesier und Posener Mannschaften da, die nach Metz fuhren, lustige Burschen und reife Männer. Der Zuzug von Soldaten nimmt kein Ende.
15.
Wieder war ich heute Nacht zur Aufsicht bei der Erfrischungsstation an der Bahn. Eine große Zahl von Menschen ist hier anwesend die durchziehenden Truppen mit Speise und Trank zu laben. Des Guten fast zu viel, denn die Truppen werden durch die Militärbehörde gut verpflegt und verlangten – wenigstens heute Nacht – gar nicht nach weiteren Erfrischungen. Eine gute Waschgelegenheit, eine Ansichtskarte von Kaiserslautern, ein Zigarettchen, und – nicht zu vergessen – ein bisschen Plaudern mit den hübschen Mädchen, das sind allerdings Dinge, die dem Soldaten wohltun und so war die Mannschaft auch mitten in der Nacht in der heitersten Stimmung. Da tönt der Alarmruf; noch ein Händedruck und sie eilen zu ihren Wagen; die graue Felduniform würde sie unsern Blicken ganz entziehen; aber sie winken grüßend herüber. „Die Wacht am Rhein“ ertönt; der Zug trägt sie fort. Wohin? Zum Sieg – zum Tod? – Der zweite Zug bringt in der Hauptsache schwere Geschütze; die Mannschaften schlafen fast alle und sollen nicht geweckt werden. Nur wenige erheben sich und bitten um warmen Kaffee. Sie sind fast nicht zu sehen. Wären ihre Gesichter auch grau gefärbt, sie wären im Morgengrauen neben den Geschützen überhaupt nicht zu erkennen. Ich betrachte die mächtigen ehernen Ungetüme; sie sehen gar nicht übel aus, sind aber doch schreckliche Zerstörungswerkzeuge. Menschengeist sinnt und Menschenhand schafft Werkzeuge, um wieder zu zerstören, was Menschenhand geschaffen hat. Denken darf man nicht und jetzt wünschen wir ja doch, dass diese ehernen Ungetüme ihr Maul aufreißen und Löcher reißen in die Festen der Feinde. – Nach der Abfahrt finden wir uns zusammen in der warmen Kaffeeküche. Die Nacht ist kalt. Aber sie vergeht rasch bei dem gemütlichen Geplauder. Bald graut der Morgen; die Sonne geht auf und die Ablösung erscheint. –
Bei Lagarde sollen tote deutsche Reiter haufenweise liegen. Nur nicht denken, nur nicht denken! Ich kann verstehen, dass der Krieg so viele Menschen wahnsinnig macht.
17.
In der Steinstraße ist eine Annahmestelle für Liebesgaben eingerichtet worden. Die Arbeit wurde heute verteilt und ich habe auch einen Anteil bekommen; es war wirklich tüchtig zu tun. Die kleine Gemeinde Erfenbach hat uns eine Wagenladung köstlicher Gaben gebracht, die nun nachgesehen und in Fächer geordnet werden mussten. Ich schaute fast andächtig auf die prächtigen Leinentücher, Hemden, Socken usw. Wie müssen die Leute ihre Wäscheschränke geplündert haben! Dabei ist das schon die zweite Sendung und eine reiche Gabe an Geld hat die Gemeinde auch gesandt. Ist die Opferfreude überall so groß?
18.
Eine Nachricht von Bedeutung kommt vom Kriegsschauplatz nicht. Nur Gerüchte hört man. Die Franzosen sollen wieder vorgedrungen sein und Saarburg beschießen. – Hier ist große Getue wegen angeblich überfreundlichen und so unwürdigen Benehmens den durchfahrenden gefangenen Franzosen gegenüber. Haben sich einzelne wirklich unwürdig benommen, so hätte die Militärbehörde ohne jedes Aufsehen die Sache abstellen können und in die große Stimmung dieser Tage wäre kein Missklang gekommen. Der ist bedauerlich. – Die Truppenzüge hören endlich auf; dafür kommt ein andrer trauriger Zug von Westen her, ein Zug mit verwundeten Kriegern.
19.
Nun soll auch Japan gegen Deutschland vorgehen und wegen Kiautschou ein Ultimatum gestellt haben. Wollen die Japaner, was sie bei den Deutschen gelernt haben, nun anwenden, Deutschland weitere Not zu bringen?
20.
Die Nachricht wird bestätigt. Aufgrund ihres Bündnisses mit England rauben die Japaner – eine Abwehr ist im Augenblick nicht möglich – den deutschen Besitz im fernen Osten. Englands Rolle ist doch schmachvoll. Die unbeschützten deutschen Kolonien wegnehmen – andere Völker zum Stehlen deutschen Besitzes bewegen – das sind bis jetzt seine Taten. Deutschland soll als ebenbürtiger, ja überlegener Gegner auf dem Weltmarkte nicht geduldet werden. Und nun muss der deutsche Neutralitätsbruch in Belgien als Vorwand herhalten, um Deutschland unschädlich zu machen.
21.
Wir haben in Lothringen eine große Schlacht gewonnen! Sieg tönen die Glocken, Sieg melden die wehenden Fahnen, Sieg der Jubel auf den Straßen, Sieg die freudehellen Gesichter. Tausende von Franzosen sollen gefangen sein. Von Heimtückischkeiten, von schrecklichen Gräueln berichten die Verwundeten. Die französischen Soldaten sollen sich tot stellen oder um Gnade flehen und die deutschen Soldaten hinterrücks erstechen, sobald er sich herumgedreht hat. In großer Angst kommen die fremden Gefangenen in unser Land; sie glauben, dass sie bei uns erschossen werden. Einer soll gefragt haben, warum dieser Krieg hat kommen müssen, warum denn der deutsche Kaiser ganz Frankreich haben wolle – Mit welchen Lügen wird doch die Welt geführt!
22.
10.000 Gefangene werden gemeldet und durch Verrat eines lothringischen Bahnbeamten sollen viele noch entkommen sein. – Die Züge bringen Verwundete in großer Zahl. In aller Eile werden neue Lazarette eingerichtet; auch die Röhmschule wird Lazarett; aber es fehlten die Betten. Die Leute in der Nachbarschaft haben´s kaum vernommen, da kommen sie mit Bettladen und Bettwerk, voll Freude helfen zu können und in kurzer Zeit sind 174 Betten beisammen. Nun will der Oberarzt Militärbetten herstellen und diese Beweise rührender Opferfreudigkeit zurückweisen. Schade!
23.
8000 Russen gefangen! Bei Metz soll gestern eine neue Schlacht stattgefunden haben – mörderisch wie selten in der Weltgeschichte. Auch die deutschen Soldaten sollen fürchterlich sein, keinen Pardon mehr geben und die tückischen Feinde unbarmherzig niedermachen. Welch Elend! Wir wollen vorwärtsgekommen sein in der Kultur und wie schrecklich wüten die menschlichen Leidenschaften! Wo hört hier die Tapferkeit auf, wo fängt die Rohheit an? Ist nicht der ganze Krieg eine Rohheit?
24.
Es scheint flott vorwärts zu gehen. Die Telegramme berichten von neuen Siegen. Auch eine englische Brigade wurde geschlagen und das macht am meisten Freude. Aber die Russen sind im Osten eingedrungen. Franzosen und Engländer haben jedenfalls zur Eile gedrängt und sie sind nun rascher mit ihrer Mobilisierung, als uns lieb ist.
25. 26.
Namur und Longwy sind gefallen, ein Angriff auf die deutsche Armee ist zurückgeschlagen. – Viele Verwundete sind wieder eingetroffen. Viele sind leicht verwundet und in Privatquartieren untergebracht. Sie sind guten Mutes und wollen wieder ins Feld. Einer aber soll bitterlich geweint haben, nicht seiner Schmerzen wegen, sondern aus Not darüber, dass er so viele Menschen gemordet hat. Dass das Menschenmorden Menschenpflicht wird! Zu grässlich. Das Leben opfern für die Heimat, für das Vaterland – ja! Aber das Morden, das Morden!
27.
Neue Siegesnachrichten. Auch die englische Armee ist bei St. Quentin geschlagen worden. Aber mit den Nachrichten von den Siegen kommen auch die Nachrichten von den Gräueln des Krieges und legen sich schwer und beklemmend auf das Herz. Bewohner eines Dorfes sollen wieder in heimtückischer Weise unsere Soldaten besch[l]ossen haben. „Das Dorf mit seinen Bewohnern ging in Flammen auf“, meldet die Zeitung. Die Worte klingen unaufhörlich weiter in mir. Ich habe die Zeitung noch einmal. Vielleicht habe ich mich doch getauscht. Da stehen aber die Worte schwarz auf weiß. Ich kann sie nicht mehr loswerden; ich glaube, sie verderben mir alle Freude an unsern Siegen.
29.
Das Kriegsschiff Ariadne, zwei Kreuzer und ein Torpedoboot sind im Kampfe mit der englischen Flotte untergegangen. Wird die englische Flotte das Feld weiter siegreich behaupten?
31.
30.000 Russen sind gefangen genommen worden.
1. Sept.
Ich werde am Abend noch benachrichtigt, dass ich zur Pflege in die Baracken kommen soll. Die Nachricht hat mir fast alle Nachtruhe geraubt. Ich fürchte – und darum möchte ich mich fast verachten –, dass ich der Sache nicht gewachsen bin. Ich gehe in der Morgenfrühe zum Barackenlazarett, dass so wundersam friedlich vor der Stadt liegt, von meiner Wohnung aber weit entfernt ist. Die Schwestern wissen nichts davon, dass ich bestellt bin, haben Hilfe genug und brauchen mich nicht. Ehe ich gehe, schaue ich doch noch in den Saal. „Es sind viel Schwerverwundete da“, sagt die Schwester. Sie müssen tapfer sein auch im Ertragen der Schmerzen; denn ich höre keinen Laut der Klage. Ich möchte am liebsten von einem zum andern gehen und ein wenig mit ihnen plaudern; aber die Leute brauchen vor allem Ruhe. Sie sind anscheinend gut versorgt. Frauen und Mädchen sind gerade dabei sie zu waschen und diejenigen, die die Hände verbunden haben, zu füttern.
Der Tag bringt wieder Siegesnachrichten. 70 000 Russen sind im Osten gefangen genommen worden; auch auf dem westlichen Schauplatz geht es unaufhaltsam weiter.
2. Sept.
Der Fall eines starken Forts (Givet) wird gemeldet.
Bei Mühlhausen sollen neue Kämpfe im Gange sein. Es scheint, dass jeder Fuß Landes doppelt und dreifach erkämpft werden muss.
Im Osten wird seit sieben Tagen ununterbrochen gekämpft. Die Entscheidung soll bevorstehen.
3.
Zehn französische Armeek[orps?] sollen zurückgeschlagen sein. Die französische Regierung hat ihren Sitz nach Bordeaux verlegt.
4.
Alle Forts im Norden von Paris mit Ausnahme von Maubeuge sind gefallen. Eine Abteilung Kavallerie streift bis Paris.
10.
Acht Tage sind vorüber ohne dass ich weitere Bemerkungen hätte machen mögen. Ich war als Helferin im Lazarett tätig und die Eindrücke stürmten mit solcher Übermacht auf mich ein, dass ich des Schreibens vergaß. Dass der Krieg Elend bringt, das wusste ich, das weiß jeder vernünftige Mensch; damit findet man sich ab. Aber wenn man diese jungen blühenden Menschen dahingestreckt sieht, schwach, elend und hilflos, mit zerbrochenen Gliedern und schrecklichen Wunden – dann ist´s vorbei mit dem Abfinden, dann hadert man mit der Menschheit, die dies gegenseitige Zerfleischen, dies schreckliche unwürdige Ding, Krieg genannt, noch immer zulässt, ja aus teuflischen Gründen begünstigt. Nie werde ich das schmerzverzerrte Gesicht des Tuttlinger Bierbrauers mit dem dennoch kindlich-freundlichen Lächeln vergessen. Wie schrecklich ist der junge Mensch zugerichtet! Der Ellbogen zerschossen, der Oberschenkel gebrochen, das Bein mit schrecklichen eiternden Wunden bedeckt – so liegt er im Streckverband und kann sich kaum rühren. Und wie unterdrückt er tapfer seine Schmerzen und lächelt dankbar bei jeder Dienstleistung. In den letzten Tagen geht es etwas besser; ich atme selbst auf dabei. Mit wehem Herzen habe ich ihn am Abend in seinen Schmerzen immer verlassen, voll Hass auf die Pflegeschwester, die so unzugänglich ist, dass ich es nicht wagen darf sie zu seinem Troste noch einen Augenblick zu Hilfe zu rufen. – Die andern im Zimmer sind ja etwas besser daran. Viele können aufstehen und sind trotz ihrer Wunden sehr vergnügt. Typische, prächtige Gestalten. Der Münchener Autoführer mit dem struppigen roten Bart und den freundlichen Augen, der sich nicht recht herauswagt; der oberbayerische Bauer, der herrschaftliche Diener aus Fürth – er liegt auch im Streckverband, so anspruchslos wie der Tuttlinger ist er aber nicht –, und vor allem der Passauer, der sich selbst so schön gekennzeichnet hat „in der einen Hand den Rosenkranz, in der andern das Messer.“ Wenn er zutraulich erzählt von seiner Heimat, von seinen Erlebnissen, dann ist sein Gesicht verklärt und seine Augen strahlen, man muss seine Freude daran haben. Und wenn ich der Thermometer-Szene denke, werde ich wohl immer lächeln müssen. Es ist doch ein grässlicher Schematismus, wenn Leute, die tage-, ja wochenlang fieberfrei sind, täglich zweimal zum Temperaturmessen antreten müssen. Mein Laienverstand kann das und manches andere, was hier gemacht wird, nicht begreifen. Die Gesunden treiben natürlich Unfug. „Ich messe noch immer 164½“, sagt der drollige Pole. Und wenn die meisten Grimassen schneidend hinter der Schwester weghumpeln, das ist ein Bild von köstlicher Komik. Ich habe mich wohl gefühlt bei diesen biederen Vaterlandsverteidigern und bedaure – trotz mancher Ärgernisse –, dass mein Verweilen durch die beginnende Berufsarbeit ein Ende nimmt. Die Bedauernswertesten, die dem Tode geweihten Wundstarrkrampfkranken, habe ich allerdings nicht gesehen.
Die Deutschen sind inzwischen weiter vorgedrungen – Maubeuge ist auch gefallen und eben tobt eine Schlacht in der Nähe von Paris. Die Deutschen müssen anscheinend furchtbar bluten. Frank, der sozialdemokratische Abgeordnete, der als Freiwilliger in den Krieg gezogen war, ist inzwischen auch schon gefallen. Wie schön ist doch der Opfermut dieser sogenannten vaterlandslosen Gesellen und ihre treue Hingabe an das Vaterland! Andere, deren Worte stets von Vaterlandsliebe triefen, bleiben zuhause und sind unabkömmlich.
13.
Der Alltag mit seiner Arbeit hat wieder begonnen; aber in meinen freien Stunden zieht es mich unwiderstehlich hinaus zum Lazarett. Nun ist mir aber doch die Lust ein wenig vergangen. Die Pflegerin in meinem Saale hatte Nachtwache. Ich war daher schon um 6 Uhr morgens – es war ja ein freier Sonntag – im Krankenzimmer sie abzulösen. Meine Mühe war vergeblich. Trotzdem noch eine andere sehr zuverlässige Frau aus der Stadt erschienen war und die Wartung der Verwundeten mit mir übernehmen wollte, erklärte die Schwester, die Pflegerin müsse bleiben. So viel traut man also zwei älteren zuverlässigen Frauen nicht zu, dass sie – geschulte Pflegerinnen könnten ja im Notfall aus Nachbarsälen zu Hilfe gerufen werden – die Kranken gut versorgen. Die Pflegerin, die seit 26 Stunden im Krankenzimmer weilt, muss weiter bleiben. Unter diesen Umständen ziehe ich vor nachhause zu gehen; drei Frauen in einem Saale, das ist zu viel. Ich würde aber die Verwundeten viel lieber besuchen, wenn ich nicht an dieser Schwester vorbei müsste.
Vom westlichen Schauplatz hört man fast nichts. Von Osten kommen neue Siegesnachrichten. Hindenburg, der Feldherr im Osten, hat wieder 10 000 Russen gefangen genommen.
15.
Die Zahl der gefangenen Russen beträgt nicht 10, sondern 30 000. „Schlagen kann er, der Hindenburg, aber nicht zählen“, höre ich sagen. – Auf dem westlichen Schauplatz will´s nicht mehr vorwärts gehen. Ein Bursche hat seinem Hauptmann, der als Verwundeter in Deutschland liegt, geschrieben, dass sie nun seit drei Wochen in dem gleichen Graben desselben Waldes liegen, also an demselben Platze, an dem der Hauptmann sie verlassen musste. Der Kriegsbericht meldet von einer Schlacht, die in allen Teilen unentschieden ist. Der Ausdruck gibt zu denken. – Die Östreicher haben vor der ungeheuren Übermacht der Russen in Galizien zurückweichen müssen.
17.
Schwüle und Stille! Vom Kriegsschauplatz keine Nachricht; man durchsucht die Zeitung vergeblich. Sündenregister findet man, die die Länder sich gegenseitig auftischen. Dasselbe Schauspiel wie bei benachbarten Waschfrauen, die Streit miteinander haben; die Völker sind wie die Einzelmenschen. Die Worte des Reichskanzlers über die Kulturmission der Engländer haben mir aber doch gefallen. Diese heuchlerischen Kulturbringer. Inder haben sie nun noch herbeigeschafft zum Kampfe gegen Deutschland. Das deutsche Volk hasst vor allem die Engländer trotz aller Beschwichtigungsversuche von oben. Ein entscheidender Sieg über England – etwas Fröhlicheres könnte es für die Deutschen augenblicklich nicht geben.
18.
Italien und Rumänien sollen sich nun auch zu unseren Feinden gesellen. Italien war ja nie zu trauen. Dass sie aber als Verbündete Deutschlands diesen schmählichen Verrat begehen werden, ist kaum zu glauben. – Draußen herrscht Sturm und Regen und Kälte wie im November und die Truppen müssen im Freien kampieren und wie steht es nun, das Geschick Deutschlands? Die Sorge liegt wie ein Alp auf der Seele.
19.
Das fürchterliche Wetter hält an; es ist zum Verzweifeln. Wenn es so weiter geht, werden Menschen und Tiere auch ohne Wunden dahinsiechen. Die Nachrichten vom Kriegsschauplatz sind recht spärlich; aber sie lauten tröstlich.
20.
Ich war heute wieder im Lazarett. Frische Jugendkraft ist doch der beste Heilfaktor. Viele haben sich [in] den paar Tagen schon erholt. Aber auch der Tod hat reiche Ernte gehalten und will sich noch nicht zufrieden geben. Auch Jugendkraft zwingt nicht alles. Von einem der Kranken geht wahrer Verwesungsgeruch aus. Wie lange wird es noch dauern, bis das Gift der Wunden ihn ganz wird verzehrt haben?
21.
Immer noch Stille. Keine Entscheidung der Schlacht. Aber 7000 Tote sollen auf einem kleinen Teile des weit ausgedehnten Schlachtfeldes liegen und 2000 Deutsche liegen in Bordeaux und sollen der nötigen Pflege entbehren. Man muss stumpfsinnig werden und ist es zum Teil schon geworden. Aber solche Nachrichten drehen einem doch das Herz im Leibe wieder um.
22.
Keine Nachricht vom Westen. In französischen und russischen Zeitungen wird aber gejubelt über erfochtene Siege. Haben sie Ursache zum Jubel? Werden wir nicht unterrichtet über das, was vorgegangen ist? Für eine deutsche Niederlage spricht der Rückzug von Paris und die große Zahl der Toten und Verwundeten.
23.
Drei englische Kreuzer sind von einem Torpedo in den Grund gebohrt worden. Die Nachricht klingt wieder und ist doch auch schrecklich. 1700 Tote! Es sind Engländer, die wir hassen – es sind Menschen! Zu andern Zeiten empfände man tiefstes Mitleid – nun freut man sich. Der Krieg ist ein Unding. – Reims brennt. Die Kathedrale, dies Wunderwerk der Kunst, muss sehr gelitten haben. Durch die Schuld der Franzosen, die die weiße Fahne hissten und die Kirche doch zu Kriegszwecken missbrauchten. Dennoch tief traurig! Welch Summen von Geist und Kraft, von Gut und Blut werden aufgewendet, zu zerstören, was man sonst heilig hält und heilig halten sollte. Einzelmenschen würde man für toll erklären, wenn sie so handelten. Wenn aber Völker es tun – ist´s nicht noch schlimmer?
24.
Das Torpedo ist wohlbehalten zum sicheren Hafen zurückgekehrt. 20 Mann gegen 2700 und die 20 haben gesiegt. Die Engländer sind außer sich. –
26.
Ich komme wieder vom Lazarett. Viel Schwerverwundete sind inzwischen eingetroffen. Viele haben Kopfschüsse, sind teilweise gelähmt und leiden entsetzliche Schmerzen. Ein unsagbar trauriges Bild. Aber es zieht mich hin zu diesen armen Unglücklichen. Quälend ist nur das Bewusstsein, dass meine ungeübten Hände bei diesen Schwerverwundeten wenig helfen oder gar etwas verderben könnten. Wäre ich meiner in dieser Beziehung sicher, dann könnte mich auch die Unfreundlichkeit der Schwester nicht zurückhalten. Ich würde alle freie Zeit bei ihnen zubringen. Für einen andern Gebrauch derselben habe ich jetzt doch keinen Sinn.
27.
In der Nähe von Verdun toben erbitterte Kämpfe. Einige Forts sind genommen. Eine Nachricht von entscheidender Bedeutung erscheint sie uns Zurückbleibenden nicht. Für wie viele aber bedeutet sie Elend, dauerndes Leid oder Tod!
Oktober - Dezember 1914
2. Okt.
Die Entscheidung des nun schon wochenlang dauernden Kampfes steht immer noch aus. Teilerfolge. Dabei sind wir womöglich durch den über Erwarten glänzenden Siegeszug am Anfang des Krieges [„verwöhnt“ o.ä.?] und wollen nicht begreifen, dass auch ein Rückzug im Interesses eines endgültigen Sieges nötig sein kann. – Scharen von Jünglingen sind wieder in die neu erbauten Kasernen eingezogen und sollen für den Krieg ausgebildet werden. Die Kriegsfreiwilligen sind wohl alle schon im Feindesland.
Die Engländer schreien immer noch Zeter und Mordio wegen der Neutralitätsverletzung und nun stimmt auch Amerika mit ein. Auch ich habe mich anfangs über den Neutralitätsbruch entsetzt, der so schlecht zu deutschem Wesen passt. Wie schwer aber der andere Weg nach Westen ist, das sehen wir erst jetzt.
8. Okt.
Vor Antwerpen fällt ein Fort nach dem anderen. Der Fall dieser starken Feste ist nur noch eine Frage der Zeit. Das Freiwerden der dort kämpfenden Truppen wird von den Deutschen in Nordfrankreich wohl mit Sehnsucht erwartet. Die Entscheidung ist dort immer noch nicht gefallen und die Deutschen sind fast bis zur Nordgrenze zurückgegangen.
Vom Osten kommen wieder gute Nachrichten. Tausende von Russen sind gefangen genommen und ihr Vormarsch ist vereitelt. Auch in Galizien sind die Deutschen den Östreichern zu Hilfe gekommen; auch hier werden jetzt die Russen zurückgetrieben. – Die Kundgebung hervorragender Deutscher, ihr eindringliches: „es ist nicht wahr“ den schrecklichen Anschuldigungen und Verleumdungen gegenüber, hat gut getan. Ob sie auch im Auslande gehört wird! Ob auch Maeterlinck, der seine Autorität dazu benutzt, uns Deutsche als die Verbrecher der Welt hinzustellen, seine belgische Brille einmal abnehmen und die Tatsachen betrachten wird, wie sie sind! Mögen sie weiter verleumden! Nur der Übel größtes, die Schuld, soll auf deutschen Schultern nicht haften bleiben.
9. Okt.
Die Beschießung Antwerpens hat begonnen. Antwerpen brennt und ein Strom von Menschen flüchtet nach Holland. Man erzählt sich, König Albert habe die Stadt retten und vor der Beschießung übergeben wollen; aber die Engländer hätten´s nicht geduldet. Warum sollten auch die Engländer einen belgischen Hafen retten?
Ich bin am Bahnhof vorübergekommen, wo gerade ein Zug mit einem Transport aus Frankreich eingetroffen war. Es sollen Dorfbewohner aus der Nähe von Verdun gewesen sein. Welch trauriges Bild! Gut gekleidete Frauen mit Kindern, ganz kleinen Kindern, ganz alte Männer, alte Frauen – düsteren Blickes, still und ernst, fahren sie dahin. Friedlich und still haben wohl die meisten von ihnen gelebt auf ihrer heimatlichen Scholle, die ihnen der Krieg nun geraubt hat. Nun geht’s ins Feindesland, ins Ungewisse. Und doch ist ihr Elend nicht so groß wie das anderer Flüchtlinge. Es wird für die gesorgt. Aber dass die Menschen überhaupt sich so etwas antun! Es ist furchtbar und dumm zugleich.
10.
Nach langer Schwüle wieder Bewegung und Leben. Antwerpen, die stolze, die stärkste Feste Belgiens ist gefallen, ist in deutscher Hand. Rascher als wir gehofft, hat sich ihr Geschick vollzogen. Aber sie hat erst – die Engländer haben´s gewollt – zerstört werden müssen. Vergebens sucht man eine Nachricht bezüglich der Besatzung. Hat sie sich doch nach der Küste durchgeschlagen und muss an anderer Stelle von neuem bekämpft werden?
König Karol von Rumänien ist gestorben. Ich glaube, er war ein Freund Deutschlands, er war ja auch deutschen Blutes. Wird nun die östreich-feindliche Stimmung die Oberhand gewinnen? Bald sind wir von aller Welt verlassen.
13.
Der Großteil der Besatzung von Antwerpen ist nach der Küste durchgekommen; die Schlacht in Nordfrankreich ist immer noch unentschieden; die Russen waren wieder bis Lyck vorgedrungen, sind aber schon wieder zurückgeschlagen worden. – Gestern war ich wieder im Lazarett. Der Mann mit der schrecklich eiternden Wunde ist an Blutvergiftung gestorben. Ein andrer nimmt seine Lagerstätte ein und der Tod wird auch hier nicht lange auf sich warten lassen. Still und bleich, die Augen fast immer geschlossen, so liegt er da, geknickt in der Blüte des Lebens. Der Vater weilt am Sterbelager. Ein schlichter Mann, unendlich rührend in seiner treuen Fürsorge für den Sohn und hilflos zugleich gegenüber den Mächten des Schicksals, die hier unbarmherzig walten. Das Los des treuen Vaters scheint mir härter als das des jungen Sterbenden, der im guten Glauben an seine endliche Genesung wohl bald entschlummern wird.
Ein russischer Panzerkreuzer erhielt einen wohlgezielten Schuss von einem deutschen Torpedo und „versank mit seiner ganzen Besatzung senkrecht in die Tiefe.“ Ich lese den Satz noch einmal. Wie schön und wie furchtbar! Die Stimme des sieghaften Deutschen jubelt; die Stimme der Menschlichkeit klagt und weint. Dieser schrecklich traurige Zwiespalt!
17.
Wie haben sich in dieser Woche die Reihen der von Kaiserslautern ausgezogenen Kämpfer gelichtet! Todesanzeige folgt auf Todesanzeige. Ein großes, furchtbares Sterben, von Menschen, nicht von der Natur gewollt. Da tut´s natürlich Not, dass die Reihen wieder aufgefüllt werden. In den Kasernen draußen herrscht auch außerordentlich Betrieb. Für 1000 ist sie eingerichtet und mehr als 2000 Rekruten sind eingezogen und sollen nach achtwöchiger Übung bereit sein vor den Feind zu gehen und neuen eintretenden Rekruten den Platz wieder frei machen. –
Auf dem Kriegsschauplatz hat sich wenig geändert. Brügge und Ostende sind in deutscher Hand.
21.
Von Kriegsereignissen hören wir wenig, vom Kriegselend viel, erschreckend viel. „Das einzige Kind verwundet, todkrank im Lazarett, die Eltern müssen eilen, wenn sie ihr Kind noch einmal sehen wollen“, – „ein Sohn tot, einer verwundet, einer gefangen“, – „ein Sohn gefangen, dem anderen das Bein abgenommen“, – „ein Bruder verwundet, die Augen wurden ihm ausgestochen, nun ist er tot“. So hört man erzählen. Des Elendes wäre genug, übergenug, wenn der Krieg jetzt zu Ende ginge. Aber an ein Ende ist anscheinend nicht zu denken.
22.
Nur allgemeine Nachrichten vom Kriegsschauplatz. Und die Leute drängen sich, wenn die Nachrichten kommen; Erwachsene und Kinder – sie können´s kaum erwarten. Ich glaube, es ist nicht Ungeduld, was sie treibt, es ist die Unruhe, es sind die schweren Sorgen, die sie bedrückt. Auch der Glaube an unsere gerechte Sache und an unsere Kraft kann diese Sorgen nicht mehr bannen. Der Feinde sind zu viel und jede Kraft hat ihre Grenzen. Allmächtig ist kein Mensch und kein Volk.
23.
Der Alltag fordert seine Rechte auch im Kriege und doch hat auch er ein anderes Gepräge. Dass die Unterrichtszeit ungleichmäßig ist – vier Schulhäuser sind Lazarette geworden, und zwei Klassen müssen mit einem Saale vorlieb nehmen – ist noch das Geringste. Aber wie sollen Lehrer und Schüler in liebevoller Kleinarbeit aufgehen, wenn die Ereignisse eine so schrecklich wuchtige Sprache reden. Solange der rollende Donner in unseren Ohren klingt – und er hallt bis hierher – solange ist an eine friedlich-ruhige Arbeit nicht zu denken. Der Krieg und immer wieder der Krieg – das ist das einzige Thema, mit dem in der Schule etwas anzufangen ist, und diese Zeit möglichst mit Bewusstsein erleben zu lassen, ist auch wohl das Beste, was wir der Jugend jetzt bieten können. Und die Pausen! Ich kann´s gar nicht begreifen, worüber wir uns früher unterhalten haben. Jetzt gibt es nur noch einen Gesprächsstoff, weil es nur noch ein Denken und ein Sorgen gibt. Und wenn die großen Strategen aus dem Friedenslager ihre Meinungen austauschen, das ist bei allem Ernste der Sachlage doch manchmal drollig. Der eine kann sich nicht halten vor Sorge; der andere weiß ganz genau, dass bis jetzt alles so gegangen ist, wie der Generalstab es wünschte; der andere meint, auch die deutschen Generäle hätten „ihren Lehrnachweis mit Stoffverteilung und vieles sei schon rot unterstrichen! – Rot unterstrichen, Gott weiß, das stimmt gewiss. –
Die Karlsruhe hat 12 englische Dampfer in den Grund gebohrt, nachdem die Mannschaften in Sicherheit gebracht waren. Die Emden hat die Engländer schon 40 Millionen Mark gekostet. Es ist nur Materialschaden, der England nicht allzu wehe tut. Aber Englands Unantastbarkeit – sein Nimbus! Sie gehen dahin.
25.
Ein Sonntag. Nie zuvor habe ich die Kirche so gefüllt gesehen wie in dieser Kriegszeit; die Menschen sind offenbar eingestimmt auf die Eindrücke, die hier wirksam sind. Was wir mitnehmen aus solchen Erbauungsstunden, hängt ja zum großen Teile von uns selber ab. Das durch die bunten Fenster gedämpfte Licht und die harmonischen Linien des edlen Bauwerkes erquickten meine Augen, die heute wirklich besonders zarte Musik der Orgel umfing mich sanft und lind und die Worte des Predigers gaben mir Erbauung. „Wer den geringsten meiner Brüder aufnimmt, der nimmt mich auf.“ – Diese ewigen Menschheitsfragen bleiben einem doch immer gegenwärtig. Die groben, wuchtigen Ereignisse des Krieges übertönen sie ja auf der einen Seite; aber sie rufen auf der anderen Seite auch laut und gebieterisch nach ihrer Beantwortung. Was ist der Mensch, – was soll er sein, – was wird aus ihm? Wie er sein soll, das zeigt uns der Krieg gewiss nicht oder nur ausnahmsweise. Zeigt er uns, wie er ist? „Ein Scheusal, eine Bestie“, müssen wir dann gar oft antworten. Wenn etwas wahr daran ist, was man von der Behandlung unserer (der deutschen) Gefangenen, vor allem der Verwundeten erzählt, dann weiß ich kein Wort, das hart genug ist, die Scheußlichkeit des Menschen zu kennzeichnen. Unser deutsches Volk hat – Gott sei Dank – in dieser Beziehung seinen Schild rein erhalten. Wie es auf dem Schlachtfeld zugeht, das weiß ich nicht. Das Kriegshandwerk ist roh und wer hier seine Pflicht tun will, muss lernen die Menschlichkeit mit Füßen zu treten, barbarisch zu sein. Aber dass die Deutschen Barbaren sind in dem Sinne, dass sie Freude an den Grausamkeiten haben, auch an denen, die der Krieg nicht nötig hat, das kann ich nicht glauben. Den traurigen Ruhm überlassen sie hoffentlich ihren Feinden. Ich habe es selbst mit angesehen, wie Franzosen in hiesigen Lazaretten menschlich, ja liebevoll und ohne jede Rücksicht auf feindliche Nationalität behandelt werden. Aber wie geht es unseren armen Verwundeten im Feindesland? Was ist der Mensch? Bleibt hier noch etwas vom Ebenbilde Gottes, von dem Geiste der reinen Liebe? Warum entreißt Gott, der Allmächtige, seine Kinder nicht diesen finsteren Gewalten? Ich glaube, auch hier herrscht Krieg, der gewaltigste und schrecklichste, der Urkrieg, der alle andern zeugt und schafft. Gott hat einen Strahl seines Geistes herabgeschickt zu jedem seiner Kinder und alles Schöne, Reine und Hohe, alles, was dem Menschen Glück und Frieden gibt, das kommt von diesem Odem des göttlichen Geistes. Aber wir Menschen überlassen uns sorglos dem Geiste der Ichsucht und der Finsternis und wenn dieser den göttlichen Funken fast ausgelöscht und damit Leid und Not und Elend in unser Leben gebracht hat, dann erinnert sich der Mensch wieder Gottes, den er doch verraten hat, und ruft nach ihm, dass er ihm helfen, dass er ihn retten soll durch seine Allmacht. Das heißt er dann „beten“ und bildet sich ein fromm zu sein. Wann werden die Menschen begreifen, dass sie Gottes Verbündete sein sollten, dass es nicht angeht, die göttliche Stimme möglichst zu ersticken und Gott doch zu Hilfe zu rufen, dass das Beten ein Sehnen nach Gemeinschaft mit und nicht ein Rufen nach äußerer Hilfe sein soll. Kämpfen mit Gott und für Gott gegen die Mächte der Finsternis – könnten wir das ernstlich, dass wäre Frieden auf Erden, dann könnte „sein Reich kommen“. –
Der Nachmittag hat mich hinausgelockt ins Freie. Es war ein herrlicher Herbsttag, wie der Himmel nur selten ihn schenkt. Ich schaue vom Humberg herunter ins Tal. Die Herbstsonne leuchtet über den Häusern der friedsamen Stadt, über der jungen grünen Saat, über den bunten Wäldern. Es ist ein wundersames Bild voll Harmonie und Schön[heit]. Doch aus der Ferne klingt wieder das dumpfe Rollen des Kanonendonners, die Botschaft von den Schrecken des Krieges. Ich weiß nicht, ist´s Einbildung oder spüre ich wirklich, wie die Erde unter mir leise erzittert. Nach dem Spaziergang gehe ich noch rasch ins Lazarett. Ein Besuch dort gehört zum Sonntag. Die Leute sind vergnügt; ihre schweren Wunden heilen langsam und selbst der Schwerkranke mit der Blutvergiftung fängt an sich langsam zu erholen. Das ist mir eine rechte Freude.
31.
Die Woche ist wieder vorüber. Erbitterte, blutige Kämpfe – keine Entscheidung! Harte Worte. Im Osten mussten Deutsche und Östreicher vor der Übermacht der Russen zurückweichen. – Aber einem Helden, der herrliche Taten vollbringt, mochten wir zujubeln, der Emden. Sie hat wieder einen französischen Kreuzer und einen japanischen Torpedozerstörer in den Grund gebohrt. 70 Schiffe sollen Jagd machen auf diesen kühnen Seeräuber. Bis jetzt hat er allen eine lange Nase gedreht, hat sich durchgewunden und hat seine Tätigkeit wieder aufgenommen, wo ihn niemand vermutete. – Auch die Türkei hat sich nun entschlossen in den Kampf einzugreifen. Nun werden hoffentlich Ägypten und Persien bald losschlagen und in Südafrika sich die Buren erheben. Mag nun England einmal die Rolle übernehmen „Kriegserklärungen entgegenzunehmen“. Deutschland hat in dieser Beziehung seine Schuldigkeit getan. – Die Stadt bietet kaum ein anderes Bild als in Friedenszeiten. Nur die Feldgrauen und eine große Zahl schwarz gekleideter Frauen fallen etwas in die Augen. Aber wo man reden hört, da dreht es sich um die Ereignisse des Krieges, um die Gefallenen oder die hier untergebrachten Verwundeten. Einer soll irrsinnig geworden sein. Er war als Verwundeter in einen nahen Wald gegangen, in dem auch ein Franzose Schutz gesucht hatte. Da sieht er, wie der Franzose in seine Seitentasche greift. „Der will mich morden“, denkt er, nimmt rasch sein Gewehr und erschießt ihn. Dann will er sich doch die Waffe betrachten, die der Feind in seiner Tasche verborgen hatte und sieht in der Hand des feindlichen Kameraden – das Bild von Frau und Kind. Der deutsche Soldat ist nicht zu beruhigen über diesen unglückseligen Mord und soll nun wirklich irrsinnig sein. – Viele Feldbriefe habe ich in diesen Tagen gelesen, Briefe von ganz schlichten Männern aus dem Volke und einen Brief eines gefallenen Offiziers. Die Briefe sind z.T. erst angekommen, als die Männer schon zur Ruhe gebettet waren. Ich habe sie alle mit tiefer Rührung gelesen. Wie diese Helden mit schlichter Selbstverständlichkeit ihren Leib den schwersten Gefahren aussetzen, wie sie es fertig bringen bei schweren Verwundungen alle Schmerzen zu unterdrücken und erst noch für´s Vaterland zu sorgen, ehe sie Hilfe für den todwunden Körper suchen – das ist wahrhaft groß. Neben den hässlichen Schlacken bringt doch der Krieg auch seine Goldkörner ans Tageslicht, die leuchten wie der lichte Sonnenschein aus dunklem Gewölk.
6. Nov.
Die Tage vergehen still und ernst. Ereignisse von Bedeutung – von Bedeutung für das Ganze, nicht für den Einzelnen – sind nicht gefallen. Was zählt auch das Geschick des Einzelnen in diesen Zeitläuften! Hart und kalt sind die Berichte, als ob Steinblöcke oder Holzfiguren in Betracht kämen, die man werfen und drehen kann, wie das Spiel es fordert. Und wir Leser gewöhnen uns daran sie so aufzufassen. Aus Tausenden wird eines und nur das Geschick dieses einen gilt. Die tausend und abertausend Einzelner aber – und sind sie auch voll Lebenskraft und wertvolle Menschen – sind gestrichen. –
Die Buren wehren sich tapfer gegen Englands Herrschaft. Ob der Krieg, der zur endgültigen Festlegung ihrer Herrschaft geführt wird, ihre Macht brechen wird?
Von Kiautschou kommt die Nachricht, dass die Deutschen die Befestigungen der Japaner zerstört und ihren Angriff für längere Zeit unmöglich gemacht haben. Die Nachricht klingt fast wie ein Märchen. Da stehen einige tausend Deutsche auf weltverlorenem Posten, umringt von ungezählten starken Feinden, die auf sie eindringen, wie die Wogen des Meeres auf eine kleine Insel und sie stehen stolz und unverzagt und an ihrem Heldenmute zerschellen die Wellen feindlicher Macht und Tücke. Deutschland kann stolz sein auf seine Helden. – Und doch ist dieser stolze Heldenmut sicher nicht höher anzuschlagen als jenes stille Heldentum, das von den Kriegern in den Schützengräben verlangt wird, das Heldentum des stillen, zähen Ausharrens und Duldens. Uns will die Zeit lang werden, bis die Entscheidung kommt. Und dort liegen sie wochenlang in den Schützengräben, leiden durch die Feinde, durch Kälte und Schmutz, durch Hunger und Durst, entbehren alle Bequemlichkeiten und dürfen doch nicht verzagen. Wenn nicht alles trügt, wird gerade dies Heldentum, dies ruhmlose Heldentum, in diesem Krieg den Ausschlag geben. „Das alles wäre nicht so schlimm“, schreibt ein Soldat aus den Schützengräben, „aber das Morden Tag für Tag, das habe ich satt.“ Immer dieser schreckliche Zwiespalt. Heldentum und Menschlichkeit – wann werden sie eins sein?
8.
Tsingtau ist nach heldenmütiger Gegenwehr gefallen. Das war vorauszusehen. Der stärkste Fels muss wanken, wenn das Meer von allen Seiten unaufhaltsam daranschlägt. Auch die Kämpfenden wussten wohl, dass ihre Sache eine verlorene war. Sie kämpften um die deutsche Ehre, um den deutschen Namen und in diesem Sinne haben sie gesiegt trotz alledem. – An der Küste von Chile hat eine Seeschlacht gegen die Engländer stattgefunden; die Deutschen haben gesiegt. Unangreifbar ist England nicht mehr. Dieser Ruhm ist dahin.
11.
Die Emden hat einen ruhmvollen Untergang gefunden. Auch diese Trauerbotschaft musste erwartet werden. Viele Hunde sind halt doch des Hasen Tod. Und es wird doch einzig dastehen, dass so viele Hunde auf einen einzigen Hasen gehetzt wurden. Die Berichte bringen Nachrichten von deutschem Vordringen auf allen Schauplätzen. Aber auch Nachrichten von unbeschreiblichem, entsetzlichem Elend. „1200 Menschen sind in einer Stadt verbrannt“, so lautet eine davon.
14.
Junge, blühende Menschenkinder fahren nach dem westlichen Kriegsschauplatz. Ist es die schöne Sorglosigkeit der Jugend, ist es Begeisterung für die gute Sache oder beides zugleich – die meisten fahren dahin mit Frohsinn und Gesang, als ginge es zu einem Feste, und die Umstehenden schauen ihnen nach mit Bewunderung und Wehmut. Werden sie zurückkehren und wie?
Und andere Züge kommen her von Westen; aber da tönt kein fröhlicher Gesang, da ist´s still und ernst oder man hört Seufzen und Stöhnen. Manchem wäre wohl besser, der Todesengel hätte ihn auf dem Schlachtfelde schon gefunden und hätte ihn aus dem vollen, blühenden Leben hinübergetragen in die Gefilde der Ewigkeit. – Allerdings fehlt´s auch daran nicht. Die Zahl der Todesanzeigen will kein Ende nehmen. Man liest fast schon darüber hinweg. Nur wenn man die Menschen gut gekannt hat, dann packt´s wieder. Lehrer Pfleger aus der Nachbarschaft, den ich oft auf dem Schulwege traf, gehört auch zu den Gefallenen. Ich sehe das Bild wieder vor mir, wie er sich auf dem Heimwege vor seinen Kindern versteckt, und wie die Kinder jubeln, wenn sie ihn gefunden haben – das Bild eines glücklichen Familienvaters. Dass der Mann jetzt tot sein soll, ist so traurig und er ist doch nur einer von den Tausenden, deren Kinder vergeblich nach dem Vater ausschauen.
16.
Endlich einmal wieder eine gute Nachricht. Hindenburg hat wieder 23000 Russen gefangen und weitere 5000 sind an einem anderen Schauplatz genommen worden. Sonst geht es vorwärts, aber nur meterweise; Haus um Haus muss erstürmt werden. Der Feind wehrt sich verzweifelt. – Die Türkei hat den heiligen Krieg gegen England und Frankreich erklärt. Wie wird Italien sich entschließen? Italien könnte tatsächlich das Zünglein an der Waage bilden und sie herabdrücken zum Schaden seiner Verbündeten.
17.
Alle Mittelschulen haben heute des Sieges wegen schulfrei; die Volksschulen nicht. Ich weiß nicht, ob wir jetzt schon „Sieg“ feiern sollen. Die Lage in Ypern und Nordfrankreich ist gewiss nicht rosig und es herrscht Trauer in unzähligen Häusern. Aber dass man einen solchen Sieg von der Gesamtheit erkämpfen und nur von einem bevorzugten Teil feiern lässt, das scheint mir unerhört. –
Endlich einmal wieder ein Augenblick zum Schreiben. 2 Klassen und in jeder Klasse noch eine Sonderbeschäftigung durch Stricken von Wollsachen und Sammeln von Weihnachtsgaben, das ist auch im Kriege zu viel. Mit welcher Freude aber die Kinder und die armen besonders ein Stückchen Schokolade, ein mit Zucker gefülltes Säckchen, ein paar Zigarren oder Zigaretten als Weihnachtsgabe für die Krieger zusammentragen, das ist rührend. Und wenn´s ihnen mit dem Stricken noch nicht recht gelingt, so liegt´s nicht an ihrem guten Willen. Sie haben sich wirklich angestrengt. Was überhaupt in den letzten Monaten in Deutschland für die im Felde stehenden Krieger gestrickt worden ist, das muss eine ungeheure Menge sein. Alle Hände rühren sich, damit die Krieger doch, soweit es möglich ist, vor den Unbilden der Witterung geschützt seien. Zu leiden haben sie wohl dennoch; denn der Winter hat seine Herrschaft früh und streng begonnen und Schützengraben bleibt Schützengraben. –
Was in Ypern durch ungeheure Opfer errungen war, ist wohl wieder verloren gegangen. Der Angriff konnte nicht weitergeführt werden. Es muss dort furchtbar zugegangen sein. Oft sollen Deutsche gegen Deutsche gekämpft haben. „Die Schützengräben sind ganz nahe beieinander und wenn die Franzosen oder Engländer listig in deutscher Sprache „Zum Sturme vor“ kommandieren, so glauben die Deutschen ihre eigenen Offiziere zu hören, stürmen wirklich und werden von den lauernden Feinden niedergemacht. Da die Feinde vielfach das deutsche Feldgrau tragen, wird die Verwirrung noch größer – Freund und Feind sind nicht mehr zu unterscheiden – und so stirbt mancher Deutsche unter den Streichen seines Landesbruders“, so erzählen Verwundete, die von Ypern kommen. Die Worte „gefallen bei Ypern oder Comine[s]“ wiederholen sich auch unheimlich oft in den Todesanzeigen. Inzwischen fahren fast täglich Truppentransporte dahin ab. Meine Schülerinnen erzählen, dass ihnen die Leute kleine Christbäumchen und ähnliches in die Hand drücken. Sie sollen in Bezug auf Kleidung und Waffen glänzend ausgestattet sein. Man entsetzt sich, wenn man erzählen hört von diesen grausigen Mordinstrumenten. Und andere grausige Dinge hört man. In der Zeitung soll eine Anzeige gestanden haben: „Vermisst wird ein 9jähriges Mädchen mit bleicher, von kaum überstandener Krankheit herrührender Gesichtsfarbe und mit einer von einem Schwerte herrührenden Wunde am Arm.“ Welch furchtbare Geschichten erzählen derartige Worte! – Und nun noch ein freundliches Bild. Der Tuttlinger, der so schwer verwundet im Lazarette lag, hat das eiserne Kreuz bekommen. Ich habe ihn besucht und habe mich erfreut an seiner kindlichen Freude. Ich glaube, er war selbst über diese Auszeichnung am meisten überrascht. Nun ist die Urkunde schon eingerahmt; das Kreuz – ein schöner Schmuck – prangt auf seiner Brust und die freundlichen Briefe seiner Vorgesetzten werden aufbewahrt wie etwas Köstliches. Seine geraden Glieder bekommt er freilich nicht mehr. Das Ellbogengelenk ist zersplittert und bleibt steif; das rechte Bein bleibt verkürzt. Aber ein fröhlich Herz ist schließlich noch mehr wert als gerade Glieder.
26.
40 000 unverwundete Russen hat Mackensen bei Lodz gefangen, dazu eine Anzahl von Geschützen, Munition usw. Mit der Aufmerksamkeit für einen anderen Unterrichtsstoff ist`s vorbei: Wir erzählen noch ein wenig von deutschen Helden, singen „Deutschland, Deutschland über alles“ und gehen nach Hause. 40 000 gefangene Russen hier, 29 000 haben die Östreicher gemacht, eine hübsche Zahl. Und doch ist die Schlacht nicht entschieden. Das Menschenmaterial ist unerschöpflich in Russland. Für 10 gefangene tauchen 100 neue wieder auf. Kanonen und Munition sind aber so leicht nicht zu ersetzen.
Im Westen ist die Lage unverändert. „Unabänderlich“, sagte eine einfache Frau, die das Wort falsch verstanden hat. Die Gegner liegen seit lange in einer Hunderte von Kilometer langen Linie einander gegenüber und belagern und bewachen sich gegenseitig. Wer wird in diesem Maulwurfskrieg zuerst Atem und Nerven verlieren?
29.
In Kaiserslautern hat man die Gefangennahme der Russen zweimal gefeiert. Als im Wochenbericht noch einmal von der Gefangennahme der Russen die Rede war, glaubten die Leute, es seien von neuem 60 000 Russen gefangen worden. Die Glocken läuteten wieder und es herrschte großer Jubel. Leider unnötig!
4. Dez.
Belgrad ist gefallen. Die Meldung hat den Mittelschülern einen schulfreien, einen Feiertag gebracht. Für die Volksschüler bleibt der Alltag. Dass aber doch ein bisschen Abwechselung hinzukommt, hat eine Klasse an diesem Tage wenigstens außerordentliche Visitation. – In Flandern muss wieder hartnäckig und ohne wesentlichen Erfolg gekämpft werden. Vor Wochen schon kämpften Soldaten aus Kaiserslautern vor Ypern (3 km von der Stadt entfernt) und noch sind sie in die Stadt nicht eingezogen. Wie lange wird’s noch dauern, bis dies Stückchen Erde erkauft ist? Ich glaube, wir haben hier alle keine Ahnung, wie teuer es schon jetzt zu stehen kommt. – Auch in Russland dauern die Kämpfe noch an. Was der letzte Sieg bedeutet hat, sehen wir erst jetzt. Das deutsche Heer war bei Lodz von den Russen fast völlig eingeschlossen; ein schreckliches Sedan drohte ihm und das löste in Russland und England großen Siegesjubel aus. Dass es den Deutschen dennoch gelang nicht allein durchzubrechen sondern noch 15 000 russische Gefangene mitzunehmen, das ist eine großartige Leistung der Führer und der Truppen. – Ein wahrer Segen, dass der russische Soldat dem deutschen nicht gleichwertig und dass die Deutschen von einem Hindenburg geführt sind. Wäre das Verhältnis umgekehrt, Deutschland müsste zerbröckeln und verbluten unter „der russischen Dampfwalze, die die deutschen Mäuse zerquetschen sollte.“ Dann hätten auch die anderen Feinde leichtes Spiel. – Es muss ohnehin im Westen furchtbar hart herausgehen. Vorige Woche kam fast die ganze Kompanie, die von hier fortgezogen war, verwundet wieder zurück. Sie haben keinen Feind gesehen – so erzählt man – sie haben keinen Schuss abgegeben. Vorwärts ging´s durch einen Wald, wo sie alle von dem feindlichen Feuer erreicht und verwundet wurden. –
8. Dez.
Italien – es ist ein wahrer Hohn – bildet immer noch eine schwere Bedrohung für seine Bundesgenossen. Der italienische Kanzler hat im Parlament eine Rede gehalten, ein wahres Meisterstück von Vieldeutigkeit. Will Italien weiter neutral bleiben, so handelt es nach den Worten seines Kanzlers; – will es seine Heeresmacht den Verbündeten zuführen, so werden seine Worte nicht hinderlich sein; – will es, wie eine starke Partei in Italien verlangt, den Feinden seiner Verbündeten beispringen, auch dann widerspricht sein Handeln diesen Worten nicht. Italien steht also vorläufig beiseite und hebt die Karte erst auf, wenn es weiß, dass sie Trumpf bedeutet. Nur eines hat der Kanzler eindeutig gesagt. Wenn es ans Teilen geht, dann wird Italien den Mantel der Neutralität unbedingt ablegen, seine Ansprüche geltend machen und durchsetzen, bei der Ernte also dabei sein. Rumänien spielt wohl die gleiche Rolle. Der Soldat hat Recht mit der Bemerkung, die er neulich im Eisenbahnabteil machte: „Wenn die Sache gut vorüber ist, dann sollte man „meiner Seel“ gleich gegen Italien gehen.“ – Fürst Bülow hat den Gesandtschaftsposten in Italien wieder angenommen.
11. Dez.
Strahlender Sonnenschein auf den Straßen – Traurigkeit und Niedergeschlagenheit auf den Gesichtern. Eine richtige Hiobsbotschaft ist eingetroffen. Unser Kreuzergeschwader auf dem Ozean ist bei den Falkland-Inseln vernichtet. Die „Scharnhorst, Gneisenau, Leipzig“ sind gesunken; die „Nürnberg“ eingefangen. 38 englische Kriegsschiffe, darunter große Linienschiffe, gegen 5 deutsche. Der Kampf war ungleich und der Sieg ist kein Lorbeer für die Feinde, so wenig wie das Einfangen der „Emden“ und die Einnahme von Tientsin. Aber was nützt der Trost? Unsere schönen Kreuzer, die tapferen Mannschaften sind dahin und die anderen Schiffe auf dem Ozean sind wie verirrte Vögel, die von Raubtieren verfolgt werden. England ist wieder der unumschränkte Herrscher der Weltmeere. Ist Deutschland der Riesenaufgabe, die ihm der Krieg stellt, doch nicht gewachsen? – Im Westen bleibt die Lage „unabänderlich“. Die Kräfte heben sich anscheinend gegenseitig auf. –
12.
Der tapfere Kapitän von Spee ist mit seinem Schiffe wirklich untergegangen. Unbegreiflich scheint, dass die Engländer gar keine Verluste haben sollen. Die großen Linienschiffe haben sicher weiter tragende Kanonen, konnten also wohl treffen, ohne getroffen zu werden. Und doch scheint es nicht recht glaublich, dass die deutschen Kreuzer viele Stunden ohne jeden Erfolg gekämpft haben sollen. – Die Gefangennahme von 11.000 Russen wird gemeldet.
14. Dez
Die Östreicher haben weitere 9000 Russen gefangen. – Vor den Serben mussten sie aber nach „glänzenden aber verlustreichen“ Kämpfen zurückgehen. Eine richtige Niederlage also, wenn´s auch anders dargestellt wird. Den Zeitungsberichten ist doch gar nicht zu trauen. Man musste glauben – nach ihrer Darstellung –, Serbien sei fast abgetan, und nun berichten die Tatsachen von dieser starken serbischen Heeresmacht. Ich kann die Schönfärberei, die auch in unsern Zeitungen unverkennbar ist, nicht leiden und bin etwas misstrauisch; für so schlimm hätte ich diese Sache aber doch nicht gehalten.
15.
Belgrad ist von den Östreichern wieder geräumt worden.
18.
Die Nachricht von einem deutschen Siege über die Russen, glänzend und bedeutungsvoll, wie ihn die Welt nur selten gesehen, durcheilt die Stadt. Die Schüler der Mittelschulen bekommen wieder einen schulfreien Tag. – Wir haben vor für die ärmsten unserer Schülerinnen eine Weihnachtsbescherung und eine kleine Weihnachtsfeier zu veranstalten und die Sache macht mir viel Arbeit. Und doch halte ich es nun zu Hause nicht mehr aus; ich muss in die Stadt die Wirkung dieser Nachricht zu sehen. Doch das Bild ist unverändert. Nur wenige Menschen sind auf der Straße und diese sind still, als sei nichts Außerordentliches geschehen. Auf dem Heimwege erzählt mir ein Bekannter, der von der Bahn kommt, auf der Kommandantur sei die Nachricht eingetroffen, dass 350 000 Russen gefangen genommen seien 350 000 Russen, ich kann´s nicht glauben, die Zahl ist zu ungeheuerlich, und gehe selbst zur Bahn. Angeschlagen ist noch nichts; aber der Wache haltende Posten versichert, ich könne ruhig darüber schlafen, die Zahl sei richtig und eine noch größere Zahl von Russen sei eingeschlossen. Nun glaube ich´s wirklich und kann gar nicht begreifen, dass die Menschen schon zu Bette gegangen sind. Ich bin versucht durch die Straßen zu laufen und zu rufen: „350 000 Russen sind gefangen. Freut Euch doch! Der Krieg gegen Russland wird bald zu Ende sein.“
19.
Die Nachricht d.h. die Zahl war doch falsch. Ein Pfälzer Blatt hatte sie als amtliche Nachricht verbreitet und die Menschen irregeführt. Ein großer Sieg war´s aber doch. Die Offensivkraft der Russen soll gebrochen sein.
24
Schreiben ist ein elend Ding, wenn „Sterben“ das große Losungswort ist. Und doch drängt´s mich auch wieder fortzufahren, was ich einmal begonnen habe. Auch in unserer Familie hat der Tod eine Beute geholt; meinen lieben Neffen Kurt, einen schönen, kraftstrotzenden Knaben von 11 Jahren, von dem niemand geglaubt hätte, dass der Tod ihm nahen könnte, hat er sich ausgesucht. Nicht der Krieg hat´s getan, die Natur selbst hat mit unsichtbaren, aber tausendfältigen vergifteten Waffen – Bakterien genannt – die gesunde Lebenskraft unheimlich rasch vernichtet. Da liegt er nun auf der Bahre, kalt und starr, und die Angehörigen stehen weinend, aber hilflos dabei. Die Bahre wird geschlossen und die Bekannten versammeln sich, den Toten zur letzten Ruhestatt zu geleiten. Auch die Mitschüler sind gekommen ihm das Grabgeleite zu geben. Welch scharfer Gegensatz! Da gehen sie hin mit frischen, stolzen Schritten, ein schönes Bild von Jugend und drängender Kraft. Sie sehen den Tod vor sich und kennen ihn doch nicht und fühlen ihn nicht; sie fühlen nur das blühende Leben, dessen Strom sie dahinträgt. Man könnte sich erquicken an diesem Bilde frischen, kraftvollen Lebens. Aber in der Mitte steht die Bahre, da triumphiert der Tod. Wie kann die Natur so grausam sein! „Grausam“ – ist wohl nicht das rechte Wort. Die Natur arbeitet nicht gefühlsmäßig; sie bleibt neutral; sie kennt nur ein Ziel – das Ganze zu hegen und zu pflegen, dass es bleibe in seinem Bestand; Einzelgeschöpfe kümmern sie nicht. Zur Erhaltung des Ganzen aber hat sie sich wunderbar, bis ins Allerkleinste unfasslich wunderbar eingerichtet. Was macht´s ihr aus, dass, wie hier, ein Einzelner vorzeitig ins Grab sinkt? Sein früher Tod wird das Ganze nicht gefährden. – Wo neue Geschöpfe im Übermaße erzeugt werden, da fehlt überhaupt – wie bei manchen Tieren – jede Fürsorge, da kümmern sich die Eltern nicht um ihre Kinder, ja sie fressen dieselben gierig auf. Macht nichts. So viel die Natur zu ihrem Bestande braucht, bleiben doch übrig. Wo aber neue Geschöpfe nur in mäßiger Zahl zur Welt geboren werden, da hat sie alles auf das Wunderbarste darauf eingestellt, dass die Geschöpfe ihren Willen erfüllen müssen. Mit welchem Liebreiz umgibt sie die erwachsene Jungfrau, mit welch stolzer Kraft den jugendlichen Mann! Und sie freuen sich dieser köstlichen Gaben im Übermaße und merken nicht, dass sie genarrt sind, dass sie dieselben nur so lange behalten dürfen, als sie für die Zwecke der Natur in Frage kommen; sie suchen sich und finden ihr Glück in der Vereinigung, ganz wie die Natur es will und braucht. Schwach und hilflos sind die neugeborenen Geschöpfe; aber opferbereite Elternliebe (hat die Natur auch sie für ihre Zwecke erzeugt?) empfängt und trägt sie. Diese Schwäche und Hilflosigkeit trägt ja auch ein wunderbar frisches, entzückend köstliches Gewand, ihr zu dienen ist nicht harte Arbeit und Sorge und Qual, ihr zu dienen ist Lust und einzigartiges Glück. Durch ungeheures Übermaß der Erzeugung oder durch wunderbar feine Fürsorge für die schwachen Neugeborenen hat die Natur gesorgt, dass ihre Geschöpfe, sich weiter erzeugend, bestehen. Haben sie ihren Zweck erfüllt, dann kümmert die Natur sich nicht mehr um sie; dann mögen sie altern und welken und dahinsiechen; sie sind wertlos geworden; sobald ihre Naturbestimmung erfüllt haben. Aber was ist der Sinn des Lebens? Sollen wir Menschen und alle Geschöpfe nur leben, um weiter zu zeugen; sollen Liebesglück und Elternliebe nur Listen sein, die die Natur heuchlerisch gebraucht, um die Geschöpfe ihren eigenen Zwecken dienstbar zu machen? Lohnt sich dann das Leben? Und ist es wieder eine Überlistung der Natur, dass wir das Leben so unendlich lieben und den Tod fürchten müssen? Will sie uns damit zwingen dies Leben zu behüten und zu erhalten, solange es ihr gefällt? Und sie fragt ja schließlich doch nicht nach unserer Lebenssehnsucht und nach unserer Furcht vor dem Tode und wirft uns achtlos beiseite, wenn sie uns nicht mehr brauchen kann. Bedauernswerte, elende Geschöpfe sind wir doch, wenn wir das Leben von diesem Standpunkte aus betrachten. Und man möchte denen recht geben, die unbekümmert dahintaumeln im Sinnengenuss. Aber freuen sie sich wirklich des Lebens, hat Sinnengenuss je das Leben wert gemacht? Gab es ein Köstliches in unserm Leben – wir besaßen es ganz gewiss, wenn wir unser enges Ich vergaßen und andern halfen in ihren Nöten, wenn wir unsere Kraft einsetzten im Dienste einer großen Sache, die uns heilig war. Hier ist der Stern des Lebens, der über der Erde leuchtet; hier überwinden wir die Natur und greifen nach dem, was ewig und unvergänglich ist; hier reicht uns Gott selber, der Allgütige, die Hand und will uns befreien aus der Gewalt dieser rohen Natur. Aber der Stern steht hoch und die Natur hat uns an die Erde gebunden, dass wir müssen wandern in der Tiefe. Und wir suchen einen Weg, wollen die Mühsal überwinden durch Genüsse, die die Natur listig uns darbietet, und vergessen des Lichtes aus der Ewigkeit Reich. Und Gott, der uns helfen will, wartet vergeblich, und die Natur, die uns überlistet, die uns missbraucht, die triumphiert. –
„Herr, mach uns frei!“ Wie kann Gott den Menschen frei machen, wenn der sich einmauert in sein Ich, das allein er kennt und liebt, für das allein er sorgt und lebt, wenn er den göttlichen Funken, der zur Flamme werden und den Menschen über die Mauer des Ich hinübertragen möchte in das Reich der Ewigkeit, soweit es nur möglich ist, erstickt, wenn er selber den Weg nicht freigibt, der zur Freiheit führt? Der Christ glaubt an ein Leben nach dem Tode, an ein Leben im Reiche Gottes, wo er der rohen Naturgewalt entrückt ist. Der Glaube ist unerhört groß, tröstlich und wunderbar. Wir sind ja schon erbaut und emporgetragen, wenn uns der Irdischen einer einen Winkel, ein Eckchen dieses Reiches durch die Macht der Poesie, der Musik, der bildenden Kunst oder der wissenschaftlichen Forschung spärlich erleuchtet. Genien der Menschheit nennen wir sie und sitzen zu ihren Füßen und wärmen uns an dem ausstrahlenden Lichte. Und doch ist nur ein winziges Eckchen und das nur von einer einzigen Seite her etwas erhellt. Dass das Reich uns aufgetan werde, voll und weit in seiner ganzen erhabenen Herrlichkeit – wir sind ja so schwach, dass wir diesen Gedanken gar nicht fassen können. Werden wir eingehen in das Reich voll unbegreiflicher Kraft und Herrlichkeit? Das Christentum und – soviel ich weiß – auch andere Religionen behaupten´s bestimmt. Sie wollen sogar wissen, in welchem Zustand der Mensch hier eintreten wird. Können wir uns aber vermessen das genau wissen zu wollen, was man nur ahnen und fühlen und ersehnen kann. Das Eine ist mir klar – und das sollte uns schwachen Menschen genug sein –; Es gibt ein Reich des Geistes, das ewig währt, und in diesem Reiche herrscht der allgütige Gott. In seine Hände befehle ich meinen Geist.
28. Dez.
Weihnachten ist vorüber. Einen Christbaum habe ich diesmal nicht geschmückt. Die viele Arbeit für die Weihnachtsbescherung armer Kinder und dann der traurige Todesfall ließen nicht dazu kommen. Die freie Zeit, die friedliche Stille um mich her trugen doch Weihestimmung herein, wenn es auch keine fröhliche Stimmung war. – Wie wird es denen gegangen sein, die draußen vor dem Feinde stehen? Die Zeitungen berichten von erhabenen Feiern und von harten Kämpfen in der Christnacht. Kriegsweihnacht ist ein zwiespältig Wort; kann wahrer Weihnachtsfrieden daraus hervorgehen? – Gestern ist wieder eine große Zahl neu ausgebildeter Truppen – sicher 1000 Mann – von hier zur Front geschickt worden. Ich ging zum Bahnhof; aber eine breite Mauer von Menschen, über die ich nicht hinaussehen konnte, hatte sich schon gebildet. So konnte ich den Dahinziehenden nicht in die Augen schauen, wie ich gern gewollt hätte. Ich sah nur die Helmspitzen, die mit Fähnchen, Tannengrün und Brezeln geschmückte Gewehre, ich sah frische Bewegung der Jugend und hörte fröhliche Zurufe. Die Menschen hatten den Platz gestürmt bis zu den Türen des Zuges und die Beamten hatten sie nicht gehindert. Dann sah ich den Zug noch vorüberfahren, sah die jungen Menschen fröhlich grüßen mit ihren Fahnen, als gäbe es keinen Abschiedsschmerz. Sie sind die Gefeierten des Tages. Kein Wunder, dass sie fröhlich bleiben, wenn solch ein Sturm von Begeisterung sie trägt. Wird ihr Frohsinn dauern, wenn der Jubel um sie herum aufhört, wenn Entbehrungen und Not und Wunden ihrer harren? Ich wünsch´s ihnen von Herzen. Begeisterung trägt empor und macht selbst das Sterben leicht. Auch das Morden?
29.
Auch heute sind wieder einige Hundert nach Flandern geschickt worden. Ich höre den Jubel und die Hochrufe bis in mein Zimmer. Am 6. sollen wieder viele ältere Landwehrleute zum Kriegsschauplatz fahren. Sie jammern, dass sie alles im Stich lassen müssen. Gar oft müssen kleine Leute ihr Geschäft vollständig schließen. Und was wird mit Frau und Kind? – Von einem Kollegen, dem ich an Weihnachten ein Päckchen geschickt habe, erhielt ich heute eine Karte. Er schreibt: „Sie glauben gar nicht, wie viel solcher Grüße ein deutscher Soldat über sich ergehen lassen kann, wie aber auch durch diese Lawine der Treue der Wille zum Durchhalten bis ans Ende gestärkt wird.“ Unsere Soldaten können wohl in dieser Beziehung zufrieden sein. Alle Zurückgebliebenen fühlen sich in ihrer Schuld und es sind Zeichen der Dankbarkeit, Liebesgaben im wirklichen Sinne des Wortes, die ihnen gesandt werden.
Januar - März 1915
1915. –
2. Jan.
So oft ich heute auf die Straße komme, sehe ich Männer mit Köfferchen oder kleinen Schließkörben. Es sind Männer in den 30er Jahren (ungedienter Landsturm), 1600 sollen wieder hier eingerückt sein. Der Krieg ist wie ein Brunnen, der aber diesmal nicht Wasser, sondern warmes rotes Herzblut verschlingt. Die Blüte der Menschheit wird verzehrt sein, wenn er vorüber ist. Ganze Familien hat er schon vernichtet. Ich habe wieder ein grausiges Beispiel gehört. 5 Brüder zogen in den Krieg und 4 davon waren gefallen. Da macht der Vater ein Gesuch, dass der letzte doch nicht mehr in die Feuerlinie geschickt werden möge. Der Mann wird sofort frei gegeben, schwenkt beim Verlassen des Schützengrabens mit Hurra seinen Helm und sinkt, von einer feindlichen Granate getroffen, tot nieder. Die Mutter, die zu Hause alles schon zum festlichen Empfang vorbereitet hat, bekommt einen Herzschlag bei dieser Nachricht und der Vater zieht dann selbst in den Krieg. Ob alles stimmt? Dass der Krieg unsägliches Leid über die Familien bringt – das stimmt gewiss.
5.
In meiner Klasse herrscht eitel Wonne. Die Mädchen haben Quittungen für ihre Liebesgaben in Gestalt von Karten und Briefen bekommen und sind darüber sehr beglückt. Nun ist die Verbindung hergestellt. Der Soldat, der die Karte oder den Brief geschrieben hat, erhält wieder ein Paketchen. Und gerade dieser Soldat muss es sein. Sendungen an die Allgemeinheit sind nicht mehr beliebt.
8.
Nun werden die Leiden der Menschen auch durch das Wetter noch furchtbar gesteigert. Nach der kurzen Kälteperiode im Oktober – Regen und Regen und Sturm. Die Leute erzählen, dass ihnen das Wasser zu den Stiefeln hereinläuft, und die Kleider werden nie ganz trocken. Und die Stiefel bleiben im Sumpfe stecken, wenn sie vorwärts wollen. Die Sohlen sind auch verbraucht und Ersatz nicht immer rechtzeitig da. Die Verwandten schicken Stiefel ins Feld; auch um Nahrungsmittel bitten viele Krieger.
12.
Immer noch dasselbe Wetter. Das ganze untere Lautertal ist überschwemmt. Ich glaube, es gibt im Allgemeinen nur wenig schöne Sonnentage im Jahr. Aber wir können uns schützen gegen die Unbilden des Wetters und gehen ihm gelassen aus dem Wege. Aber die Menschenheere da draußen, die den Unbilden schutzlos preisgegeben sind! –
„Große, reinigende, heiligende Macht des Krieges“ habe ich neulich gelesen. Wenn man bedenkt, wie viele die Mauern um das eigene Ich gesprengt haben, wie sie bereit sind, das verhätschelte Ich zu opfern für eine große Sache – dann stimmt das Wort. Wenn nur die Kehrseite nicht wäre – das Morden und die Scheußlichkeiten des Krieges. Ich muss gerade „die Raubtiere“ für meinen Unterricht vorbereiten. Was kann ich dafür, dass ich dabei denken muss an die Tausende und Abertausende, die da draußen, zum Morde bereit, auf einander lauern wie Raubtiere auf ihre Beute. Dabei ist – wieder eine Scheußlichkeit der rohen Natur – das Morden für das Raubtier Naturbestimmung und Daseinsbedingung. Aber der Mensch! Der Krieg, der ihn auf der einen Seite frei gemacht hat für Licht und Höhe, der lässt ihn auf der andern wieder hinabsinken bis zur Vertiertheit. Zurückkehrende Soldaten berichten von Rohheiten und Gewalttaten auch deutscher Soldaten. Feindliches Gut wird ohne Bedenken weggenommen, feindliche Frauen werden rücksichtslos vergewaltigt. Ist das die große, reinigende, heiligende Macht des Krieges, ist es nicht Rücksichtslosigkeit, Niedertracht und Gesetzlosigkeit, was er im Gefolge hat? Wie kann man auf der einen schmalen Seite das Licht preisen, wenn die andere Seite in dunkelste Finsternis taucht?
16.
Nach eintägiger Pause, die die Menschen Erlösung dünkte aus bitterer Not, wieder das alte geradezu entsetzliche Wetter. Es gibt nur noch eine Abwechslung – nach langem stetigem leichten Regen wolkenbruchartiger, mit Schloßen [großen Hagelkörnern] vermischter Regen, nach leichtem Westwind orkanartiger Sturm, der die stärksten Häuser erzittern lässt, und dazwischen einmal heuchlerischer, stechender Sonnenschein. Was soll werden mit all den Tausenden, die sich gegen diese Unbilden des Wetters nicht schützen können? Es scheint uns fast unrecht, dass wir hier in Behaglichkeit weiter wohnen und ruhen können, während sie diese Leiden ertragen müssen um eine Sache, die uns gleichermaßen angeht. Dass die deutschen Berichte dennoch von Siegen im Westen (Loissons) berichten können, darüber staunen wir.
Der Krieg macht sich nach und nach auch in der Lebensführung bemerkbar. Manche Vorräte drohen knapp zu werden. Unsere Feinde haben die Einfuhr abgeschnitten und wollen uns aushungern. Da heißt´s: bei Zeiten sparen! Gebäck aus Weizenmehl gibt’s nicht mehr. Wenn der Krieg keine schwereren Entsagungen von uns fordert, müssen wir ganz stille sein. Auch die Preissteigerung ist zu ertragen für alle, die ein sicheres Einkommen haben. Alle Lebensmittel sind etwa 20% teurer. Für die Armen ist die Sache schon bitter. Sie werden dreifach von der Not getroffen. Sie müssen die meisten Krieger hinausschicken (das Zweikindersystem ist bei ihnen noch nicht eingeführt); sie haben durch den Krieg den oder wenigstens einen Teil des Verdienstes verloren; und nun sollen sie, deren Einkommen zu guter Lebensführung im Frieden kaum ausreichte, mit dem geringeren Verdienst die erhöhten Preise zahlen. (– Die Reichen haben sich durch Einkauf im Großen vorgesehen –) Da muss Not einkehren in vielen Häusern. Glücklicherweise herrscht bei den Wohlhabenden viel Opfersinn dieser Not zu steuern. Aber auch die Gewinnsucht fängt an Triumphe zu feiern. Weil die Zahl der stellenlosen Dienstmädchen gar groß ist, werden die Löhne bis zur Hälfte heruntergedrückt, auch da, wo sich nichts geändert hat weder an den Verhältnissen noch an der zu leistenden Arbeit. Ist das nicht Ausbeutung der Armen, nicht Wucher? Wie wenig bedeutet doch die eingesparte Summe für die Wohlhabenden und wie schwer fällt sie für die Armen ins Gewicht! Für wen wird der Krieg geführt? Freilich für alle. Aber er schützt für die Reichen ein Leben in Reichtum und Glanz, für die Armen ein Leben in Dürftigkeit. Und nun finden manche Reiche schon den traurigen Mut, die Lasten auf die schwachen Schultern der Armen abzuwälzen, weil sie die Macht dazu haben. Wenn diese Fälle nicht vereinzelt bleiben, wenn dieser Geist weiter einzieht in unserm Volke – dann steht´s schlimm. – Auch die Preissteigerung bei einzelnen wichtigen Lebensmitteln scheint mir ungerechtfertigt. Warum muss z.B. der Zucker, der im Lande bereitet und in Friedenszeiten ausgeführt wird, so viel teurer bezahlt werden? Was gebe ich dafür, dass solche Fabriken dann große Spenden für vaterländische Zwecke stiften! Die höheren Preise bringen diese Summen vervielfältigt zurück.
19.
Endlich trockenes Wetter und Schnee; der Regen, dieser neutrale, aber allen Kämpfern gleich gefährliche Feind scheint überwunden.
24.
Die Kriegslage bleibt dieselbe im Osten und im Westen. Freiwillige – manchmal Kinder von 15 Jahren – sind von hier ohne Einwilligung der Eltern und ohne deren Vorwissen zum Kriegsschauplatz gereist. Einige davon sind schon eingekleidet und vereidigt. Ich kann nicht begreifen, dass die Militärbehörde solch Unmündige – und wäre ihre Vaterlandsliebe und Kriegsbegeisterung noch so groß – in ihre Reihen aufnimmt. Sollen diese Kinder die Retter des Vaterlandes werden?
27.
Bei Helgoland in der Nordsee hat eine Seeschlacht stattgefunden. Der Kreuzer „Blücher“ ist dabei untergegangen und ein großer Teil der Mannschaft hat dabei den Tod gefunden. Die Engländer waren in Übermacht und haben das Gefecht abgebrochen, nachdem sie einen Schlachtkreuzer verloren hatten. Nun wollen sie wieder einen Sieg erfochten und keinerlei Verluste gehabt haben. –
Alles Brotgetreide und alles Mehl wird nun beschlagnahmt. Ich freue mich über diese Verstaatlichung der Lebensmittelversorgung. Solange es dem Belieben der Einzelnen überlassen bleibt mit diesen Dingen zu sparen, so lange glaubt jeder, für seine Bedürfnisse reiche der Vorrat wohl aus. Es ist nicht Mangel an Vaterlandsliebe und Opferwilligkeit; es ist Gedanken- und Sorglosigkeit, was unsere Bevölkerung so unvernünftig in dieser Beziehung handeln lässt. Da hilft nur Zwang.
28.
Ein Zeppelin hat unsere Stadt überflogen gestern Abend und heute Morgen. Das Surren habe ich heute Morgen im Traume gehört und bin dann aufgewacht und ans Fenster getreten. Da steht ein Zeppelin, fast greifbar nahe. Stolz und sicher gleitet er dahin in seiner Bahn, ein Riesenfisch der Luft. Ich habe ihn bis jetzt nur im strahlenden Sonnenlichte gesehen; aber er sieht auch prachtvoll aus im bleichen Lichte des Mondes, dunkel und ernst, aber anscheinend so friedlich. Friedlich? Wo ist Frieden in dieser Zeit? Er kommt von Westen. Wird er dort, wie die sagenhaften Drachen der alten Zeit, Tod und Verderben gespien haben?
3. Febr.
Ist das wohlig – nach 3monatigem Abteilungsunterricht einmal ein freier Nachmittag. Mir ist, als hätte ich Ferien. – Vom Kriegsschauplatz kommen wenig Nachrichten. Aber unsere Unterseeboote sind wieder wacker bei der Arbeit. Bis in die irische See sind sie vorgedrungen und haben englische Handelsschiffe in den Grund gebohrt. Darob natürlich großes Geschrei bei unsern Vettern über dem Kanal. Das Völkerrecht ist wieder verletzt wie immer, wenn England den Krieg am eignen Leib zu spüren bekommt. „Auf dem Festlande ist Krieg“, so lässt der Simplizissimus den Engländer sprechen, „aber auf unserer Insel ist Friede und jede Störung desselben ist Landfriedensbruch.“
4.
Ich gerate selten in Entzücken; aber heute hat´s mich gepackt: Die Nachricht ist gekommen, dass ein Teil der Emdenmannschaft sich auf ein elendes Schiff gerettet hat, durch 1000 und 1000 Fährlichkeiten und Hindernisse hindurch, im Angesichte eines französischen Kriegsschiffes durch die schmale Straße von Perim gefahren und an der Küste der befreundeten arabischen Küste glücklich gelandet ist. Man möchte ihnen zujubeln, diesen tapferen deutschen Männern, die so viel Wagemut und Ausdauer und Heldengeist besitzen. Die Emden ist dem deutschen Volke nicht gestorben und wenn sie gleich untergegangen ist. Frische lebendige Frühlingsluft weht in der deutschen Flotte und macht sie kühn und stark. Das ist der Atem des Siegers. Und wenn die englische Flotte auch viel stärker ist; wir hoffen dennoch auf den deutschen Sieg.
11.Febr.
Die für den 18. angekündigte Blockade Englands durch deutsche Unterseeboote bildet das tägliche Thema der Zeitungen und ist die große Erwartung aller Deutschen. Wenn es gelingen sollte, England die Wunden zu schlagen, an denen nach Englands Plan Deutschland verbluten sollte, das wäre gerechte Strafe und eine Freude für Deutschland. Das umso mehr, als auch andere Staaten, in erster Linie Amerika, unter dem Deckmantel der Neutralität England in dieser Hinsicht jede Hilfe zuteil werden lassen und für Deutschlands Lage gar kein Verständnis haben. Amerika, das in den Kirchen um Frieden beten lässt, liefert alles Kriegsmaterial an England und seine Verbündeten. Seine Freundschaft für England geht so weit, dass es England gestattet, die amerikanische Flagge, also das eigene schützende Kleid zu benutzen und damit seine Handelsschiffe gegen deutsche U-Boote zu schützen. Von Deutschland aber verlangt man, dass es trotz dieser sogenannten „Kriegslisten“, trotz aller Todesgefahren, die ihm aus der von der englischen Admiralität befohlenen Armierung aller Handelsschiffe und aus der auf die Vernichtung der deutschen U-Boote ausgesetzten hohen Preise erwachsen, die neutrale Flagge achtet und jedes Mal genau feststellt, ob ein neutrales Schiff in Betracht kommt. Das ist freilich der beste Weg, Englands Handelsschiffe zu schützen und Deutschlands U-Boote in den Tod zu schicken; und das ist amerikanische „Neutralität“. Andere neutrale Staaten, Holland, Dänemark, Schweden, Norwegen sind doch gerechter.
12.Febr.
26 000 Russen sind in Ostpreußen gefangen genommen worden. Das ist wieder ein Schlag von Hindenburgs Art und eine schöne Antwort auf die Prahlereien der russischen Minister in der Duma.
15.Febr.
Der Krieg ist immer noch fast das einzige Gesprächsthema. Ich habe gestern in einer Gesellschaft ganz still zugehört. „Der Krieg ist scheußlich, aber unabwendbar. Solange es Menschen, solange es Völker gibt, wird der Krieg wiederkehren. Und wer von Abrüstung und von dauerndem Frieden spricht, ist ein Verräter oder ein Unverständiger.“ So und noch schlimmer klang die Rede. Ich glaube, die so sprachen, die haben ganz recht. Und doch oder gerade deshalb erschrecke ich vor diesen Worten; denn sie sind ein vernichtendes Urteil für die Menschheit. Also es ist keine Aussicht, dass im Völkerleben die Selbstsucht überwunden werde. Gott muss ausgeschaltet bleiben – die Ichsucht allein hat das Wort, wenn das Völkerleben in Betracht kommt. Und dabei wollen wir doch an ein „Aufwärts“ der Menschheit glauben. Wir betrügen uns ja selber und alles Streben nach der Höhe ist umsonst. Über Gräuel und Not und Elend, über vergossenes Blut und über Leichen kann der Weg nicht zur Höhe führen. Das ist widersinnig. –
16.
Fastnacht! Das Wort steht im Kalender, aber kein Laut und kein Bild in der Wirklichkeit erinnert daran. Selbst das Backen von Fastnachtsküchlein ist verboten; denn es bedeutet eine große Ersparnis an Mehl und Fett. Die Fastnachtsfreuden und -scherze haben sich von selbst verboten. Jedermann fühlt, die Zeit ist zu ernst für solche Tändeleien. –
17.
Die Schlacht an den masurischen Seen hat den Deutschen 50 000 Gefangene und große Kriegsbeute eingebracht. Am Morgen, noch vor Schulbeginn erhalte ich die Nachricht, meine Schülerinnen haben sie auch schon erfahren. Ein kleines Mädchen traut der Sache nicht recht, kommt rasch auf mich zu und fragt: „Sind´s wirklich 50 000?“ Ein Seufzer der Erleichterung, als ich die Nachricht bestätige, und die Augen strahlen in dem kleinen Gesichte. „Die Russen werden aber auch gar nicht alle“, meint ein anderes. Die Freude ist groß bei den Großen und bei den Kleinen. Ich kann nicht begreifen, dass die Glocken noch nicht läuten. Gerade das Glockengeläute ist ein schöner Ausdruck für die frohe und doch feierlich ernste Stimmung, die eine solche Siegesnachricht hervorruft. Um 12 Uhr verkünden die Glocken den Sieg.
19.
Der Tag ist schulfrei – auch für die Volksschule. Das Ministerium hat sich nun doch eines Bessern besonnen.
23
Die Zahl der Gefangenen hat sich auf 100 000 erhöht. Über 300 Geschütze sind erbeutet. Hindenburg ist Meister in der Kriegskunst, aber er kann schlecht zählen. Auch die Truppen haben Unerhörtes geleistet. Tag und Nacht trotz Schneesturm vorwärts marschieren und dann kämpfen, manchmal mit hungrigem Magen, das ist auch heldenhaft. Führung und Truppen sind anscheinend gleichwertig und so war der Sieg über diesen übermächtig starken Feind möglich. Nun stehen die in die Flucht geschlagenen Russen freilich schon wieder und der Kampf tobt von neuem.
25.
Ich habe gestern zwei Vorträge gehört über „Volksernährung während des Krieges“. Es steht in Deutschland schlimmer als ich gedacht. Wir haben zu sorglos gelebt und die Kiste unserer Vorräte hat ein großes Loch. Und dabei glauben die Leute nicht daran und wollen in der alten Weise weiterleben.
2. März
Mir scheint, Deutschland geht schweren Zeiten entgegen. Dass die Bestimmungen über Brot- und Mehlverbrauch erst jetzt kommen, ist gar bedauerlich. Wie leicht wäre die Durchführung der Bestimmungen gleich bei Kriegsausbruch gewesen! Da war das Eisen warm, da war jeder Deutsche eingestimmt auf die Übernahme von Opfern für das Vaterland. Nun hat sich das Volk hineingelebt in den Glauben, dass die Vorräte reichlich vorhanden seien, und ist für die unbedingt nötigen Beschränkungen des Verbrauchs schwer zu haben. Wenn uns nur der Frühsommer einen großen Vorrat von Gemüse und Kartoffeln bringt!
5.
Vom Kriegsschauplatz keine Nachricht von Bedeutung. Da denkt man: der Hindenburg hat´s und freut sich mächtig, und dann beginnt der ganze Tanz von neuem. Jammer und Elend überall und kein Ausblick auf das Ende. In Russland ist ein Gesetz angenommen worden, dass ein Untertan eines feindlichen Staates nicht vor Gericht auftreten darf. Also nicht genug damit, dass die Leidenschaften des Augenblicks die Menschen zu Taten hinreißen, die aller wahren Menschlichkeit Hohn sprechen – hier wird in ruhiger Beratung von verantwortlichen Menschen die Gerechtigkeit verleugnet. Das ist die Menschlichkeit des 20. Jahrhunderts, das ist die Höhe unserer Kultur. Vogelfrei! Wie mag´s den Menschen in Russland gehen! Alle Kultur ist Firnis; der Krieg streift ihn ab. Was bleibt von der Gottähnlichkeit des Menschen? – England droht nun, seine Seemachtstellung voll auszunützen und ohne Rücksicht auf die Neutralen jede Ein- und Ausfuhr in Deutschland zu hintertreiben. Mir bangt vor der nächsten Zeit. Wenn unsere Industrie durch den Mangel an Rohstoffen ganz lahm gelegt und den Leuten der Verdienst genommen würde, das wäre bei den hohen Lebensmittelpreisen eine furchtbare Sache.
7. März
Ich war draußen im Wald und habe die Kanonen wieder so deutlich vernehmbar, so grässlich ununterbrochen erzählen hören von Menschenverirrung, von Elend, Not und Tod. Da sind sie hinausgezogen, die jungen blühenden Menschen voll Begeisterung und Tatendrang und Opfermut für´s „heilige Vaterland“. Und wie viele kommen zurück, zermürbt, elend, verwundet und nicht am Leibe allein. Und wenn es wieder „hinaus“ heißt, dann gehen sie vielleicht ohne Murren und Klagen, aber auch ohne Begeisterung und erfüllen mit schwerem Herzen eine traurige Pflicht. Eine tiefe Sehnsucht nach Frieden, nach äußerem und innerem Frieden erfüllt ihre Seele. Und das ist vielleicht das Beste, was sie dereinst mitbringen. Sehnsucht nach dem Frieden, Sehnsucht nach Gott, sie redet im Innern umso lauter, je weniger die äußeren Verhältnisse dazu angetan sind sie zu gewähren. So wird wenigstens keine Rotte wilder Barbaren zu uns zurückkehren. Friede! Wann wird das erlösende Wort gesprochen werden können? Die Verhältnisse sind verworrener denn je. Griechenland und Italien sind anscheinend vom Kriege nicht mehr zurückzuhalten. Ich will von Griechenland nicht reden, aber Italien, der Bundesgenosse! Was weiß Italien von Nibelungentreue? Italien steht offenbar im Begriff, das Schwert zu kehren gegen seine Bundesgenossen, die es groß gemacht. Die Sache ist so schmachvoll, dass ein Einzelner kaum wagen dürfte also zu handeln. Nur unter Völkern ist eine so völlige Verleugnung der Gerechtigkeit und Treue noch möglich. Es scheint, der Mensch als Gesamtheit steht der Gottheit noch ferner als der Einzelne.
8. März
Nun sind wir auf die knappe, gesetzlich vorgeschriebene Brotration – 250g Schwarzbrot oder 234g Weißbrot festgelegt worden. Die Ration soll im April noch kleiner werden. Für die Wohlhabenden, die am Mittag ein gutes Essen auf dem Tisch haben, reicht die Menge wohl aus. Ob auch die Armen satt werden? Und wie haben die Wohlhabenden in der letzten Zeit für sich gesorgt! Es war wirklich nicht erhebend. Die Selbstsucht ist auch im Kriege und unter den Volksgenossen nicht geringer geworden. Ein fürsorglicher Familienvater hat 42 Laib Brot gekauft, wohl nummeriert und aufgehoben. Das ist ergötzlich, aber doch recht ernst.
10.
In Griechenland klären sich die Verhältnisse. Die verantwortlichen Minister sind zurückgetreten und der König hält Neutralität. – Italien schwankt. Wie lange noch?
11. März.
Fast einen Monat hat die Schlacht in der Champagne gedauert und den Franzosen ist es trotz aller Anstrengungen gelungen die Stellungen der Deutschen zu durchbrechen (am Anfang des Krieges war das Verhältnis umgekehrt). 45 000 Mann sollen ihre Verluste betragen und wir beklagen 15 000 Tote. Ganz entsetzliche Zahlen. Und wenn man daran denkt, wie die armen Verwundeten daliegen und auf Rettung warten, da erstarrt einem fast das Blut. So sagt man bei uns; dort wird der Ausdruck im eigentlichen Sinne Wahrheit. Dort ist sicher manchem armen Verwundeten das Blut erstarrt in der eisigen Märzluft.
16.
Einzelschicksale verlieren an Bedeutung in dieser Zeit des Ringens um das Ganze. Und doch sind sie oft typisch und lenken so den Blick auf sich: In dem traurigen Schicksal von Mann und Frau in der Ehe habe ich wieder solche Typen gesehen. Mann und Frau, was sollten sie naturgemäß für einander bedeuten und was sind sie einander geworden? Männer mit dem ernsten Streben nach der Höhe sehe ich gebrochen und festgehalten von Frauen, die für das Streben keinen Sinn haben, die nur den Weihrauchduft des Lobes für ihre eitle Person suchen. Gerade diese gefallsüchtigen Frauen werden das Schicksal der Männer und damit des Menschengeschlechtes. Man könnte die Männer bedauern; aber es ist die Saat, die sie selber gesät haben. Zum Kleinen – ich sage nicht zum Häuslichen; denn auch das Häusliche kann groß sein – soll das Weib geboren sein. So hat sich´s der Mann in den Kopf gesetzt. Und wo die Frau die Schwingen regt zum Fluge in die Höhe, wo sie mithalten möchte bei den großen Aufgaben, da wird sie unweiblich in des Mannes Augen und wird von ihm nicht mehr begehrt. So wird er die Beute der hübsch aussehenden, eitlen Frau, die ihn zum Gatten haben will, die ihn umschmeichelt und umgarnt, bis sie ihr Ziel – die Gewinnung des Mannes ist in diesen Jahren ihr einziges Ziel – erreicht hat. Auch ein Verhängnis! Da begegnen sich Mann und Frau auf der Höhe des Lebens, können einander nicht entbehren und, in der geschlechtlichen Selbstsucht befangen, merken sie nicht, dass sie sich brauchen zu etwas Besserem als zu Eitelkeit, Versorgung und sinnlicher Lust, dass sie bestimmt sind einander frei zu machen für den Weg zur Höhe, zu der die Ehe das Tor weit öffnen oder ganz versperren kann. Auf das Große, dass er selber erstrebt, müsste der Mann die Augen des Weibes zu lenken verstehen und sie müsste die Wärme des Herzens, die auch der Gefallsüchtigsten nicht ganz verloren geht, hinüberstrahlen lassen zu dem Manne, dass der Weg nicht sauer wird. Wer denkt daran, dass die Ehe ein gegenseitiges Erlösen sein sollte! In voller geschlechtlicher Selbstsucht, häufig sogar im Pochen auf diese Selbstsucht wird sie geschlossen und kann ihren Segen nicht spenden. Ichsucht schlägt schließlich stets den eigenen Herrn, im Verhältnis zwischen Mann und Frau in der Ehe ganz besonders. Hier heißt´s gewiss: „Mit weiser Güte theilest du, was diesem fehlt, dem andern zu, um alle zu beglücken.“ Aber das Fehlende kann nicht gefordert, durch Ichsucht erzwungen, es kann nur durch freie Liebe geschenkt und gewonnen werden. Wo sie herrscht, da ist das Geben und Nehmen, dies sich Vollenden auf der Lebenswanderung so natürlich und selbstverständlich; da ist keine Rede von Anspruch und Erfüllen; da ist nur gemeinsames Streben nach der Höhe und Freude und Glück. Wie könnte die Menschheit groß und glücklich sein!
17.
Nun ist auch die Dresden untergegangen. Eins nach dem andern von den in die Fremde verschlagenen und verfolgten Kindern der deutschen Marine findet den Heldentod im fernen Meere. Aber sie haben gelebt, das wissen unsere Feinde.
18.
Wie Seen mit Ab- und Zufluss, so erscheinen mir die vielen Kasernen und Kriegerausbildungsanstalten. Deutschland besitzt deren unendlich viele. In Kaiserslautern allein sind 3; außer der Kaserne noch das Turnerheim und das frühere Zuchthaus. Frische Menschenströme fließen hinein und wenn das nötigste Rüstzeug für de Krieg erworben ist, dann kommt der Abfluss nach dem Meere mit dem immer weit geöffneten Rachen, nach dem Schlachtfeld. Unsere blühende Jugend, unsere kräftigen, manchmal schon abgearbeiteten Männer – sie verschwinden in diesem Rachen. Wie viele sich aus den Fluten es Krieges wieder herüberretten können in das Land des Friedens, wird man später sehen. In diesen Tagen sind die Schleusen des Zu- und Abflusses wieder weit geöffnet. – Ein Teil der Gefangenen, die Schwerverletzten, die für die Teilnahme am Kriege nicht mehr in Betracht kommen können, sind ausgetauscht Auch diesen Ärmsten hat das französische Volk seinen Deutschenhass noch zeigen müssen. Offiziere und Soldaten mussten sie schützen. Nichts hat mich bis jetzt mehr empört. Und das will die grande nation sein.
Die Russen haben schon wider mit dem Mordbrennen in Ostpreußen begonnen. Nun will der deutsche Generalstab Rache nehmen in den besetzten russischen Provinzen. Verständlich und nötig zum Schutze der Volksgenossen; aber ein Mordbrennen, das zum Himmel schreit.
21.
Im strahlenden Sonnenglanze, als wolle er gleich seine sieghafte Kraft zeigen, so ist der Lenz auf der Erde eingezogen. Wald und Flur erglänzen im satten Lichte der Frühlingssonne. Und doch, was soll dieser hoffnungsfrohe Glanz, wenn die Herzen nicht eingestimmt sind auf den heiteren Lichtton, der die Augen umfängt? Was bedeutet uns das Erwachen des Lebens in der Natur, wenn der gewaltsam herbeigeführte Tod die frühlingsfrischen Menschenkinder hinwegreißt? Wie viele Gefallene hat die Stadt in der vergangenen Woche wieder zu beklagen? Zwei blütenfrische, hoffnungsvolle junge Menschen, die ich als Kinder auf meinen Armen getragen, die ich lebensdurstig und strebsam der Zukunft entgegengehen sah; – sie sind mit vielen andern auf dem Schlachtfelde geblieben. Wie ist mir der Tod dieser beiden Menschen nahe gegangen! Jugendkraft und Elternglück und Elternhoffen, grausam und rücksichtslos und selbstverständlich wird`s zerstört in diesem schreckenvollen Kriege. Man kann die Welt nicht begreifen.
Nun ist auch Przemisl gefallen. Aus Mangel an Lebensmitteln. Die Offiziere sind doch unbegreiflich leichtsinnig in den Krieg gegangen. Sieben Monate hat er nun gedauert und die Feste muss sich ergeben, weil die Lebensmittel fehlen. Wie kann eine in der Gefahrzone liegende Festung so schlecht ausgestattet sein bei Ausbruch des Krieges, den Östreich doch hat kommen sehen? Nun können die Deutschen wieder mit ihrem Blute die leider nicht rechtzeitig besetzten Karpathenpässe verteidigen, sonst sind auch diese verloren und dann wäre es Russland wohl ein Leichtes die noch fehlenden Balkanstaaten auf seine Seite zu ziehen. Italien soll ohnehin wieder deutlich seinen Marsch ins feindliche Lager vorbereiten. Dunkel und drohend wie nur je sind die Wolken am heimatlichen Himmel. Auch die Deutschen haben ihre Kraft über- und ihre Feinde unterschätzt. Wer hätte den Engländern, diesen Söldnern auf dem Schlachtfelde solche Tapferkeit zugetraut? Ströme deutschen Blutes hat der von ihnen verteidigte belgische Küstenstrich schon getrunken und die Deutschen sind dennoch nach mehrmonatigen Kämpfen nicht vorwärtsgekommen. Und die Östreicher erfüllen die Hoffnungen nicht, die wir auf sie gesetzt. Die Russen haben freilich ihre Hauptmacht dahingeworfen, die Serben kämpfen anscheinend wie die Löwen und die Grenze gegen den 2. Bundesgenossen Italien muss auch bewacht werden. Aber dass sie bei Lodz zu spät kamen und Hindenburg um den größten Teil der Siegesbeute brachten, dass sie Przemisl nicht als Festung ersten Ranges ausstatteten, dass sie die Karpathenpässe nicht rechtzeitig besetzten, die Dinge kann der Laie nicht verstehen. –
29.
Palmsonntag, Tag der Konfirmation (Hermann). Ich habe einer solchen seit vielen Jahren nicht mehr beigewohnt und muss gestehen, vieles hat mich peinlich berührt und hat mir zu denken gegeben. Ich will nicht davon reden, dass bei der sogenannten Prüfung die Kinder auf die Antworten vorbereitet waren, Antworten, die in ihrer durchaus unkindlichen Form und Gewandtheit jedem, der Kinder kennt, als unnatürlich und vom Standpunkt des Kindes aus unwahr erscheinen müssen. Die Kinder sollen an diesem Tage nicht vor versammelter Gemeinde beschämt werden; also bereitet man die Antworten vor. (Würde man nicht besser die ganze unwahrhaftige „Prüfung“ fallen lassen?) Das ist verzeihlich. Unverzeihlich erscheint mir aber, dass die Kinder angeleitet werden, mit der Miene der Wissenden über die höchsten und heiligsten Dinge zu reden. Was nach lebenslangem Ringen einer ernsten Menschenseele nur dunkel geahnt werden kann, hier wird’s von unreifen und unschuldigen Menschenkindern mit einer Bestimmtheit vorgetragen, als gäbe es auf der Welt keinen Zweifel und keine Unklarheit und kein Irren mehr. Und was diese Kinder versprechen sollen! (In weltlichen Dingen werden sie erst mit 21 Jahren zum Versprechen mündig, hier mit 13 Jahren.) Sie können´s ja nicht entfernt verstehen; sie sprechen ihr „Ja“ in voller Unschuld und im vollen Unverstand, sonst wären sie Heuchler und Lügner. Sie sind ja viel zu kindlich, über die Sache überhaupt ernstlich nachzudenken. Aber dass die Erwachsenen ein solches „Ja“ verlangen, das entweder heuchlerisch oder unschuldig und bedeutungslos sein muss, das scheint mir fast sündhaft. Das ganze Elend unserer Religiosität, das Bezahlen mit elenden, hochtönenden Worten, wo die Seele sich hingeben sollte, wird mir hier wieder deutlich. Wie kann ein Kind von 13 Jahren sich wirklich mit der Seele zu dem Glauben, d.h. zu dem von der Kirche festgesetzten Glaubensbekenntnis bekennen? Wie kann es diesem Treue geloben? Es ist ja ganz unmöglich. Wo bleibt da der Ernst und die Heiligkeit und die hehre Kraft des wirklichen Gottbekennens? Im Namen Christi wird das Bekenntnis verlangt und ich kann´s mir gar nicht vorstellen, dass er, der Eiferer gegen alle Äußerlichkeiten, der immer nur auf „das Herz“ sah, an diesem Bekenntnis mit den Lippen eine Freude haben könnte. Mit dem Gelöbnis der Treue ist etwas besser. Verstehen können sie´s ja auch nicht. Aber hier genügt vielleicht ein dunkles, warmes Ahnen. Der Gottesfunke lebt ja auch in der Kinderseele; vielleicht wird er der Leitstern für das Leben. So wird’s da sein, wo die Gottkraft freigemacht und im Leben wirksam wird. Die Konfirmation aber wird für die meisten eine überlieferte Sache, eine Äußerlichkeit bleiben.
Die Heimfahrt bringt wieder ganz andere Eindrücke. Die Züge sind fast immer von Soldaten besetzt und der Soldat ist eben der interessanteste Mensch. Da ist der 38jährige, etwas weinheitere Landwehrmann, Vater von acht Kindern, der ruhig und selbstverständlich wieder zu den Schützengräben zurückkehrt, obwohl er an eine Rückkehr nach der Heimat nicht mehr glaubt. Seines Wertes ist er sich allerdings bewusst und will auch von Vorgesetzten nicht unnötig an sich mäkeln lassen. Dann der Sanitäter, der sich so gerne hört, heute am 28. März 28 Jahre alt geworden ist, der witzig sein möchte, aber die Gabe des Mutterwitzes nicht besitzt. Dafür besitzt sie sein Nachbar. Der wird „in seinem Leben nicht mehr am 20. 20 Jahre alt“, der möchte einmal ¼ Stunde Herrgott sein und England auf die andere Seite kehren, dass die Engländer doch auch den Meeresboden einmal sehen. Das Schönste am Kriege ist nach seiner Meinung das Lazarett, wenn man nicht schwer verwundet ist, aber nur nicht das Feldlazarett. Sangesfroh und heiter ist er, ein schöner Soldatentyp. Und das köstliche große Kind von 33 Jahren, der Vorderpfälzer Weinbauer. Sie necken ihn, dass er seiner Leibesfülle wegen im Wettlauf den Preis nicht holen könnte. Da kommen sie an den rechten. Er war zehn Jahre Turner und macht das „rechts schwankt“ und „links schwankt“ in dem kleinen Abteil mit einem Feuer und einer Begeisterung wie ein kleiner Knabe. Der ist mit Leib und Seele Soldat. Wenn nur „als“ der Abschied von zuhause vorüber wäre!
April - Juni 1915
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Oktober - Dezember 1918
25.10.18
Wilsons Antwort ist eingetroffen. Er will sich nach all den Zugeständnissen nicht länger weigern sich wegen des Waffenstillstands mit den Ententemächten in Verbindung zu setzen. Aber die feindlichen Heerführer sollen die Bedingungen vorschreiben. Und die Reformen im deutschen Regierungssystem genügen ihm nicht trotz der Verfassungsänderungen. Er verlangt völligen Bruch – also offenbar Absetzung der Hohenzollerndynastie – oder völlige Unterwerfung. Und da wird kein Widerstand und keine Wahl mehr sein. Unsere Kraft ist verbraucht; eine neue Hilfsquelle tut sich nicht auf; kein Sternlein leuchtet mehr. Und auch in der Heimat geht ein großes Sterben durch die Lande; die Leichenhallen vermögen die Toten nicht mehr zu fassen. Junge, frische Menschen werden in kurzer Zeit dahingerafft. Schulen, Theater, Kinos sind geschlossen worden.
27.
„Ein gewaltiges, dank der glänzenden Tapferkeit unserer Truppen erfolgreiches Ringen auf allen Teilen der Front“, bringt der Tagesbericht. Der Erfolg besteht darin, dass die Feinde zurückgehalten werden oder doch nur geringen Geländegewinn machen konnten. Wir sind bescheiden geworden und freuen uns dieses Erfolges; es wäre halt doch ein Segen, wenn wir den Siegeslauf der Feinde wenigstens so weit eindämmen könnten, dass er bei den Waffenstillstands- und Friedensbedingungen etwas maßvoll auftreten müsste. Die Stellungen halten oder nur wenig eindrücken lassen, das bedeutet freilich bei der ungeheuren Übermacht der Feinde an Truppen und Material ein Heldentum für die abgekämpften deutschen Truppen.
28.
Ludendorff ist abgesägt; er soll auch ein Vertreter der Kriegspartei und politisch stark beteiligt gewesen sein. Auch damit will man wohl Wilsons Forderungen entgegenkommen. Es ist freilich traurig, dass Ludendorff, der Geniale, als Deutschland auf der Höhe stand, das Maß verlor und dem Abgrunde zusteuerte.
30.
Auch Österreich-Ungarn, der letzte Bundesgenosse, ist nun zur Seite getreten und schließt Sonderfrieden. Österreich-Ungarn besteht freilich schon nicht mehr; der Staat hat sich, den Forderungen Wilsons entsprechend, auflösen müssen. Die Östreicher, die Ungarn, die Polen, die Tschechen, die Italiener, die Rumänen usw., alle sollen voraussichtlich selbständige Staaten werden. Staaten vergehen, Staaten entstehen in dieser sturmbewegten Zeit im Handumdrehen; aber die Erde macht ihren Kreislauf weiter ewigen Gesetzen, unbekümmert um die Namen, die die Menschen den einzelnen Teilen ihrer Oberfläche geben. Deutschland steht nun ganz allein, eingeschnürt ringsum; der Atem muss ausgehen. Es muss den Willen anderer über sich entscheiden lassen. An Österreich hat Deutschland das am wenigsten verdient. Deutschland hat Österreich Nibelungentreue gehalten 1914 und früher. Um nun noch ein bisschen Vorteil einzuheimsen, geht Habsburg voraus und verlässt seinen treuen Bundesgenossen. – Die Flieger wollen trotz aller Waffenstillstandsverhandlungen von ihrem Zerstörungswerk nicht lassen. Trotz der dunkeln Nächte waren sie gestern und vorgestern wieder im Lande. Ein Schrecken für die vielen, vielen Kranken, die, um dem Tode auf der einen Seite zu entrinnen, durch den Transport in den Keller auf der anderen Seite dem Tode begegnen. Fieberkranke sollten eben doch im Bette bleiben können. –
2. Nov.
Ist die Front so viel näher gerückt, sind die Schallverhältnisse anders oder tobt da draußen wirklich die Hölle? Da jammern wir wegen der Fliegerangriffe – und sie sind auch wirklich etwas Trauriges –; aber sie sind doch immerhin eine Unterbrechung der sonst ruhigen Tage und das Signal: „Gefahr vorüber“ ertönt wieder. Wann hören diese müden Krieger einmal das Signal: „Ruhe, Gefahr vorüber“?
Wir warten mit der größten Spannung auf die Waffenstillstandsbedingungen der Entente. So völlig sind unsere Gedanken darauf eingestellt, dass die umwälzenden Regierungs- und Verfassungsänderungen, die aus dem Obrigkeitsstaat einen Volksstaat machen, uns gar nicht zum Bewusstsein kommen.
6.
Der Sturmwind weht über die Lande. Was er noch wegreißen, was er Neues bringen wird, weiß man nicht. Auch die Einzelstaaten werden jetzt parlamentarisiert. Die Sozialdemokraten – oder wenigstens ein großer Teil – verlangen unter Drohungen die Abdankung des Kaisers. Ob sie gut daran tun! Das deutsche Kaisertum ist – so scheint es mir wenigstens – das Sinnbild der deutschen Einheit. Ich glaube, das Sinnbild muss bleiben, wenn die Einheit nicht zerbrechen soll.
7.
Man möchte keine neuen Nachrichten mehr hören; sie ergreifen und regen auf. Wir sind mit unsern Machthabern gewiss nicht zufrieden. Sie haben des Volkes Blut vergossen, nach seinem Willen aber nicht gefragt; sie haben den Krieg weitergeführt, als der Friede wahrscheinlich möglich gewesen wäre. Und dennoch fragt man sich, wenn man jetzt die Zeitungen liest: „Gibt es denn nur einen Missetäter unter den Völkern und der heißt: Deutschland? Und das kalt berechnende England und das racherfüllte, dünkelhafte Frankreich, sind sie unschuldsvoll und rein? Sind nur die Deutschen Barbaren und Engländer, Franzosen, Türkos, Zuaven, Neger usw. sind erfüllt von Menschenliebe und Erbarmen? Und nun muss Deutschland als Angeklagter vor den Richterstuhl seiner Feinde treten, muss Schuld und Sühne auf sich nehmen, muss sich bestrafen lassen von den Feinden, die selber große Sünder sind und der Buße bedürfen. Das Faustrecht herrscht halt in der Welt und wir sind besiegt. Der Krieg ist ja die Proklamation des Faustrechtes.
8.
Der Sturmwind steigert sich ins Wahnsinnige. In München ist die Revolution schon ausgebrochen. Aber es ist nicht mehr die frische Luft der Volksfürsorge; es weht der giftige Odem des Machthungers und der Selbstsucht. Ganz wie in Russland hat im Arbeiter- und Soldatenrat in München Post, Bahn, Landtagsgebäude usw. besetzt, hat den König abgesetzt, die Republik erklärt, die Regierungsgewalt an sich gerissen und schaltet und waltet nun. Ist das nun eine Volksregierung? Ist das Volk überhaupt gefragt worden? Nun ist die Macht von der rechten Seite an die linke übergegangen und das heißt nun „Freiheit“. Und von der Straße, auf die die neue Regierung sich stützt, ist kein Heil zu erwarten. Die neue Regierung wird sie kaum in der Hand halten und vor Ausschreitungen bewahren können. Der Terror von dieser Seite wird noch schrecklicher werden; denn den Massen ist es nicht um Ideale sondern um äußeren Vorteil zu tun und die neue Regierung kann auch nicht aus Steinen Brot machen. Dass man nicht einmal die Friedensverhandlungen oder wenigstens den Waffenstillstand hat abwarten können. Ganz ohne Rücksicht auf die Stellung Deutschlands seinen Feinden gegenüber hat man in dem Augenblick, da die Flammen von außen her das Haus zu zerstören drohen, das Haus nun auch innen angezündet. Aber jetzt ist Deutschland dieser Strömung gegenüber am wehrlosesten; das musste benützt werden. Was wird aus Deutschland werden? Die Waffenstillstandsverhandlungen sind schon um 3 Tage hinausgerückt worden.
Abend. Die Lage ändert sich von Stunde zu Stunde. Entwicklungen, die sonst Jahre und Jahrzehnte brauchen, sind das Werk eines Augenblicks. Die Sozialdemokraten haben in einem kurzfristigen Ultimatum auch die Abdankung des Kaisers und des Kronprinzen verlangt. Der Kaiser ist nun gegangen und alle Fürsten werden gehen müssen. Ich bin weit davon entfernt eine Fürstenverehrerin zu sein und sollte mich eigentlich freuen; denn die neue Regierung wird manches bringen, was auch mir begehrenswert erscheint. Aber die deutsche Kaiserkrone hat doch etwas Ehrwürdiges, fast Heiliges an sich gehabt. Es ist, als sei an der Harfe, die Deutschlands Geschicke sang, eine machtvolle, schöne Saite gesprungen. Die alte Zeit ist dahin und wir sehen mit Bangen und Herzklopfen dem Neuen entgegen, das da kommen soll. Wird die neue Saite Einfalt, Menschenliebe und Wahrhaftigkeit erklingen lassen? Es sieht nicht danach aus. – Der Reichskanzler, Prinz Max v[on] B[aden], ist durch den Sozialdemokraten Ebert ersetzt worden.
10.
Nun ist auch hier ein Arbeiter- und Soldatenrat gebildet; die Kasernen usw. sind ihm unterstellt; in allen größeren Städten dasselbe Bild; die Führer predigen Besonnenheit, Aufrechterhaltung der Ordnung und es ist ihnen damit sicher ernst. Ob sie durchdringen werden, ob das Tier im Menschen nicht dennoch erwachen und toben wird? Viele suchen eben – wenig Arbeit, viel Geld, gutes Leben, um andere Dinge kümmern sie sich nicht. – Die Waffenstillstandsbedingungen sind gekommen, so grausam wie nur denkbar. Ist noch ein Unterschied zwischen diesem Waffenstillstand und bedingungsloser Übergabe? Ich glaube nicht. Wenn sie angenommen werden – und was wird anders übrig bleiben – dann sind wir morgen Gebiet der Entente, und was der Friede bringen wird, weiß man nicht. Wir hoffen, dass die Revolution auch auf die Ententeländer übergreifen (sie sind aber Siegerstaaten) und diese in Gefahr bringen wird und dass auch die Arbeiter des Auslandes die Sache der Arbeiter über die des Vaterlandes stellen werden. Trostlos, trostlos, wohin man schaut. Der kommende Friede, nicht mehr der Krieg, ist nun die große Angst.
11.
Da liegt man zu Bette, grübelnd bis zum frühen Morgen über diese unerhörten, in der Geschichte kaum dagewesenen Waffenstillstandsbedingungen, als könne man damit das Unheil abwenden und heute heißt´s, sie seien nachts um 12 Uhr schon angenommen worden. Die Kanonen haben aber noch getobt bis zum frühen Morgen. Also – alle Schmach und alles Elend angenommen, Deutschland muss und wird nun selber die Ruten binden, mit denen es geschlagen werden soll. Das einzige, was die Regierung noch versucht hat, ist eine demütige, in der Sprache allerdings würdig gehaltene Bitte – ein Protest ist nicht mehr denkbar – an Wilson um Milderung der Bedingungen, die den Hungertod von Millionen Deutscher bedeuten müssen. So sieht also die Vorbedingung des gepriesenen Rechtsfriedens aus. – Nun geht das Gerücht, dass die Entente mit einem bolschewistischen Deutschland keinen Frieden schließen werde. Das wäre freilich die beste Antwort an die Ganzradikalen, die um der Parteisache willen ohne Bedenken über das Vaterland hinausgehen. Aber was wäre die Folge? – Der Kaiser ist mit der Kaiserin und dem Thronfolger geflüchtet vor seinem eigenen Volke. Die Regierung von Holland hat ihm die Gnade eines Asyls gewährt. Es ist doch auch ein Jammer; vor kurzem noch umschwärmt, fast angebetet, Herr der Heerscharen und nun entthront, verfolgt, Flüchtling. Und der Erfolg ist´s doch wieder, der entschieden hat. Die Fehler, die ihm eigen, hatte er längst und das Gute hat er wohl doch gewollt. Seine Fehler freilich haben unser Verhängnis mit herbeigeführt und er ist nun in Sicherheit. – Von den deutschen Bundesfürsten geht einer nach dem andern oder er wird abgesetzt. – Um 11 Uhr hat der Waffenstillstand begonnen. Wie sollen die ausgehungerten Städte nun mit Lebensmitteln beliefert werden, wenn ein so großer Teil der Eisenbahnen abgegeben und die gesamte Front in 14 Tagen zurückbefördert werden soll? – In den Straßen der Stadt brennen heute zum 1. Mal wieder die Lampen, keine Blendlaternen. Wir brauchen in den Zimmern nicht mehr abzublenden und am Abend die Kellerkleidung nicht mehr zu richten. Wie haben wir diese Zeit doch ersehnt und uns darauf gefreut. Und nun? Weinen möchte man beim Anblick all dieser strahlenden Lichter. Dennoch! Wenn dies Wort nur Kraft behält! – In den Straßen der Stadt herrscht völlige Ruhe und Ordnung trotz aller Umwälzungen, trotz aller sich überstürzenden Nachrichten. Aber das ist nicht das Verdienst der Sozialdemokraten allein, denen es mit der Aufrechterhaltung der Ordnung Ernst ist; das ist zum großen Teil das Verdienst der Selbstüberwindung der übrigen Bevölkerung, die, um den Kampf und den Bürgerkrieg zu vermeiden, denen sich unterordnen, die die Macht ohne weiteres an sich gerissen haben. – Die Sozialdemokraten haben sich mit den Unabhängigen geeinigt; wir sehen´s mit schwerer Besorgnis. Aber vielleicht war nur auf diese Weise der Bürgerkrieg zu verhindern. So wird die Macht erpresst. Und wenn das Volk sich später nicht dazu bekennt?
12.
In Frankreich soll die Regierung auch gestürzt, Poincare geflohen sein. Endlich ein Lichtblick, eine Hoffnung für uns. Wenn die Nachricht nur stimmt! Dann wird unser Los nicht Knechtschaft und Vernichtung sein, wie sie uns durch diese Waffenstillstandsbedingungen droht. – Kurt Eisner, der neue Ministerpräsident hat eine Kundgebung an die Entente gerichtet und in kraftvollen Worten gegen diese Bedingungen protestiert. Ich habe für Kurt Eisner, den Juden, keine Sympathie; aber ich kenne ihn nicht. Ich weiß nur, dass er zu den Juden gehört, die sich im Kriege meist von Blutopfern und Entbehrungen gedrückt und dafür ihren Beutel gefüllt haben und das Garn der Unabhängigen, zu denen er gehört, ist auch nicht unschuldsweiß. Aber einige Stellen dieser Kundgebung finden bei mir Widerhall. – Wilson soll die Waffenstillstandsbedingungen etwas gemildert haben. Die Lebensmittelzufuhr soll nicht unterbunden und die Frist für die Räumung verlängert werden.
13.
Die Zeitungen bringen keine neuen Nachrichten. Nur die Bemerkung aus Bern, dass aus Frankreich keine Zeitungen eingetroffen seien, deutet auf merkwürdige Ereignisse hin. Wie klammern wir uns doch jetzt an die Hoffnung, dass eine Revolution in Frankreich die Arbeiter an die Spitze trage, weil wir von ihrem internationalen Sinn Wohlwollen für die Sache der Deutschen erwarten. Und wenn die deutschen Arbeiter im Falle eines deutschen Sieges für Frankreich eingetreten wären, wie wären sie mit Schmach und Schimpf überhäuft und als Vaterlandsverräter gebrandmarkt worden. – Das Leben in der Stadt geht seinen ruhigen Gang, trotzdem das Rad der Zeit viele Einrichtungen in der sonderbarsten Weise umgestülpt hat. Es hat sich mit ungeheurer Gewalt nach links gedreht. Nun geht´s nicht mehr weiter und wir müssen sehen, wie die noch wirbelnde Masse zur Ruhe kommt. Dass auch die meisten Zuchthäuser geleert wurden, dass die Missetäter der Heimat gemeinsame Sache machen können mit den gefährlichen Elementen, die von der Front kommen, das wird die Aufrechterhaltung der Ruhe nicht erleichtern. Man denkt über all diese Sachen am besten nicht nach. – Der Kaiser ist doch allein nach Holland geflüchtet; die Kaiserin ist noch in Potsdam; der Kronprinz aber hat nun auch in Holland Zuflucht gesucht. Wohin der König von Bayern sich begeben hat, weiß man nicht. – Der Rückzug an der Front hat begonnen. Ununterbrochen fliegen Flieger, von Westen kommend, über unsere Stadt und die Lastauto schleppen ihre Lasten ostwärts. Hindenburg selbst soll sich dem Soldatenrat unterstellt haben. Bei der Gesinnung dieses Mannes, der mit seinem Kaiser noch durch das Brandenburger Tor reiten und sich dann zu seinem Frauchen nach Hannover zurückziehen wollte, ein wirkliches Opfer. Vielleicht gelingt es ihm so, doch eine einigermaßen geordnete Demobilisation herbeizuführen und das wäre eine große Sache. In voller Willkür und Rücksichtslosigkeit fluten viele Soldaten ja schon zurück, beladen mit Schuhen, Kleidern, Waren, soviel sie tragen können. Das Plündern und Stehlen hat trotz aller Ermahnungen der Führer auch in der Heimat schon eingesetzt und die Fälle werden nicht vereinzelt bleiben.
Sonntag, 17.11.18
Wahr sein – das ist doch das einfältig-natürliche und das notwendigste in allen menschlichen Beziehungen. Sowie die Menschen davon abweichen, verstricken sie sich und das Unheil kommt. Dass unsere Regierung nicht wahr war gegen das Volk, das kindlich vertrauende, das war ihr schlimmstes Unrecht. Sie hat die Tatsachen gedreht, beschönigt, verschleiert; sie hat sich vielleicht selbst geblendet durch den Größenwahnspiegel, den sie vor sich hatte und hat niemanden zu Wort kommen lassen, der nicht durch diesen Spiegel schaute. Nun hat das Volk sich abgewandt. – Sind wir nun besser dran? Erfahren wir die Tatsachen, wie sie sind? Wie steht´s mit der Nachricht von der Revolution im Feindesland, die der Arbeiter- und Soldatenrat durch eine Funkstation aufgefangen haben wollte und durch die Zeitungen verbreiten ließ und die, wie sich jetzt herausstellt, den Tatsachen nicht entspricht? Ist das nicht auch eine erfundene Mitteilung, die als Hoffnungsstern die Leute hinwegtragen sollte über die Trauer um die harten, schmachvollen Bedingungen des Waffenstillstands und über den ersten Sturm der Revolution? Sind wir dort der Lüge und Verdrehung entronnen, um sie hier wiederzufinden? Misstrauisch wird man unter allen Umständen. – Die Zeitungen bringen keine neuen Nachrichten. Was wir in diesen Tagen erfahren haben, das reicht auch für Jahre und Jahrzehnte. Der Schmerz steigt einem bis in die Kehle, wenn man z.B. liest, dass die gesamte Flotte den Engländern ausgeliefert werden muss. Hätten wir 1914 durch ein unverschuldetes Unglück unsere Flotte verloren, der letzte Arbeiter hätte seinen Groschen hergegeben sie neu zu bauen. Und heute? Die Menschen sind so verbittert; sie haben so viel Schmach auf dem Felde da draußen erlebt, sie denken gar nicht daran, was diese Schmach für uns bedeutet. Welch ein Wandel der Zeiten und der Menschen! – Im Lande herrscht weiter Ruhe; alle Welt ordnet sich dem Arbeiter- und Soldatenrat unter. Wie wird´s aber gehen, wenn die Nationalversammlung, die doch einmal eingerufen werden muss, gegen oder wenigstens z.T. gegen sie entscheidet? Die Soldaten kehren zurück; die schlimmste Sorte wird wohl schon da sein; die sind ohne weiteres durchgegangen und haben zu Spottpreisen verkauft, was sie hatten rauben können. In Belgien sollen sie sogar Pferde, Maschinengewehre und Waffen an die Zivilbevölkerung verkauft haben und die Belgier sollen damit später eingetroffene deutsche Soldaten gemordet haben. Kann es Schmählicheres geben als diesen Verrat der Kameraden um ein paar Silberlinge? Und für solche Menschen, gierig und rücksichtslos, soll der Kommunismus taugen, den, soviel ich weiß, die Unabhängigen nun verwirklichen wollen? Der Kommunismus ist eine herrliche Sache, eine Einrichtung, die aus der Welt ein Paradies machen könnte. Aber er müsste eine Sache sein, die von innen her gewachsen ist, ein äußeres Kleid für die Gesinnung: liebe deinen Nächsten wie dich selbst! Ohne diese Seele ist er ein Zerrbild, ja mehr als das, eine Schmarotzerpflanze, die das Gemeinwesen aussaugt und ihm den sicheren Tod bringt.
Montag, 18.11.18
Der Kaiser hat seinen ganzen Hofstaat bis zum letzten Stubenmädchen mitgenommen; der Kronprinz soll auch ein Billard dabeihaben. Vergeht einem da nicht alles Mitleid mit den hohen Herrschaften?
Dienstag, 19.11.18
Die Truppen, die regulären, kommen zurück. Die Straßen der Stadt, durch die sie hindurchkommen, sind beflaggt; viele Menschen bilden Spalier sie zu begrüßen. Der Gruß, der ihnen zugedacht war, der der frische, begeisterte ist´s freilich nicht; aber die Dankespflicht hat die Heimat trotz aller schweren Sorgen doch nicht vergessen.
Donnerstag, 21.11.18
Jammervolle Zeit! Nur mit zuckendem Herzen, mit Tränen in den Augen liest man die tieftraurigen Nachrichten. Hohnlachen von außen, fanatische Feinde im Innern und dazwischen das arme, aus tausend Wunden blutende Volk, auf das neues Elend gehäuft, für das neue Not bereitet wird. Nichts soll Deutschland erspart bleiben, nicht Versklavung von außen, nicht Hungersnot und Bürgerkrieg im Innern. Durch Ausbeutung, durch Überschätzung der Macht des Militarismus da draußen, durch Lug und Trug im Innern hat die alte Regierung in ihrer Verblendung unser Schiff in den Abgrund gelenkt. Nun sitzt es fest, der Ausbeutung eines gierigen Feindes von außen preisgegeben, hilf- und haltlos im Innern. Foch verlangt Ungeheuerliches in Bezug auf Eisenbahnmaterial und dennoch sollen in ganz kurzer Zeit unsere Truppen ostwärts über den Rhein und die Gefangenen westwärts befördert werden und die Nahrungsmittel für die Zivilbevölkerung wollen doch auch herbeigeschafft sein. Dass die Erfüllung dieser Bedingungen unmöglich ist, weiß Foch wohl selbst. Aber kalt lächelnd weist er alle Einwände zurück; die Nichterfüllung gibt wieder Grund zu neuen Bedingungen. Und im Innern herrscht Zank und Zwiespältigkeit wegen der Regierungsgewalt. Die Unabhängigen in Berlin und andern Städten sträuben sich gegen eine Nationalversammlung, die ihnen einen Teil der Gewalt nehmen wird; aber die Mehrheit des Volkes verlangt die Abstimmung und die Bildung einer wirklichen Volksregierung. Sie wird auch für die Friedensverhandlungen nötig sein, da der Feind nur mit einer wirklichen Volksregierung Frieden schließen will. Der Kampf ist entbrannt und der Bürgerkrieg in den großen Städten wird kommen. Hungersnot und Bürgerkrieg – diese schrecklichen Bestien lauern an der Tür. – In der Stadt wimmelt es von feldgrauen Soldaten, feldgrauen Autos, die von der Front zurückkommen. Die fröhlichen Farben des Flaggenschmuckes brennen doch auf der Seele. Die Soldaten freilich sollen ihren Willkommgruß haben trotz aller Sorgen, trotz aller Not. Kaltes, aber sonniges Winterwetter begünstigt wenigstens diesen notgedrungen überhasteten Rückzug unserer Truppen.
23.11.
Der Terror der Linksradikalen wird schon unerträglich. Sie wollen die erbeutete Macht unter allen Umständen unter keinen Umständen wieder aus der Hand geben. Sie wollen im Namen des Volkes regieren, wollen aber nach dem Willen des Volkes nicht fragen. Soll das Volk nun die Herrschaft des Häufleins Alldeutscher mit den Fürsten an der Spitze gebrochen haben, um die Herrschaft des Häufleins Unabhängiger (Bolschewisten) dafür einzutauschen? Um des Friedens willen wurde der Zustand vorübergehend hingenommen; aber die Machthaber wollen ihn zu einem Dauerzustand machen. Wir haben unseren Feinden in den letzten Wochen schon Ursache genug zum Spotte gegeben. Wie sind die Soldaten – d.h. die Schurken unter ihnen – mit dem deutschen Heeresgute umgegangen? Zu Spottpreisen haben sie den Feinden verkauft, was ihnen anstand und haben das Übrige in blinder Wut zerstört. Millionenwerte sind so vernichtet worden. Selbst Waren wie Butter, Fett, Brot wurden nicht geachtet trotz aller Not, die in der Heimat herrscht. Freilich immer wieder nur bei dem einfachen Volke. Der Kaiser, der König von Sachsen und die übrigen Fürsten haben, wie sich jetzt herausstellt, Fülle über Fülle gehabt. Landesväter, die ohne Rücksicht auf ihre Landeskinder in reichstem Maße für sich sorgten – es sind doch Schmarotzerpflanzen, die ausgerottet gehören.
25.11.
Einquartierung. – Es waren 4 einfache, biedere, deutsche Männer. Wir haben sie mit Freuden beherbergt und sehen sie mit Wehmut scheiden; denn hinter ihnen sehen wir schon die Schreckgestalten der Feinde, der weißen, gelben, braunen und schwarzen Franzosen, die Foch allen Bitten und Vorstellungen zum Trotz den Deutschen als Vormund-, Erziehungs- und Aufsichtsorgan ins Land schickt, damit die Schmach brennend genug werde. Oder soll dies Vorgehen die Einleitung sein für die herrliche Symphonie „Völkerversöhnung, Völkerbund“? Die Heuchlerei der Volksvertreter der Feindmächte, diese Saat, die köstliche, des Teufels, blüht und wird in den Friedensverhandlungen herrliche Früchte reifen. Der Teufel kann sich freuen; das Reich wird ihm nicht entrissen, der Krieg, sein liebstes Kind, wird nicht begraben werden. Was wird die „strafende Gerechtigkeit“ dem deutschen Volke nicht alles wegnehmen und in der eigenen Tasche verschwinden lassen müssen, damit Deutschland, das entartete Kind in der Völkerfamilie, der Besserung entgegengeführt wird? Alles, was Wert hat, wird in der Hand dieses Missetäters gefährlich erscheinen und kann der Menschheit erst wieder zum Segen werden, wenn es ihren eigenen reinen Händen übergeben ist. Dass aber auch Deutschland in dieser Zeit der schweren Not ganz alleine steht, dass alle neutralen Staaten der Entente zujubeln, dass Deutschland jegliches Mitleid versagt bleibt – das gibt doch zu denken. Soll die Welt allein daran schuld sein?
27.11.
Wir haben uns oft entrüstet, dass unsere Feinde, die Engländer vor allem, ein frommes Deckmäntelchen für ihre selbstischen Gelüste haben. Deutschland – so haben wir geglaubt – ist oft plump und unglücklich in seinen Beschlüssen, aber es ist redlich und wahr. Der schöne Traum ist dahin. Wir brauchen nicht mehr nach England zu schauen, um unschuldsvolles Gebaren und frevlerisches Spiel beisammen zu finden. Der Teufel hat auch bei uns eine Heimstätte gehabt. Eisner veröffentlicht – dass er es gerade jetzt tut, ist freilich schmählich und unbegreiflich – die amtlichen Verhandlungen zwischen Berlin und München, die kurz vor dem Ausbruch des Krieges geführt wurden. Trotz aller traurigen Erfahrungen, trotz alles Umlernens in Bezug auf die Vertrauenswürdigkeit unserer Regierung liest man wieder und wieder und möchte nicht glauben, dass auch unsere Machthaber ein frevles Spiel gespielt, dass sie den Krieg gewollt haben. „Gott ist mein Zeuge, ich habe diesen Krieg nicht gewollt“, sagte der deutsche Kaiser. Als ob das buchstabenmäßige, das wörtliche Wahrsein wirklich die Wahrheit sei. Als ob das unbeschränkte Blanko-Akzept an Östreich nicht schlimmer gewesen sei als die Kenntnis des genauen Wortlautes. Dass das Wort „deutsch sein“, das naiven Gemütern immer noch bedeutete, „treu und wahr“ sein, seinen guten Klang verliert – kein Wunder! Armes deutsches Volk! Durch Gewalt, die Trug und List
sind wir hineingeführt worden in den Abgrund von Not und Tod, Hunger und Elend. Jetzt ist der 1. Akt vorbei. Was der 2. bringen [wird] an Demütigungen, Entbehrungen und Nöten, das wissen wir noch nicht. Und die Schuldlosen sind´s, die am meisten leiden müssen. – Es gibt freilich Idealisten, die meinen, diese Demütigungen wurden unser Volk aufrütteln und wieder zu den alten Idealen hinführen, würden Größenwahn und Mammonismus überwinden helfen. Ja, wenn nicht andere Klippen auf dem Wege lägen! Wenn Sklaverei nicht Sklavensein, Liebedienerei im Gefolge hätte! In den Warenhäusern sollen schon die Farben der Trikolor verlangt worden sein. Ist das nicht schmachvoll?
28.11.
Wer hätte gedacht, dass Ludendorff, der Allverehrte, ein solcher Gewaltmensch gewesen sei, ein Gewaltmensch, der kein Hindernis beachtete, der mit seinem Kopfe, d.h. mit den Köpfen Hunderttausender unbedingt durch die Wand rennen wollte, der noch in letzter Stunde, im Frühjahr 1918 ein Friedensangebot durch seine Offensive wirkungslos machte. Wie kann ein einzelner Mensch so rücksichtslos, so sinnlos wahnwitzig mit einem 70 Millionen Volk umspringen! – Die Zeitung berichtet, dass dem Kaiser etwa 200 Ztr. Gold und Silber nach Holland nachgesandt würden. Wenn auch nur ein Teil dieser Nachricht auf Wahrheit beruht, dann ist der Mann ein Elender. Wie ist das deutsche Volk angebettelt worden um das letzte Gold, um das letzte goldene Schmuckstück und wir haben es zum großen Teile gern gegeben. Und dieser durch wirkliche Opfer angesammelte Goldstrom soll z.T. in diese Säcke geflossen sein. Und meine Presse, die sich bis jetzt so alldeutsch gebärdete, bringt diese Nachricht anscheinend mit Wonne. Das widert mich auch an.
29.11.
Eisner macht unangenehm viel von sich reden. Er fühlt sich offenbar als Einzig-Würdiger im Friedensschluss Deutschland zu vertreten. Selbst Scheidemann und Erzberger, die seit Jahren gegen das alte Regiment kämpfen, sollen als Vertreter des alten Regimentes unbedingt abgelehnt werden. Dass er seine Enthüllungen gerade jetzt gemacht, ist schon eine seltsame Sache, obwohl man die Wahrheit gern wissen möchte. Wenn er nun aber darangeht, Deutschland allein die Kriegsschuld aufzubürden und die übrigen Machthaber als unschuldige Lämmer hinzustellen, da muss man sich doch empören. Es ist doch Tatsache, dass Russland zuerst mobilisiert hat; das hat der Suchomlinowprozess bewiesen. Einer der Soldaten, die neulich bei uns einquartiert waren, hat uns auch erzählt, dass er noch ruhig bei seiner Arbeit weilte, als die Russen, schon gerüstet, in ihren Zelten an der Grenze lagen. Und Russland hätte nicht mobilisiert ohne die Rückendeckung, ohne den Kriegswillen Frankreichs und Englands.
3.12.
Die Meute tobt und will ihr Opfer haben. Die Machthaber der Entente denken offenbar daran, die Auslieferung des Kaisers zu verlangen, um ihn zum Tode – nicht zum Tode der Einflusslosigkeit, zu dem ist er ja verurteilt – zum wirklichen Tode zu verurteilen. „Wer sich frei fühlt von Schuld, der werfe den ersten Stein auf ihn“, müsste man ihnen sagen. Aber die fühlen sich in ihrem Taumel wirklich frei von Schuld. Und wenn sie nun Deutschland zum Ausbeuteobjekt aller umgebenden Staaten machen, wenn sie die unerhörten Waffenstillstandsbedingungen noch verschärfen, wie es durch Fochs Verlangen, die besten und größten deutschen Lokomotiven abzuliefern, geschehen ist, wenn sie mit dem Reichsland Els. Lothr. ohne jeden Rechtsanspruch auch das deutsche Saargebiet noch nehmen – sie sind doch die Gerechten, die Verteidiger der Freiheit und des Rechtes auf Erden. Schuld ist auf allen Seiten; aber auf der einen Seite ist jetzt die Macht und auf der andern die Ohnmacht, und das Schauspiel, dass der Ohnmacht nun alle Schuld aufgeladen wird, ist so traurig und unwürdig. – Große Strecken unserer schönen Heimat sind von weißen und farbigen Franzosen schon besetzt. Heute oder morgen wird auch unsere Stadt an die Reihe kommen.
5.12.
Die französischen Herren der deutschen Lande sind angekommen. Mit Musik und Gepränge sind sie eingezogen. Wäre die Sache nicht so traurig und beschämend, das Fremdartige und Merkwürdige dieses Auf- und Einzuges einer marokkanischen Division hätte mich gelockt. Es soll ein schönes Schauspiel gewesen sein. Ich bin später auf der Straße noch einer kleinen Abteilung französischer Soldaten begegnet und ich muss gestehen, diese kräftigen Gestalten, die in guter Verfassung elastischen Schrittes und fröhlichen Sinnes dahinziehen, könnten dem Auge wohlgefallen. Das Straßenbild hat durch die große Menge Soldaten, die in ihren gelbbraunen Mänteln umherwandern, einen neuen frischen Einschlag, den man gern hinnehmen würde, wenn man mit frohen oder wenigstens gleichmütigen Augen hinschauen könnte. Der Stiftsplatz, mit Wagen und Pferden dicht angefüllt, gleicht einem Feldlager. Wie ist das Stadtbild bei aller Frische und Schönheit doch so traurig! Doch wir müssen uns gewöhnen, die auszubeutenden Sklaven eines fremden Volkes zu sein; wir können nicht entrinnen. Auf Gnade oder Ungnade sind wir der Entente ausgeliefert und Gnade kennt sie nicht. Das zeigen die Waffenstillstandsbedingungen und schon wird im Tone des göttlichen Richteramtes, aber doch mit Behagen der mitleidlose Friede verkündet. Wie wenig doch hat Gott in der Welt zu sagen! Wie wird seine Stimme in dem Menschen abgetötet und verleugnet und der Pharisäismus herrscht im Großen und im Kleinen. So war es in der alten Zeit, so war es in Brest-Litowsk. Wir haben ja die eigentlichen Friedensbedingungen nie erfahren und das Gerede von dem Ruf nach deutscher Hilfe in Finnland, in der Ukraine xx war Schwindel. Diese Staaten haben uns alle in dem Augenblicke den Rücken gekehrt, als unser Zusammenbruch die Möglichkeit dazu bot und nun ist große Not, wie die deutschen Truppen – das ganze Heer Mackensens – aus diesen Ländern herauskommen sollen.
6.12.
Am Morgen zogen Truppen ab und am Nachmittag fluten neue Heerscharen wieder herein. In allen Straßen sieht man Truppenabteilungen stehen, die in den Häusern einquartiert werden. Wir sind durch einen Zufall – wir waren nicht zuhause – auch diesmal verschont geblieben, trotzdem in jedem Hause eine große Anzahl Soldaten untergebracht ist. Ich glaube, Kl. hat im ganzen Kriege so viele Soldaten nicht beherbergt, als jetzt französische hier eingezogen sind, denen wir selbst den Weg bereiten müssen in die weitern deutschen Lande. Sie machen im allgemeinen – das muss man zugeben – einen guten Eindruck; sie kommen und gehen ohne großen Lärm und ohne große Ansprüche, höflich und gesittet. Wäre das Vorurteil nicht, das der Gegensatz im allgemeinen, das der Krieg und die Niederlage im besonderen geschaffen haben, so möchte man ihnen mit Wohlwollen und Freundlichkeit begegnen. Man fragt sich unwillkürlich: müssen wir die kaltherzigen, d.h. herzlosen Staaten haben, die die Menschen abschließen, verhetzen und zum gegenseitigen Morden zwingen? Würden die Menschen sich nicht beim unmittelbaren Verkehr verstehen und verständigen? Die große Not, die durch die Niederlage hereingebrochen ist, hat das deutsche Volk, das ohnehin dieser Anschauung zugänglich ist, noch mehr darauf eingestellt. Aber die feindlichen Staaten, die im Taumel des Sieges die Stirn so hoch tragen, deren Dünkel nun ins Ungemessene sich steigern wird, werden nach der Macht und nach dem Reichtum streben, die ihnen jetzt nicht mehr streitig gemacht werden können; sie werden sich als die wahren Machthaber unendlich erhaben fühlen über das geknechtete Volk der Deutschen, das natürlich nur der Knechtschaft würdig ist und mit dem sich zu verständigen der grande nation zu gering ist.
„Hoch wird sie lange Zeit die Stirne tragen
und schwere Last auf die besiegten häufen,
wie groß für diese Scham und Schmerz auch seien.“ So lese ich eben bei Dante. Jahrhunderte vergehen; aber die Menschen bleiben ewig sich gleich. Diese Worte zeigen es. Nur sind es stets die Besiegten, die diese Wahrheit erkennen. Großmütige Sieger kennt die Weltgeschichte nicht und der Völkerbund wird frommer Wahn bleiben. Immerhin, wenn das deutsche Volk die falschen Götter wegtut, wenn deutscher Fleiß und deutsche Treue, deutsche Tiefe und Innigkeit ihm wertvoller erscheinen als Reichtum und Macht, wenn es selber wieder genest am deutschem Wesen, dann werden auch Niederlage und Knechtschaft erträglich; dann wären wir das freieste Volk und wenn sie uns noch so viel Ketten anlegen. Ob diese Zeit der Not und des Umsturzes wirklich eine Zeit der Wiedergeburt wird – das ist die Schicksalsfrage. Wenn Reichtum und Glanz, die Götter, die in fremden Lagern thronen, uns weiter das Begehrenswerteste bleiben, dann sind wir wirklich die Armen, die Gerichteten und Geschlagenen. – Die Franzosenherrschaft macht sich bemerkbar und wenn man, ihrer Argumentation zu entgehen, im abgeschlossenen Zimmer bleibt. Wir warten vergeblich auf die Zeitung; sie ist weder am Mittag noch am Abend erschienen. Der franz. Zensor hat jedenfalls noch keine Zeit gefunden sie zu erledigen und wir dürfen nur lesen, was den Franzosen gut scheint.
7.12.
Die Sklavenketten rasseln allüberall. Mit einem taktvollen Sinnbild, mit der Reitpeitsche in der Hand, soll der Befehlshaber gestern Abend die Spitzen aller städtischen Behörden empfangen und die französische Herrschaft dokumentiert haben. Eine französische Ansprache leitete den Akt ein. Sie wird gar nicht oder nur ganz mangelhaft verstanden worden sein. Was tut´s? Wir sind die Herren und es ist unsere Sprache. Die französische Zeit ist eingeführt worden. Sie passt gar nicht für unsere Verhältnisse; sie macht einen Teil der Nacht zum Tage und wir haben ohnehin zu wenig Brenn- und Leuchtmaterial. Was tut´s? Wir sind die Herrn und es ist unsere Zeit. Aber die Sonne geht ihren Lauf, Tag und Nacht wechseln unbekümmert um die armseligen Menschen. Ich habe meine Uhr nach der vorgeschriebenen Zeit gerichtet. Eine Kleinigkeit, aber unendlich schmerzlich. Ein äußeres Zeichen der Unterwerfung unter fremde Herrschaft. Was werden wir alles erleben müssen? Wir sind wie Pflanzen, denen der Boden abgegraben wird, in dem sie wuchsen und erstarkten; wir sind in der Heimat und müssen doch leben wie in der Fremde. Wer die Gesinnung wechseln kann wie das Kleid, wird in der nächsten Zeit am besten daran sein. Die Trikolore weht, die Sklavenketten rasseln.
8.12.18
Eine Menge drückender Bestimmungen bringt die Zeitung heute. Wir müssen Aufenthaltserklärung machen und Ausweise haben; wir dürfen über den Bezirk der Stadt nicht hinaus; wir dürfen von abends 9 bis morgens 6 nicht auf die Straße; wir dürfen keine Versammlungen haben; wir müssen uns Requisitionen von Diensten und Dingen gefallen lassen xx. Freilich die Deutschen, die Preußen vor allem, haben´s in fremden Landen ähnlich gehalten. Dass die Bewohner der besetzten [?] den Fußsteig verlassen und die Offiziere grüßen mussten, die daher kamen, das hat mich immer auf´s Höchste entrüstet. Wenn die Franzosen diese Dinge nun nachmachen – kann man´s ihnen verargen?
10.12.
Wenn man morgens zur Haustür herauskommt, der 1. Anblick – Franzosen. Wenn man von einem Gange in die Stadt hereinkommt, der letzte Anblick – Franzosen. Wohin man sich wendet, der Blick trifft überall auf diese Gestalten europäischer und afrikanischer Franzosen. Die Truppendurchzüge nach dem Rhein, deren Zweck man, nachdem wir nun wehrlos gemacht sind, nicht begreifen kann, wollen nicht aufhören. Heute ist General Fayolle, der mit seinem Stabe hier Wohnung nehmen wird, – einige vornehme Villen wurden zu diesem Zwecke einfach angefordert und die Bewohner (Familie Karcher) gezwungen sie zu verlassen – eingetroffen, natürlich mit theatralischem Gepränge, Musik, Parade … von den anwesenden Franzosen begrüßt. 2000 Mann sollen als Besatzung kommen und jeder Mann soll Deutschland 10 M für den Tag kosten (?) Was unser verarmtes Land nicht alles hergeben soll in der nächsten Zeit! Wo sollen die Mittel herkommen zur Durchführung innerer Aufgaben?
12.12.
Die fremden Herrn, die unwillkommenen Gäste, müssen noch eigens begrüßt werden – General Fayolle hat die Spitzen der Behörden empfangen, ihren Gruß entgegengenommen und mit einer Ansprache geantwortet. Ein sonderbares Gemisch von Verblendung und Wahrheit – diese Ansprache. Frankreich, das friedliebende, soll mit Krieg überzogen und zur Abwehr gezwungen worden sein und Frankreich hat doch seit 1870 ununterbrochen den Krieg vorbereitet. Und wenn es auch diesmal den unmittelbaren Anlass nicht gegeben hat, die französische Rachelust hat doch redlich geholfen den Krieg herbeizuführen. Und Frankreich soll stets Böses mir Gutem vergolten haben. Ja, von diesem Guten hat die Pfalz ihr redlich Teil bekommen. „Die Pfalz wird verbrannt“, „die Pfalz wird ausgeleert“ – diese französischen Befehle bezeugen es und die zerstörten Burgen und Schlösser auch. Was er aber gesagt hat über die trostlosen Verwüstungen, die z.B. der deutsche Rückzug 1917 gebracht hat, das habe auch ich als etwas unerhört Trauriges empfunden, ein Zeichen, dass nicht der Franzose und nicht der Deutsche, sondern der grausame Krieg das Menschenunwürdige hervorbringt. Aber auch wir waren im Siege verblendet und haben uns beruhigt mit der „militärischen Notwendigkeit“ dieser Tatsache. Was mir noch besonders auffiel an dieser Rede, das war der Brustton der Überzeugung, der Glaube an die eigene gerechte Sache, den wir Deutsche ja jahrelang auch gehabt haben. Wir Menschen sind doch überall vom Teufel umlauert, selbst der Glaube an die Gerechtigkeit, diese hehre Quelle von Kraft, kann wieder zum Fallstrick werden und geleitet die verblendeten Menschen unbemerkt aus den Armen Gottes in die gierigen Krallen des Satans hinüber.
14.12.
Herren und Knechte – selten habe ich sie so deutlich unterschieden gesehen wie bei dieser Besatzung. Die Franzosen – soweit ich beurteilen kann – wohlgenährt, frisch und fröhlich, die Afrikaner mager, traurigen Ausdrucks, hungernd. Vielleicht macht das kältere Klima diesen, aus dem heißen Afrika kommenden, im übrigen verhältnismäßig angenehm aussehenden Burschen so großen Hunger; vielleicht bekommen sie auch die für die Franzosen selber vorgesehene Ration nicht – Tatsache ist, dass sie in Geschäften und Privathäusern einkehren und um Brot betteln. Wir Deutschen sind arm, aber die Franzosen haben doch Überfluss. An Arbeit scheint es den Afrikanern nicht zu fehlen; alle Wachposten scheinen von ihnen besetzt. Klappt etwas nicht, so werden sie – sagt man – auf offener Straße geohrfeigt; die Offiziere sollen auch stets Reitpeitschen bei sich tragen, mit denen sie ihren Befehlen Ausdruck verleihen, wenn´s ihnen nötig scheint. Und diese Völker haben doch den Krieg mit Deutschland nicht gewollt; rohe Gewalt hat sie hineingeschleppt. Aber die Entente kämpfte für die „Freiheit“.
21.12.
Das Straßenbild behält seinen unheimatlichen Charakter. Der Franzose beherrscht es. Er beherrscht auch den ganzen Betrieb in der Stadt; ohne sein Wissen und Wollen kann nichts mehr geplant und entschieden werden. Die Schauermärchen, die über dem Rhein – fast hätte ich gesagt in Deutschland – berichtet werden, sind freilich wieder nicht wahr. Von einer willkürlichen Belästigung der Einwohner kann man im allgemeinen nicht reden. Hinter den Kulissen scheint freilich mancherlei sich abzuspielen, von dem wir nichts wissen. Den Beamten gegenüber sollen die französischen Herren auch jede äußere Höflichkeit, die sie im allgemeinen doch auszeichnet, außer Acht lassen und nur den Machthaber hervorkehren. Und wo die Herren in größerer Zahl einquartiert sind, da ist viel Bitteres zu schlucken. Die Rolle des Herrn liegt ihnen offenbar ganz gut. Die Reitpeitsche in der Hand, von starkem Parfümduft umgeben, so schreiten sie umher, zwei Dinge, die für unsere deutschen Begriffe kennzeichnend sind für Wohlleben und Weichlichkeit auf der einen, für Härte und Rücksichtslosigkeit auf der andern Seite. Und wie sticht der Anblick der armen Afrikaner dagegen ab, wenn sie da auf der Wache stehen, frierend, elend und traurig. Die Kämpfer für „Freiheit und Menschenrechte“ vergessen hier ihre Rolle anscheinend ganz. – Und wie geht es bei uns in Deutschland zu? Eigentlich wissen wir´s nicht. Wir haben früher nur die Nahrung genießen dürfen, die uns von deutschen Machthabern zubereitet war und nun dürfen wir nur lesen, was der französische Zensor gestattet. Eine unmittelbare Nachricht aus dem überrheinischen Deutschland ist uns nicht erlaubt. Aber soviel hört man doch auch bei uns, dass in Berlin die bösen Geister ihr Wesen weitertreiben. Der Machthunger der Spartakusgruppe ist offenbar nicht zu stillen. Die Arbeit, das einzige, was uns noch retten kann, soll Nebensache, der Raub der Güter die Hauptsache werden. Nicht um Gerechtigkeit und Menschenrecht dreht es sich bei diesem Kommunismus, sondern um Habgier und Machthunger. Wenn es in dem Abgrund, in den uns Größenwahn und Mammonismus der einen Gruppe gewaltsam getrieben haben, noch eine schaurige Tiefe gibt, die Spartakusgruppe bringt es fertig uns auch hier noch hineinzustoßen, und so sehr man den Bürgerkrieg auf der einen Seite fürchtet und vor ihm bangt, so möchte man doch auf der anderen Seite bedauern, dass das besonnene ruhige Volk der Deutschen sich den Terror dieser kleinen Gruppe gieriger wahnwitziger Menschen gefallen lässt, der unser Verhängnis vollenden muss.
23.12.
Bevormundet, abgesperrt, gefangen gesetzt sind wir. Über den Bannkreis der Stadt dürfen wir nicht hinaus und nur ganz ausnahmsweise kommt mit der Post etwas herein. Wenn ich an Weihnachten meinen Bruder in dem nahen Dörfchen Dansenberg (1. St. Weg) besuchen will, muss ich die französische Erlaubnis durch einen Schein nachweisen – das Fordern und Holen kostet Überwindung –. Ist das ein unnötig erschwertes Leben! Der Krieg soll doch vorüber sein und wir haben zu Zwischentrügereien gar keine Gelegenheit. Militärisches Treiben haben wir freilich noch nie in dem Maße wie eben gesehen. Der französische Militarismus ist doch genau derselbe wie der preußische und fast scheint es, als stellten die Franzosen ihn mit Wohlgefallen vor uns zur Schau, um uns zu zeigen, dass sie als Menschen höherer Ordnung ein Instrument behalten dürfen, das unsern Händen entwunden werden musste.
25.12.1918
Die Weihnachtsglocken läuten; die Weihnachtskerzen brennen wieder und das ist recht. Weihnachten wollen wir feiern trotz aller Stürme, die über uns hinbrausen, trotz aller Not, die über uns hereingebrochen ist. Ach, dass wir es feiern könnten, wie es sein soll; dass wir nicht im Vorhof blieben, wo Reichtum und irdisches Wesen das Machtwort reden; dass wir hineinkämen in das Allerheiligste, da die erlösende Liebe, die allein dem Christentum Sinn gibt, alles wohlig durchströmt. Das wäre die rechte Revolution, an der Gott und Menschen ihr Wohlgefallen haben könnten. Aber gleichgültig und oberflächlich, ohne Verständnis für die Tiefe seiner Bedeutung wird es auch diesmal wieder gefeiert, wird auch diesmal das „Friede auf Erden“ wieder gesungen werden. „Friede“, das Wort spielt freilich eben eine große Rolle. Aber was für ein Friede! Der Starke setzt dem Ohnmächtigen den Fuß in den Nacken, nimmt hinweg, nicht was ihn wehrlos allein, auch was ihn hungernd, frierend und elend macht, und dann macht er „Friede“ mit ihm. Sterben will er ihn nicht lassen, er will seine Sklavendienste weiter benützen; darum reicht er ihm zum Schlusse doch mit Gönnermiene wieder ein Stückchen Brot und spricht zur Welt: „Bin ich nicht großmütig?“ Und was noch schlimmer ist, er glaubt selber an seine Großmut, an seinen Edelsinn. Und dieselben Menschen singen dann mit Seelenruhe: „Ehre sei Gott in der Höhe“ und haben ihn doch verleugnet und verhöhnt – „Friede auf Erden“ und haben doch Herrschaft und Ausbeutung auf der einen, Dienstbarkeit und Rechtlosigkeit auf der anderen Seite eingesetzt – „und den Menschen ein Wohlgefallen.“ Wohlgefallen ist freilich da; aber nicht Gott ist´s, der hier Wohlgefallen haben kann; sein Gegenstück, der Satan, der mag sich freuen. „Friede!“ Es ist ein Jammer, was für höhnisch grinsende Zerrbilder entstehen, wenn der zivilisierte Mensch, „der Affe Gottes“, diese heiligen, göttlichen Dinge gestaltet. So sieht sein Friede aus. Und mit andern Dingen ist´s nicht besser. Nun müssen z.B. alle Beamten die französischen Offiziere grüßen. Was ist der Gruß doch wohl ursprünglich gewesen, was soll er sein und was machen die auf ihre sogenannte Kultur so stolzen Jetztmenschen daraus? Ein Strahl der Liebe, der Zusammengehörigkeit war er, sollte er sein, ein Strahl der Liebe, der herausströmt aus dem einen Herzen und dem ihm aus dem andern Herzen entgegenströmenden Strahl begegnet; das war er ursprünglich sicher. Das schöne „Grüß Gott“ redet heute noch davon und es müssen schlichte, einfältige, aber herrliche Gottmenschen gewesen sein, die ihn eingesetzt. Und was ist daraus geworden? Ein Zeichen der Unterwerfung, eine Huldigung für die Herrn und Machthaber, an der sie sich nicht erbauen, aber doch berauschen können. Liebe, Gefühl der Zusammengehörigkeit, braucht nicht dabei zu sein; die Unterwürfigkeit, die öffentliche Anerkennung ihres Herrentums genügt. So wollen´s „die Kulturmenschen“. Dass die Deutschen, die Preußen, im Feindesland dasselbe Verlangen gestellt haben, beweist nur, dass auch sie für das „deutsche Wesen, an dem die Welt noch einmal genesen soll“, keine Spur von Verständnis hatten, dass auch sie ihre Augen blenden ließen von äußeren Dingen, von der gefährlichen Machtfülle, dass sie nicht in den Vorhof und gewiss nicht in das Heilige oder Allerheiligste des christlichen Tempels eintraten. Der äußere Glanz und Ruhm betrügt die Menschen um ihre Wahrhaftigkeit, um den Sinn für das eigentliche Wesen der Dinge und ihrer selbst. In Bezug auf die Völker ist diese Gefahr vielleicht noch größer, weil die Machthaber in dem Gefühle der selbstlosen Sorge für ihr Volk für diese Gefahr ganz blind geworden sind. Die Not, die bringt vielleicht wieder etwas Verständnis für das Wesen der Dinge. Sie sollten gesegnet sein, wenn sie dem deutschen Volke diese Kraft wieder schenkten, und die anderen Völker sollten um Reichtum und Glanz nicht beneidet werden.
30.12.
Liebknecht, Lebedour [gemeint vermutlich: „Ledebour“] und Rosa Luxemburg – das wollen nun die Machthaber in Deutschland sein. Die Zeitungen berichten von schweren Kämpfen, die um die Herrschaft geführt werden. Muss Deutschland durch alle Nöte der Revolution, durch Bürgerkrieg, Hungersnot und Staatsbankrott hindurch? Wenn die Spartakusgruppe die Zügel behält – ganz gewiss. Schon jetzt macht der Sozialismus – dem echten bin ich durchaus gewogen – unheilvolle Experimente. Hohe Arbeitslosenunterstützung auf der einen, Arbeitermangel auf der anderen Seite sind die Folge. Der rechte Ausgleich fehlt, weil viele Arbeiter es verstehen sich Unterstützungen ohne Arbeit zu verschaffen. Dabei streiken viele Bergleute an der Ruhr und Fabriken werden so lahm gelegt. Wann wird der Geist der Ordnung, der segnende, wieder Einkehr halten in deutschen Landen? – Vor dem Bürgerkriege werden wir in den „besetzten“ Gebieten wohl verschont bleiben. Man möchte darüber sich freuen, aber eine andere Last liegt schwer auf uns. Die Franzosen sind halt auch Gäste, die an unserm Blute saugen. Das Requisitionsrecht ward dem verarmten Volke gegenüber redlich ausgenützt. Fleisch, Milch, Butter, Eier, Kleidungsstücke werden verlangt. Schaufeln, Pickel und ähnliche Werkzeuge werden aus den Werkstätten und Haushaltungen weggenommen; nun sollen auch alle Baustoffe abgeliefert werden. Wein in ungeheurer Menge – man spricht von 100000 l i. Tage (?) – soll von den Weinbauern geliefert werden. Das ist die große Nation, die gekommen ist, Böses mit Gutem zu vergelten.
Januar - April 1919
Neujahr 1919
Ich habe in der Nacht zum Himmel aufgeschaut. In der grauschwarzen Wolkenmasse war kein Sternlein zu finden, das hinübergeleuchtet hätte in das neue Jahr. So muss der Himmel aussehen, wenn er die Sprache der Zeit redet. Trübe und dunkel ist´s, außen und innen. Aber die Sterne sind doch nur versteckt hinter der finsteren Wolkenwand; sie werden vielleicht schon morgen wieder hervortreten und leuchten in herrlichem Glanze. Wird das andere Dunkel, das uns bedrückt, ebenso hinweggefegt werden durch eine höhere Gewalt? Wohl nicht. Hier außen ist´s die Natur, die über der Erde steht, die ewig neutral bleibt und das Gleichgewicht immer wieder herstellt; dort sind Menschen die Machthaber und die sind parteiisch; die finden Mittel und Wege, die Macht für ihre eigenen Zwecke auszunützen. Wilson war es vielleicht ernst mit dem „Gerechtigkeitsfrieden“, mit dem „Völkerbund“, aber er ist ein schwacher Mensch und den schlimmsten Einflüssen preisgegeben; denn er leiht sein Ohr nur der einen Seite. Er spricht zwar davon, dass die Völker sich kennen sollen, schließt aber die Deutschen dabei nicht ein. Wir Deutschen sind in diesem Sinne immer Ausgestoßene. Er sieht Menschen guter Art nur auf der einen, Gewaltmenschen, auf die man nicht zu hören braucht, auf der anderen Seite. So muss er in die Irre gehen. Was wird werden aus seinen herrlichen, Erlösung verheißenden Worten? Zerrbilder werden wieder auftreten. Dinge, geschaffen von „Kulturmenschen“, die aber nicht mehr „Gottmenschen“ sind. Schon sind zwei gefährliche Schlagwörter gefunden: „strafende Gerechtigkeit“ und „Völkerpolizei“. Unter diesen Rechtstiteln lässt sich wohl alles wegnehmen und einheimsen. Und so wird Wilson mit all seinem guten Willen an der Tatsache des grausamen, unheilvollen Gewaltfriedens kaum etwas ändern. Er wird nur erreichen, dass dieser Friede unter einem anderen Namen segelt; er wird Heuchelei und Pharisäismus unterstützen. Dass die Franzosen französische Lehrer mitgebracht haben und französischen Unterricht in der Pfalz erzwingen wollen, lässt schon tief blicken. Um des idealen Bildungswertes willen tun sie es sicher nicht. Und selbst Elsass-Lothringen, das wir nun hingeben müssen – warum ist Els. Lothr. vor den Franzosen selbst und vor aller Welt ein französisches Land? Will Frankreich, als es vor 2-3 Jahrhunderten Elsass wegnahm, Deutschland so zum Ruin gebracht hatte, dass es Jahrhunderte nicht daran denken konnte, sein Eigentum zurückzuholen, und weil es verstanden hat – das muss man zugeben – Els. Lothr. so – freundschaftlich und gewaltsam – mit französischem Einfluss zu überschwemmen, dass es das Land als ein französisches ausgeben konnte. Deutschland hat 1870 sein Werk so grausam nicht vollendet. Frankreich hat sich in kurzer Zeit erholen und die Rückeroberung vorbereiten können und Deutschland (Preußen) hat es nicht verstanden das Land dem deutschen Einfluss zugänglich zu machen. Sie wollten preußisches statt elsässischem Deutschtum einpflanzen und haben damit erreicht, dass das Volk nach 50 Jahren noch dem Franzosentum freundlich gesinnt war. Dennoch bleibt das Land ein deutsches Land. Namen wie Straßburg, Mühlhausen, Schlettstadt, Weißenburg, Metz …, sie mögen noch so sorgsam französisch ausgesprochen werden, zeugen ewig von ihrem deutschen Ursprung und die deutsche Sprache wird nie auszurotten sein.
Eine gute Nachricht hat das alte Jahr zum Schlusse noch gebracht. Die Spartakusgruppe, die tobende, die dem Volke den letzten Halt noch rauben wollte, ist gestürzt. Abgetan freilich noch nicht. Aber vielleicht dürfen wir, soweit die inneren Verhältnisse in Deutschland in Betracht kommen, doch hoffen, dass die klaren Sterne deutschen Wesens nur verdeckt sind durch die dunkle Wolkenwand der herrschenden Leidenschaften, dass sie wieder hervortreten und leuchten werden als Führer in eine bessere Zukunft.
4.1.
Die Besatzung wechselt anscheinend öfter. Die Marokkaner haben uns längst verlassen. Die Grippe soll furchtbar unter ihnen gewütet und der Tod reiche Ernte gehalten haben. Sang- und klanglos, in Säcke gesteckt, sollen ihre Leichname eingescharrt worden sein. Heute hat wieder ein neues Ab- und Zufluten von Truppen eingesetzt; viele Neger sieht man darunter. Unendlich viel Truppen ziehen nach Osten, man begreift nicht zu welchem Zwecke, nachdem doch alle Welt weiß, dass wir nicht allein zum Friedenschließen gewillt, sondern auch dazu gezwungen sind. Die Not steigert sich mit jedem Tage. Die Preise sind märchenhaft. Im Schleichhandel wird das Pfund Mehl zu 1 M 60, das Pfund Zucker zu 1 M 75 und noch höher verkauft; Butter zu 15-20 M das Pfund, Eier 50 Pf. und höher – das sind keine Ausnahmspreise, das ist die Taxe des Bauern, der natürlich so wenig wie möglich an die Allgemeinheit abliefert. Der Zucker kostet selbst beim Kommunalverband 54 Pf. d. Pfund und der Preis soll wieder erhöht werden; die Fabriken aber zahlen 30 und mehr % Dividende. Stoffe sind gar nicht mehr zu haben. Lederschuhe, die während des Krieges in Erwartung noch ungeheuerlicherer Preise versteckt wurden, erscheinen aber in allen Schaufenstern. Geldgier, Wucher, Betrug – wohin man schaut.
6.1.
Die Wahlen zum Landtag, zur Nationalversammlung und die vorbereitenden Versammlungen sind nun von der französischen Behörde doch gestattet worden. Wird das eine überstürzte Sache werden! Wir Frauen haben ja nun auch das Wahlrecht und haben uns doch um diese Sache kaum gekümmert.
10.1.
Der französische General in Zweibrücken hat die Behörden an Neujahr zu sich gebeten und hat ihnen eine Rede gehalten, in der er sich nicht genugtun konnte in Anklagen gegen das wilde Volk der Deutschen, „der Hunnen“, und in Lobpreisungen für das gesittete, menschlich fühlende Volk der Franzosen. Und damit seinen Worten auch die rechte Beleuchtung durch die Tat nicht fehle, kommen eigenartige Nachrichten aus Els. Lothringen. Deutsche Beamte und Staatsangehörige werden ausgewiesen, müssen nicht allein ihre Stellungen, ihr tägliches Brot, hergeben, sie müssen auch ihre ganze Habe im Elsass zurücklassen. Nur Handgepäck wird ihnen mitzunehmen gestattet, und schmachvoll sollen sie beim Fortgehen behandelt werden. Das großmütige Frankreich, das stets „Böses mit Gutem vergilt“, nimmt also nicht allein von dem deutschen Reich im allgemeinen die volle Entschädigung für die Kriegsschäden; es nimmt auch diesen unglücklichen Einzeldeutschen als Dreingabe zu der allgemeinen Kriegsentschädigung ihr letztes Gut. „Handgepäck mitzunehmen“, das haben vielleicht auch die „wilden Hunnen“ während der schlimmsten Kriegstage den armen Flüchtlingen gestattet. Wir haben auch eine Schwester in Straßburg und sind in großer Sorge, welches Schicksal ihr die Großmut der „großen Nation“ bereiten werde. – An Weihnachten ist ein hiesiger Bürger, ein Gärtner, von den Franzosen verhaftet und ins Gefängnis gebracht worden. Ein französischer Kriegsgefangener, der bei ihm arbeitete, soll schlecht behandelt und nach eintägiger Krankheit an Unterernährung gestorben sein. Wie weit diese Anklagen auf Wahrheit beruhen, lässt sich natürlich nicht feststellen. Wenn die Leute wehrlose Gefangene als entrechtete Menschen schlecht behandeln, so ist das natürlich eine Gemeinheit und unverzeihlich. Im allgemeinen sind die Gefangenen aber bei uns – ich habe selbst Beobachtungen gemacht – sehr gut behandelt worden und Unterernährung besteht in Deutschland allenthalben. Und wie ist´s unseren Gefangenen gegangen in anderen Ländern. Wer fragt danach? Es geht hier wie bei allen anderen Dingen. Die Machthaber haben´s nicht nötig sich zu verantworten und wenn auch Tausende von Deutschen durch grausame und schmachvolle Behandlung in fremden Ländern ihr Leben haben lassen müssen; bei uns aber wird jeder Einzelfall hervorgezerrt, peinlich untersucht und gerächt. – Mackensen ist tatsächlich von der Entente in Sal[...oniki?] gefangen gesetzt worden. Welch trauriges Kriegsende für einen solchen Helden! Aber warum war er auch im Osten, wo wir doch seit langem Friede hatten und er wäre doch im Westen so nötig gewesen. Das hat man nie begreifen können. Das war das unredliche Spiel. So ist das Kriegsende da draußen und in der Heimat tobt schon der Bürgerkrieg; in Düsseldorf hat man sogar die belgische Besatzung gegen das eigene tobende Volk zu Hilfe rufen müssen; viele Einwohner sind geflohen. Wir haben´s herrlich weit gebracht im deutschen Vaterlande.
15.1.
Endlich scheint die Regierung in Berlin doch Ernst zu machen mit dem Kampf gegen Spartakus. Sie sind in allen Kämpfen unterlegen und die Bewohner hätten am liebsten Lynchjustiz an den gefangenen Räubern geübt; in Bremen und anderen Städten haben sie aber noch die Macht in der Hand.
16.1.
Nun muss jeder über 12 Jahre alte Einwohner des besetzten Gebietes in seiner eigenen Vaterstadt einen Pass nachtragen, dass er sich den Franzosen gegenüber ausweisen kann. Es ist doch traurig. Die Franzosen haben freie Bahn; wir aber müssen einen Ausweis nachtragen, wenn uns die Bewegung auf unserer eigenen Straße gestattet sein soll. Heute habe ich meinen Pass nach Vorschrift ausfertigen lassen. Was ich aber dabei erlebt habe, das spottet jeder Beschreibung. Wir wollen doch das Volk der Organisation sein. Es klingt wie Spott, wenn man des Gebaren denkt, das bei diesem Anlass in der Fruchthalle geherrscht hat. Offenbar sind zu viel Menschen auf einmal bestellt worden und die Beamten waren nicht fähig die Pässe alle auszufertigen. Nun drängte sich die Menge, der bei Androhung von Strafe geboten worden war, um diese Zeit zu erscheinen, gegen die verschlossene Tür; rücksichtslos stieß einer den andern hinein, als die Tür endlich geöffnet wurde und es ist ein Wunder, dass kein Unglück dabei geschah. Die Schutzleute waren ohnmächtig. Ein solcher Zustand ist doch eine Schmach für die Behörde. Die Tür ist auch erst nach halbstündiger Verspätung geöffnet worden und dadurch wurde wohl das furchtbare Gedränge verursacht.
18.1.
Liebknecht und Rosa Luxemburg haben nun doch ein Ende genommen mit Schrecken. Liebknecht ist, als er bei seiner Verhaftung einen Fluchtversuch unternahm, erschossen und Rosa Luxemburg ist von der wütenden Menge tatsächlich gelyncht worden. Den Tod dieser beiden Menschen – ich meine den Tod an sich – wird außer den unmittelbaren Anhängern wohl niemand beklagen; das deutsche Volk atmet auf wie von einem Drucke befreit. Denn sie verkörperten den bösen Geist, der in wahnwitzigem Fanatismus Unheil säte mit vollen Händen, der unersättliche und unerfüllbare Begierden in den Menschen wachrief, der die rücksichtslose Gewaltherrschaft der niederen Klasse durchsetzen wollte. Dass diesem unheilvollen Treiben nun ein Ende gesetzt ist, muss man begrüßen; aber man erschauert dennoch über das unsagbar grausige dieses gewaltsamen Todes. Einer wütenden Volksmenge in die Hände zu fallen, das ist ein – in diesem Falle vielleicht nicht ganz unverdientes – aber grausames, trauriges Los. Nun ist das Feuer auf der einen Seite erloschen; ob aber durch dies gewaltsame Ausblasen auf der andern Seite die Flammen nicht zu neuer Glut erhitzt werden! Die Anhänger der beiden Toten werden ihrer Wut freien Lauf lassen, wo sie die Macht dazu haben.
19.1.
Dass ich einmal, mit dem Stimmzettel in der Hand, zur Wahl gehen werde, hätte ich auch nicht gedacht. Der Umsturz hat den Frauen das Wahlrecht gebracht. Ist das Geschenk ein gutes? In den letzten Tagen wagten freilich auch die ausgesprochensten Gegner des Frauenstimmrechtes nicht mehr etwas dagegen zu sagen; die Frauen hatten ja nun durch den Stimmzettel eine Macht in der Hand und sollten für die Partei gewonnen werden; aber innerlich überzeugt sind sicher die wenigsten der einstigen Gegner. Nach meiner Überzeugung ist das Geschenk unbedingt ein gutes. Nicht deshalb allein, weil in der Nationalversammlung auch reine Frauenfragen behandelt werden müssen, für die den Männern naturgemäß das volle Verständnis fehlen muss, sondern in 1. Linie deshalb, weil zum Verständnis des Allgemein-Menschlichen Mann und Frau unbedingt zusammengehören, unbedingt sich gegenseitig ergänzen müssen. Nicht der Mann verkörpert das Rein-Menschliche und auch nicht die Frau. Die Natur will eben, dass sie sich ergänzen sollen, sie gewährt die Vollendung erst in der idealen Vereinigung. [Randbemerkung: „Mit weiser Güte teilest Du ...“] Und weil ich überzeugt bin, dass zur rechten Einsicht in allem Menschlichen Mann und Frau sich gegenseitig die Hand reichen müssen, darum kann ich nicht glauben, dass es gut ist, wenn Männer allein über das Wohl und über die Bedürfnisse eines Volkes entscheiden und darum halte ich das Geschenk des Wahlrechtes an die Frauen für ein gutes. Bequemer ist´s ja freilich den Männern allein alle Verantwortung aufzulegen; aber wir Frauen müssen begreifen lernen, dass wir unsere Pflichten auch hier erfüllen müssen und ich hoffe, dass uns die Zukunft auch das passive Wahlrecht in reicherem Maße bringen wird, als es bei dieser Wahl der Fall ist. – Dass ich dem Zuge meines Herzens nicht folgen und für den Sozialismus stimmen konnte, hat mir zu schaffen gemacht. Aber ich fürchte, die Mehrheitssozialisten werden mit ihren früheren Bundesbrüdern, den Unabhängigen und Spartakisten, diesen Unheilbringern, doch wieder einmal gemeinsame Sache machen und es wäre unverantwortlich dazu die Hand zu bieten. Dann glaube ich auch nicht, dass der Sozialismus gewaltsam von außen her der Menschheit geschenkt werden kann. Es kommt mir vor, als sollte eine köstliche Knospe, die sich unter dem Einfluss der wärmenden Sonnenstrahlen langsam und allmählich von innen her erschließt, durch gewaltsamen äußeren Eingriff geöffnet werden. Wo sind aber die wärmenden Sonnenstrahlen der Liebe? Sie fehlen auf allen Seiten. Auf Seiten der Rechten herrscht der Grundsatz: „Halte, was du hast“ im guten wie im bösen Sinne. Sie haben ungeheure Kriegsgewinne eingestrichen und die Herrn Junker besitzen Ländereien deutschen Bodens von unerhörter Größe und sie werden die Macht, die dieser Reichtum bietet, nicht in sozialem Sinne verwenden. Ich habe in diesem Kriege immer gesehen, dass alle Lasten abgewälzt wurden auf die schwächsten Schultern. Die äußerste Rechte kann also meine Partei auch nicht sein. – Der Tag ist im übrigen ganz friedlich verlaufen; das Frauenstimmrecht ist also nichts Unmögliches und Undurchführbares, wie die Gegner bis jetzt immer behauptet haben.
20.1.
Die Franzosen, die unseren Lesestoff nicht allein kontrollieren sondern auch vorschreiben, haben nun begonnen in der Zeitung eine Auslese von Urkunden aus Kriegsakten zu veröffentlichen, die die Deutschen schwer belasten und als Barbaren brandmarken. Sie tun es „weil sie bei zahlreichen Einwohnern eine vollständige Unwissenheit über den Kriegsursprung, über die Art seiner Führung … “ finden. Da mutet doch manches sonderbar an. Das deutsche Volk ist doch durch die Waffenstillstandsbedingungen und wird durch die Friedensbedingungen grausam gestraft, weil es den Krieg entfacht und so grausam geführt, und nun stellen Franzosen selber fest, dass das Volk von diesen Dingen gar nichts weiß und dass sie ihm erst die Augen öffnen müssen, also wird ein Volk bestraft für Verbrechen, von denen es gar nichts weiß. Seltsam auch, dass die französische Behörde Verordnungen, nach denen die Bewohner bei Androhung schwerer Bestrafung sich zu richten aufgefordert werden, in französischer Sprache erscheinen lässt, für diese Veröffentlichungen aber wendet sie die deutsche Sprache an. Da wird’s den Leuten leicht gemacht die Sache zu verstehen. Bei den Bekanntmachungen sagt der französische Machtdünkel: Wir sind die Herrn, es ist unsere Sprache. Seht, wie Ihr damit zurecht kommt! Was hier bekannt gemacht wird, ist freilich ein düsteres Bild deutscher Verwaltung im Auslande. Der Krieg macht eben den Menschen roh und grausam und Gewalthaber, die nicht kontrolliert werden, missbrauchen ihre Macht häufig auf das Schmählichste. Dass auch die Deutschen davon traurige Beweise gegeben haben, ist bitter. Wenn sich im übrigen die Belgier gerade in der Erntezeit weigerten eine lange Arbeitszeit auf sich zu nehmen – die ist in dieser Zeit doch Regel für alle landwirtschaftlichen Arbeiter – so lässt diese Tatsache die schweren Strafen nicht entschuldigen, aber doch in milderem Lichte erscheinen. Sicher wollen die Franzosen mit dieser Veröffentlichung nicht in 1. Linie den Deutschen die Wahrheit bringen, sondern sie aufhetzen gegen die „Unkultur“ der eigenen Regierung und sie dadurch einfangen für die angeblich höhere Kultur Frankreichs, das unsere Pfalz gerne verschlingen möchte. Die Gelegenheit den Gegner verabscheuungswürdig erscheinen zu lassen, ist auch außerordentlich günstig. Er liegt ja geknebelt zu Boden und hat keine Möglichkeit sich gegen die Anschuldigungen zu verteidigen. Das ist echt ritterliche Art.
23.1.
Die Franzosen sind mit uns Lehrer und Lehrerinnen anscheinend nicht zufrieden. Heute kam eine eigne Vermahnung, im Unterricht, in Vereinssitzungen usw. kein Wort zu sagen, das die Ehre der französischen Nation verletzen könnte. – Die Friedensverhandlungen sollen nun beginnen. Sie sollten öffentlich sein. Nun kommt schon die Einschränkung, dass die Öffentlichkeit erst zugelassen werden soll, wenn die Beteiligten in den Grundfragen sich geeinigt haben. Eine eigenartige Öffentlichkeit der Verhandlungen! Öffentlich geführt werden wohl die gegenseitigen Verhimmelungen, von denen wir bei der Eröffnung schon eine Kostprobe erhalten haben haben, und die Anklagen gegen Deutschland. Wie dieser Krieg den unterdrückten Staaten gebracht – natürlich durch den Gerechtigkeits- und Freiheitssinn der Entente – davon reden die Machthaber. Aber nur die Elsässer, Polen, Tschechen usw. gehören zu diesen Völkern. Die Buren und Iren, deren Aufstände während des Krieges gewaltsam unterdrückt wurden, stehen ja unter Englands Herrschaft. Da bedeutet die Herrschaft nicht Unterdrückung, wenn´s auch die Völker selbst so empfinden, da bedeutet die Herrschaft Freiheit und Glück. Und auf solche Heuchelei, auf solchen Pharisäismus soll nun ein Völkerbund aufgebaut werden und der soll lebendige Kraft haben! – Der Kaiser soll natürlich unbedingt vor Gericht gezerrt werden; den Genuss dieses traurigen Schauspiels wollen sich die pharisäischen Machthaber unter keinen Umständen entgehen lassen. Aber kein Gericht, das über den Parteien steht, dem die Akten von allen Seiten zugänglich sind, darf urteilen; alles belastende Material auf Seiten der Entente bleibt in den Geheimfächern oder wird vernichtet; alles belastende Material auf Seiten Deutschlands wird ans Licht gezerrt, damit der Welt „Gerechtigkeit“ widerfahre. Wer Gerechtigkeit und Freiheit so vertritt wie die Entente, der darf Partei und Richter zugleich sein. – Deutschland ist ohnmächtig, selbst Polen bedroht allen Ernstes die deutsche Ostgrenze und holt ein Stück deutschen Landes nach dem andern. Unsere deutschen Diplomaten konnten auch nichts Besseres tun als ein Königreich Polen errichten. Sie haben sich doch in allem verrechnet.
26.1.
Es ist doch traurig, was für Listen man anwenden, was für Schleichwege man gehen muss, wenn man von seinen nächsten Angehörigen im Elsass oder über den Rhein eine harmlose Nachricht haben will. Unsere Pfalz ist hermetisch abgeschlossen. Das ist die „Freiheit“ unter der französischen Herrschaft. Dabei scheint der Kommandant p. Kaiserslautern noch verhältnismäßig duldsam zu sein. In Grünstadt z.B. muss der Franzosenkult, den die Deutschen mitzumachen gezwungen werden, viel schlimmer sein. Da müssen alle deutschen Männer vor den französischen Offizieren den Fußsteig verlassen und grüßen, da muss die Trikolore gegrüßt, die Marseillaise andächtig angehört werden usw. Fühlen denn die Machthaber nicht, dass das gewaltsame Erzwingen äußerer Gebärden, die mit den inneren Gefühlen in Widerspruch stehen, also das gewaltsamer Erzwingen widerlicher Heuchelei eine unverantwortliche Sünde ist, ein Unwürdiges nicht allein für die vergewaltigen Menschen sondern auch für die Sache selbst, die ihnen vielleicht heilig ist. – Die Lebensmittelnot steigert sich wieder gegen das Frühjahr zu. Die Kartoffelration ist schon von 7 auf 5 Pfund herabgesetzt worden. Wir werden hoffentlich auch da hindurchkommen. Bohnenkaffee ist wieder an einem Schaufenster zu sehen. Wer 18 M für das Pfund zahlen kann, mag ihn kaufen.
2.2.
Wahlversammlungen! Diese Hochflut ist nun vorüber. Edle, würdige Vorträge – hässliche Zwischenrufe – plumpe Hetzreden – niedrige Kampfartikel, – das waren die Markzeichen dieser Woche. Nach dieser Richtung wird nun Stille eintreten. Aber das Ende kündet ein neues Unheil. Es scheint, dass den Arbeitern in dieser Zeit der schweren Teuerung der Lohn allmählich gekürzt werden soll und sie setzen sich dagegen zur Wehr. Ob sie durchdringen werden? Die Fabrikherrn werden die Machtprobe leichter bestehen. Sie haben den längeren Atem, in dieser schweren Zeit ist ja ohnehin für das große Angebot von Arbeitern nicht Arbeit genug vorhanden. – Die alte Vaterlandspartei hat sich nicht enthalten können dem Kaiser zu seinem Geburtstage ein Huldigungstelegramm zu schicken, das vielleicht geeignet sein wird, unsere Lage den französischen Machthabern gegenüber, denen wir doch auf Gnade oder Ungnade ausgeliefert sind, zu erschweren. Dem Kaiser soll an diesem Tage ein Gedenken gegönnt sein – aber auch nur das. Alles Gerede von „treu zum Hohenzollernhaus halten“ usw. ist doch von Übel in dieser unsicheren gärenden Zeit. Wir sitzen im Abgrunde und können´s uns nicht leisten von hier aus die leider oft missbrauchte deutsche Fahne zu einem solchen Zwecke zu schwingen. Aber die „Vaterlandspartei“ bleibt sich gleich. Sie hat auch in diesen bösen Zeiten nicht umgelernt.
4.2.
Die Wahlen sind vorüber; die Nationalversammlungen, die deutsche wie die bayrische, werden nun wohl ein anderes Gesicht haben. Die Sozialdemokraten werden, wie nach dem Zusammenbruch des alten Systems zu erwarten war, in ungleich größerer Zahl vertreten sein wie vorher. Soll man sich des freuen oder soll man trauern? Ich freue mich, wenn ich daran denke, dass die Arbeiter nun eine starke Macht und dadurch eine gute Wehr haben gegen das Ausbeutesystem [Randbemerkung mit Bleistift: „fal[…?]sche Rechnung!“, mögl.w. später eingefügt], das ihnen durch die Verhältnisse der Zukunft, durch das Überangebot von Arbeitern droht, und ich bange davor, wenn ich denke, dass sie die Lage verkennen, ihre Macht missbrauchen und uns noch tiefer in den Abgrund führen könnten. Welche Gefahr ist die größere? Ich glaube, die erste; denn die Verhältnisse sind eine Macht, stärker als alle äußere Gewalt. Millionen hat uns der Krieg geraubt und dennoch sind viele der Zurückgekehrten arbeitslos. Nach dem Tode, dem gewaltsamen des einen Volksteiles, Not und Elend für den andern. „Wehe dem Besiegten.“ – Was nur der stets Kanonendonner bedeutet, der Tag für Tag zu hören ist, der auch während dies Schreibens wieder in mein Zimmer hereintönt? Können die Franzosen diese schauervolle Musik gar nicht entbehren?
6. Febr. 1919
Er wird ein denkwürdiger Tag in der deutschen Geschichte sein, der Tag, an dem mit dem Aufbau des niedergeschlagenen, zusammengebrochenen Reiches, an dem die revolutionäre Herrschaft durch die ordnungs- und gesetzmäßige Regierung des Volkes abgelöst wird, der Tag des 1. Zusammentretens der vom deutschen Volke gewählten Nationalversammlung in Weimar. Wird diese Stätte, die der erhabene Geist deutscher Dichter und Denker verklärt, ein besseres Sinnbild für ihr Wirken sein als der Geist des äußeren materiellen Aufschwungs, der Berlin groß gemacht hat? Wird der Stern der Hoffnung und des Segens über ihr leuchten oder werden neue Schreckenstaten ihre Tätigkeit stören, wie die Spartakisten sie planen und vorbereiten? Hoffen und Bangen des deutschen Volkes begleitet ihr Schaffen.
12.2.
Die Notverfassung ist unter Dach und Fach. Deutschland steht wieder unter dem Schutze eines Gesetzes, nicht mehr im Zeichen der Revolution. Ebert, der sich tapfer gegen die Ganzradikalen gewehrt hat, ist gesetzmäßiger, von der Nationalversammlung eingesetzter Präsident. Ein Sozialdemokrat gesetzmäßiger deutscher Reichspräsident. Welch ein Wandel der Zeit, das Rad hat sich gedreht mit ungeahnter Schnelligkeit. Wie das Verhältnis der Einzelstaaten zum Reich sich gestalten, wohin der Sturm der Zeit unsere eigne schöne Heimat tragen wird, das muss die Zukunft zeigen. „Das Reich“ ist uns geblieben und die ruhige Arbeit der Nationalversammlung in dieser Woche weckt neues Hoffen.
15.2.
Die Nationalversammlung arbeitet weiter, sachlich und ruhig. Maßvoll und würdig waren auch die Reden der an die Spitze berufenen Sozialdemokraten Ebert und Scheidemann. Treu ihrer Überzeugung auf der einen Seite, sind sie andrerseits doch ehrlich gewillt das Vaterland über die Partei zu stellen und für das Wohl des ganzen Volkes zu arbeiten. Sie werden die Unterstützung der übrigen Parteien und des ganzen Volkes haben, wenn sie diese weise Zurückhaltung sich bewahren. Fast staunt man, dass das Reichsschiff, das von so schweren Stürmen umbraust war, nun gleichmäßig und ruhig dahinzufahren beginnt. Stürme drohen freilich auch jetzt noch; aber es wird hoffentlich wehrhaft gemacht und aus dem ruhigen Fahrwasser nicht mehr verdrängt werden. Die seine gleichmäßige Fahrt am schlimmsten bedrohten, die Liebknecht, Luxemburg, Radek – Radek, der russische Bolschewist, der die Spartakisten in Deutschland mit seinem Rat und mit russischem Gelde unterstützte, ist nun auch gefangen gesetzt worden – sind unschädlich gemacht; aber ihre Anhänger und ihre Ideen leben weiter. Es ist eine Ironie der Geschichte, dass gerade Russland, das Land rücksichtslosester Gewaltherrschaft auf der einen und blinder Unterwerfung auf der anderen Seite der Bahnbrecher hat werden müssen für den Bolschewismus, der ja keine Befreiung sondern nur eine Umkehr der Unterdrückung, d.h. die Unterdrückung der höheren Volksschichten durch das Proletariat bedeutet. Die Sünde rächt sich selbst. In Deutschland bilden die Gebiete der Spartakistenherrschaft Inseln innerhalb des übrigen Landes und es sind gerade die Stätten, in denen der Kriegswucher seine schlimmsten Orgien feierte. In der Pfalz ist Pirmasens ihre Hauptstadt, ihr Hauptsitz. Wenn es jetzt der Revolution gelingt die Schlacken der Gewaltherrschaft wegzuräumen und die reinen Kristalle einer auf wahres Volkswohl gerichteten Regierung zur Geltung zu bringen, dann hat das Volk, dann hat die Sozialdemokratie sich stark und groß gezeigt in dieser schweren Zeit. Eine Revolution – und die war vor allem durch die grausame Kriegswirtschaft heraufbeschworen – trägt fanatisiertes Volk an die Oberfläche und es ist zu allen Zeiten schwer gewesen diesem wieder die rechten Zügel anzulegen. – Der Streik scheint hier beendet zu sein. Die Arbeiter haben, soweit ich weiß, in ihren Forderungen nachgeben müssen. Die unerhörte Teuerung besteht aber weiter. Für ein Pfund Kartoffeln soll in der Vorderpfalz schon 1 M und 1,2 M bezahlt worden sein. (?)
16.2.
Man darf sich doch gar nicht mehr freuen. Will auf der einen Seite schwaches Morgenrot erscheinen, so tobt der Feind schon wieder auf der anderen Seite. Nun verlangt Foch in den neuen Waffenstillstandsbedingungen das gesamte Kriegsmaterial. Auch die Aufsicht über die Kriegsindustrie verlangt die Entente. Wir sollen also ganz wehrlos dastehen, den Polen und den bolschewistischen Herren im Osten völlig preisgegeben. (Gegen die Polen vorzugehen wird den Deutschen unbedingt verboten und die deutschen Plätze Birnbaum und Bentheim müssen geräumt werden. Ob die Polen nun ihre Angriffe auf deutsches Gebiet unterlassen! Die Entente verspricht, sie dazu aufzufordern.) Mit der Ordnung, die langsam vielleicht wiederkehren könnte, könnte auch ein Funke deutscher Kraft wiederkehren, und die Entente will völlige Entkräftung. So soll´s der Friede bringen. Aber England muss, um „die Früchte des Sieges voll einzuheimsen“, wie ein Berufener neulich erklärt hat, und „um den Völkerfrieden zu überwachen“, ein starkes Heer haben. Traurige, heuchlerische Welt!
19.2.
Der Völkerbund! Die Satzungen werden eben festgesetzt und bekanntgegeben. Wie viel haben die Unglücklichen von ihm erhofft und wie wenig wird er für sie bringen! Der Name „Völkerbund“ ist überhaupt nicht zutreffend. Er verbindet ja nur einseitig die Völker der Entente; ja er scheidet sogar die Völker in solche, die würdig sind hereinzutreten in das Haus und mitzuraten, und solche, die draußen stehen und sich nähren müssen von den Brosamen, die von der Herren Tische fallen. Die Würdigen, die freien Zutritt haben, „die Kulturnationen“, das sind natürlich alle Völker, die auf Seiten der Entente gekämpft haben; welchen Namen sie auch führen mögen. Für die Neutralen wird sich vielleicht auch noch ein Plätzchen finden; aber die Gegner im Kriege, in 1. Linie die Deutschen, das sind die Unreinen, die Befleckten, mit denen die Edlen nicht an einem Tische sitzen können. So wird der Völkerbund ein Schutzdach werden für die Entente, unter dem sie ruhig „die Früchte des Sieges einheimsen können“, ein Gebäude, von Menschen nach selbstsüchtigen Grundsätzen errichtet. Nicht Gottgeist wird die starke Säule sein, die den Bau trägt; Selbstsucht und Pharisäismus werden die Mauern sein, auf denen er errichtet wird und die erlösende Tat kann er nicht bedeuten. Und Wilson kann wohl der Begründer der amerikanischen Weltmacht, die nun allen Staaten – auch dem gefährlichen Japan – trotzen kann, genannt werden; aber er sollte nicht den Anspruch machen der „Weltversöhner“ zu heißen. Der wahre Versöhner, der der Menschheit und nicht bloß einzelnen Staaten helfen will, der müsste auch der Unglücklichen gedenken; der dürfte nicht helfen, die reichen unter den Staaten noch reicher und die armen ganz arm zu machen. Aber der Sieger kann nicht vergessen, dass er „Sieger“ ist. Und wer Sieger sein und bleiben will, der kann nicht „Versöhner“ sein; die beiden Begriffe schließen sich aus.
20.2.
Die Spartakisten rüsten offenbar überall zu neuem Kampf; in vielen Städten sind sie die Herrschenden.Die pfälzischen Abgeordneten wagen nicht nach München zu reisen, weil der Aufruhr schon wieder beginnt. Eisner, den das Volk durch die Wahlen verleugnet hat, will seinen Platz nicht räumen und die Soldatenräte, die nun zurücktreten sollen, wollen ihre glänzend bezahlten Stellen nicht verlassen. Volksstaat, Volksherrschaft hat Eisner proklamiert; aber wenn das Volk gegen ihn entscheidet, dann gilt das Wort nicht mehr. – Die Verhältnisse werden immer verworrener, die Zeiten immer schwerer. Die Unterernährung weiter Volkskreise, die Not, macht sie aufnahmsfähiger und williger für all die tollen Ideen, die fanatische Führer ihnen vortragen. Und für diese Not kommt keine Hilfe. Fette und Öle kommen ja jetzt in den Handel; aber 15 M das Pfund Fett oder Speck; 15 M 90 der Schoppen Öl – es sind halt doch furchtbare Preise.
21.2.
Eisner auf der Straße ermordet; Auer schwer verletzt; auch ein Abgeordneter wurde durch bösen Zufall mit getroffen. Man mag über Eisners Gebaren, über sein Regieren denken, wie man will; das große Grauen über Mord und Verbrechen, die unserer Zeit so alltäglich und selbstverständlich geworden sind, überkommt einem doch. Der grauenvolle Bürgerkrieg, der im einzelnen schon tobt, wird wohl nicht vermieden werden können. Die Abgeordneten sollen gefangen gesetzt sein; die haben einen schaurigen Gruß bekommen bei der 1. Sitzung. Auf Auer wurde von der Türe aus geschossen, während er redete, und von den Tribünen kamen auch Schüsse.
23.2.
Eisner tot; – Auer tödlich verletzt; – Graf Arco, Eisners Mörder tot; – ein Regierungsbeamter –, ein Abgeordneter tot; – München, Augsburg und andere Städte in Aufruhr; – Spartakistenterror überall; – die Liste der grauenvollen Tatsachen will kein Ende nehmen. Auch in unserer Stadt sollen Spartakistengruppen am Werk sein. Hätten wir die feindliche Besatzung nicht, der Bürgerkrieg wütete wohl auch bei uns. Einzelne Städte haben ja die Feinde zum Schutze herbeirufen müssen. Eisners Abgang von der öffentlichen Wirksamkeit dürfte ja eine Wohltat für die Menschheit bedeuten; aber Mord ist Mord. Segen wird von ihm nicht ausgehen. Der lebende Eisner war gefährlich, der tote wird es auch sein. Seine Anhänger werden ihn unter allen Umständen rächen wollen.
27.2.
Die deutschen Lande gleichen täglich mehr einem Tollhause und die Tobsüchtigen haben in weiten Gebieten den Herrscherstab in der Hand. Die Rheinlande, Baden usw. stehen unter dem furchtbaren Regimente der Spartakisten, deren blindem Wüten Menschen und Kulturwerte zum Opfer fallen. In München ist anscheinend der Bolschewismus in reinster Form auf den Thron gehoben worden: Auer, der Sozialdemokrat, ist offenbar von Spartakisten erschossen worden, Hofmann, der auch auf der Totenliste gestanden haben soll, ist unauffindbar und andern Abgeordneten ist auch der Tod geschworen. Eisner ist zu Grabe getragen; alle Glocken Münchens mussten ihm auf Befehl der Spartakisten das Trauerlied singen. Wann werden die betörten kranken Menschen aufwachen aus dem Rausche, in den sie sich nach all den Nöten hineingewütet haben und der ihr eigne Not nur auf das Äußerste steigert? Wird die Nationalversammlung in Weimar endlich eine starke Wehr zustande bringen, an der diese blinde Wut sich brechen muss? So unsagbar traurig es ist und so bedauernswert diese blind wütenden berauschten Menschen selbst sind, so kann doch hier nur Gewalt Gewalt überwinden und die Bahn frei machen für wirkliche Hilfe, die die Zukunft bringen muss.
4. März
„Deutschland muss entwaffnet werden.“ So lese ich in einer französischen Zeitung. Aber diese Waffen werden nicht etwa umgearbeitet als Werkzeuge des Friedens, sie müssen abgeliefert werden an die Entente. In diesen seinen Händen sind Mordinstrumente nicht Mordinstrumente mehr, sondern Werkzeuge des Friedens und der Freiheit; da ist Annexion nicht mehr Annexion, sondern Volksbefreiung, Wiederherstellung und Sicherung. Aber wenn der Mantel der christlichen Liebe auch noch so fest umgeschlagen ist, eine Blöße schaut doch wieder hervor. Der Artikel verkündet am Schluss mit zynischem Behagen, das mit Nächstenliebe nichts mehr gemein hat: Ob der geschlagene Feind will oder nicht; es bleibt ihm nichts übrig „als sich zu beugen.“ Also überall der Gewaltstandpunkt, versteckt unter dem Lügen-Mantel der christlichen Liebe. – Die inneren Wirren dauern an; in Berlin wird wieder gekämpft, die mitteldeutschen Städte Halle, Leipzig haben auch ihren Anteil und Weimar ist bedroht.
10.3.
Schlachten wie draußen im Felde. Schwere, leichte Artillerie, Flieger mit Bomben – es muss schrecklich aussehen in Berlin und es wird leider die letzte Schlacht nicht sein in diesem Bürgerkriege. Wir sind auf der schiefen Ebene, da geht’s so leicht hinab und so schwer wieder bergauf. Aussicht auf bessere Ernährung haben wir auch nicht; aber auf furchtbaren Druck durch schmähliche volksvernichtende Friedensbedingungen. Wir sind ein geschlagenes Volk und so viele merken nichts davon; Frauen scherzen und tanzen mit den Franzosen, dass einem die Schamröte ins Gesicht steigt. Freudenhäuser müssen in den pfälzischen Städten errichtet werden und es fehlt leider nicht an Frauen, die sich dazu hergeben.
12.3.
Die Menschen, die Frauen insbesondere, können raubende, mordende, blutgierige Tiere werden; man kann die Berichte von Greueltaten, die der Bürgerkrieg in Berlin und in anderen Städten zeitigt, nicht lesen ohne furchtbaren Grauen vor den Untiefen der Menschenseele, die Raum hat für das wilde Tier wie für den erlösenden Gott. Verleugnet sie Gottheit, so wird die Bahn frei für das wilde Tier; überwindet sie das Tier, so verliert sie eine Quelle ihrer Kraft. Naturmensch bleiben und doch den Naturmensch durch den Gottmensch überwinden – die Aufgabe ist schwer und wo die Menschen durch Hunger und Elend, durch Aufreizung und Ichsucht oder durch beides zugleich auf die schiefe Ebene geraten sind, die zur Tierheit führt, da muss die Welt zur Hölle werden.
18.3.
Wie´s passt! „Volksabstimmung“ war – soviel ich weiß – eines der Schlagworte bei den Wilson´schen Aufstellungen. Die Forderung einer Volksabstimmung in Elsass-Lothringen soll aber nun „abgeschmackte deutsche“ Forderung sein. Ob die Franzosen ihrer Sache doch nicht ganz so sicher sind. Sie könnten der Welt jetzt doch den Beweis liefern, dass das Volk innerlich Frankreich zugehört. Von einer Abstimmung darf aber keine Rede sein. Aber Frankreich annektiert nicht. Es erklärt nur: „Das Land ist französisch.“ Frankreich versteht das ja besser als die Bevölkerung selbst. Die Deutsch-Östreicher aber, die Anschluss an Deutschland verlangen, dürfen von Deutschland nicht aufgenommen werden. – Die Entente verlangt von Deutschland Milliarden über Milliarden; aber Deutschland muss die im Frieden zu Brest-Litowsk erhaltenen Milliarden wieder zurückgeben, weil bei einem Gerechtigkeitsfrieden keine Kriegsentschädigung gefordert werden darf. – Cottin, der Attentäter, der Clemenceau vor einigen Tagen verwundete, ist schon zum Tode verurteilt. Der Mörder Jaurès, der im Juli 1914 sein Werk vollbrachte, ist heute noch nicht abgeurteilt. Unparteiische Gerechtigkeit!
21.3.
Unsere Zeit wird von einer moralischen Verwilderung beherrscht, vor der man erschrecken und sich fürchten muss. Der schnödeste Wucher besteht ruhig weiter; er ist schlimmer als je. Das Ei 1M; – das Pfund Butter 20M; das Pfund Mehl 3,5M. Das sind Preise, bei denen der Erzeuger nicht mehr errötet. Schwarzschlachten, Schwarzmahlen, Schleichwege sind selbstverständliche Dinge. Gesetze, Verordnungen, Rücksichten gelten nicht mehr. Und auf der andern Seite die Gier zu rauben, zu plündern, zu morden und zu zerstören. In Leipzig z.B. müssen wieder grauenvolle Zustände herrschen. – Unsere Mark gilt jetzt noch 32 Ph. –
26.3.
Mehr als 4 Jahre hat der Krieg mit all seinen Nöten gedauert und nun hat der Wahnwitz der Spartakisten, die den Hunger des Volkes als Waffe benützen wollen, unsere Handelsflotte im Hafen zurückgehalten. Diese Woche ist sie nun endlich ohne Kampf und ohne Zwischenfall wieder ausgelaufen ihre Bestimmung zu erfüllen. Wird sie zurückkehren, beladen mit Lebensmitteln, dieser besten Waffe gegen den vordringenden Bolschewismus? Wird diese 1. Fahrt der Anfang einer neuen segensreichen Entwicklung in Frieden werden? Unsere Lage ist so traurig, dass auch für das Hoffen kaum Raum bleibt. – Nun haben wir auch Einquartierung in der Wohnung. Ein französischer Leutnant ist eingezogen, ein unhöflicher Mensch, der den Gruß im Hause unterlässt, uns aber im übrigen kaum stört. Unsere ganze Wohnung ist erfüllt von dem lauten Parfümduft, ohne den´s die Herren Offiziere offenbar nicht machen können.
29.3.
Ertönt da schon wieder hässliches Gezänke. Die Alldeutschen in Berlin haben, kurz nach den schweren Kämpfen gegen die Spartakisten, es fertig gebracht, durch einen Aufzug auf der Straße, durch Gesänge und Reden eine Kundgebung für den Kaiser und Ludendorff zu veranstalten. Ludendorff selbst ist „zufällig“ dazugekommen und hat vielleicht mit eingestimmt in das „Heil dir im Siegerkranz“. Man möchte die Sache mit Kopfschütteln abtun, wäre sie nicht so gefährlich, wäre sie nicht geeignet die Fiebertemperatur bis zur Siedehitze zu steigern. Der Ministerpräsident hat diesen Unfug in seiner Rede scharf gegeißelt und will rücksichtslos dagegen vorgehen. Darob großes Gezänke auf der äußersten Linken und auf der äußersten Rechten. Es war nötig, dass die Alldeutschen einmal wieder ein Zwischenspiel und den Spartakisten, die sie durch ihr früheres Treiben mit gezüchtet, ein Gegenstück gaben.
1. April
Das Schicksal der Pfalz scheint nun doch soweit entschieden, dass wir nicht mehr fürchten müssen französisch zu werden. Die Pfalz soll deutsch bleiben; rein deutsche Gebiete sollen nicht annektiert werden. Überhaupt hat es den Anschein, als sollten die wahnwitzigen Forderungen ein wenig maßvoller gestaltet werden. Jedenfalls im Drange der Not; denn auch Frankreich und England spüren die Zuckungen, die von den Umwälzungen der anderen Länder ausgehen. Die Ungeheuerlichkeit der Machtpolitik wird eine Gefahr für diese Macht selber. Auch in Frankreich soll die Stimmung bedrohlich sein. Der Bolschewismus macht in der Welt rasante Fortschritte; ganz Ungarn steht unter diesem Zeichen und in Russland sollen die bolschewistischen Armeen machtvoll auftreten. Da wird eine Rückwirkung auf die anderen Länder nicht ausbleiben. - 2 mächtige Feuer bedrohen unsere deutsche Eiche; der Machthunger der äußeren Feinde und der Wahnwitz der Bolschewisten im Innern. Wird der Saft so gesund, der Stamm so gehärtet sein, dass diese Feuer ihm nichts anhaben können, dass sie neue Zweige und Früchte hervorbringen kann? Wir hoffen´s dennoch. Deutscher Geist und deutsches Wesen – sie werden so leicht nicht umzubringen sein.
Cottin, der Clemenceau angriff, ist mit Selbstverständlichkeit zum Tode verurteilt worden; da hat´s nicht vieler Worte in der Presse bedurft. Villain, der Mörder Jaurès‘, hat die Zeitungen lange beschäftigt und ist freigesprochen worden. Clemenceau war der unerbittliche Kriegsmann; Jaurès entschiedener Gegner des Krieges, dessen Mund sofort zum Schweigen gebracht werden musste. Die unterschiedliche Behandlung dieser beiden Attentäter lässt mancherlei Schlüsse zu. Aber Frankreich hat den Frieden gewollt; Deutschland war der alleinige Friedensstörer.
5.4.
Mehrheitssozialisten, Unabhängige und Spartakisten haben in München sich geeint; die Räterepublik soll ausgerufen und die Verbindung mit der russischen und ungarischen Republik hergestellt werden. Ist das nicht Verrat der Sozialdemokratie, Auslieferung des Volkes an die unselige Herrschaft der Straße, Betrug derjenigen, die die Sozialdemokraten gewählt und das Herbeiführen geordneter Zustände von ihnen erwartet haben? Wohin steuern sie nun? Leidenschaftlicher Klassenhass, rücksichtslose Selbstsucht, blind- und taubes Verschlossensein gegen jede Vernunft, gegen jede bessere Einsicht, – sollen das die Kräfte sein, die unser Volk aus tiefer Not erlösen? Und ein rettender Stern zeigt sich nicht in diesem wütenden Sturme, der nur niederreißen und zerstören kann.
7.4.
Die Räterepublik d.h. die Gewaltherrschaft der fanatischen, sinnlos wirtschaftenden Arbeiter, die niemand neben sich dulden wollen, für die Menschenrechte lediglich Arbeiterrechte bedeuten, ist nun wirklich in München ausgerufen worden. Andere Städte und Staaten werden nachfolgen; denn die Spartakisten sind überall auf dem Plan. Nun gibt’s nur 2 Wahlen: Entweder es geht ganz rasch abwärts zum völligen Ruin oder ein Bürgerkrieg bricht aus, blutiger noch als der überstandene.
9.4.
Wer eine Reise über den Bezirk hinaus machen muss, er mag körperlich stark oder schwächlich, gesund oder kränklich sein, er muss seine Zeit in der langen Reihe vor der Türe abstehen und wenn dann die Türe sich geöffnet und der beginnende Sturm sie ins Zimmer hineingeschleudert hat, dann hebt ein Prüfen und ein Wägen an und mancher hat sich vergeblich bis hierher durchgewartet und durchgedrängt; denn wer die Notwendigkeit seiner Anwesenheit an einem andern Orte nicht durch ein entsprechendes Schriftstück nachweisen kann, wird von vornherein abgewiesen. Und für die anderen wird nun ein schwerfälliger Apparat in Tätigkeit gesetzt; Persönlichkeit, Ursache, Dauer der Reise, alles wird schriftlich festgelegt und zur Begutachtung und Genehmigung vorgelegt. An einem späteren Termine mag dann der Gesuchsteller nach einem weiteren langen Anstehen seinen Pass vielleicht in Empfang nehmen. Man möchte wirklich lieber verzichten, wenn man an diesen ganzen Prozess denkt. Und wenn man dann an die Bahn kommt, findet man keine Züge und weiß nicht weiterzukommen. Und dabei spricht man schon seit Wochen von Erleichterungen, die uns werden sollen. Der kommandierende General hat doch in einem Anschlage unserm Verhalten eine so gute Note gegeben. Man möchte bitter lachen.
Charfreitag [18.4.]
Tag der Schmach für die Machthaber, die Rechtgläubigen, deren Gott das Dogma, aber nicht das Leben, die Liebe, ist
Tag der tiefsten Trauer für die wahrhaft Gläubigen
Tag des erhabensten Heldentums
Tag des Sieges des Geistes über das Fleisch, der Liebe über die Ichsucht, des Göttlichen über das Irdische. – Und wie weit sind wir heute, wir Bekenner und Jünger Christi nach 1919 Jahren! Herrscht heute nicht derselbe Dünkel und Fanatismus, würde Jesus nicht auch heute wieder gekreuzigt? Wo gibt die Liebe, die er auf den Schild gehoben, Richtschnur und Leitstern?
Der brutale Weltkrieg soll beendet werden durch ausgeklügelt selbstsüchtige brutale Friedensbedingungen der Machthaber. – Die guten Gedanken der Revolution sind völlig verschwunden; das Herrentum ist nur in andere Hände übergegangen und hat rohe Gewalt, Raub, Mord und Plünderung gebracht. In München herrscht Spartakus wieder in grausiger Form. Und die Christenheit feiert Charfreitag und der Himmel hat Sonnenschein geschickt nach bangen regenschweren Tagen. Darf man sich freuen; darf man sein Herz der Freude ganz verschließen?
In München sind Schützengräben gezogen; ein Gasthaus ist in ein Lazarett umgewandelt worden; eine Schlacht bereitet sich vor zwischen Spartakisten und Regierungstruppen. (Die Sozialdemokratie hat also mit den Spartakisten doch nicht gemeinsame Sache gemacht.) Das ist die traurige Osterbotschaft; das ist der Ostergruß der Bevölkerung Münchens, die von der Außenwelt abgeschnitten und dem Hunger und dem verbrecherischen Treiben der Spartakisten preisgegeben ist.
27.4.
Die Bekanntgabe der Friedensbedingungen wird täglich erwartet mit Furcht und Zittern; denn die Sieger und Machthaber sind unbarmherzig und fürchten uns noch immer. Gestern las ich in einer französischen Zeitung bei einem Bericht über das Zustandekommen der Leipziger Messe: „Daraus scheint hervorzugehen, dass die deutsche Industrie in einem nahezu normalen, für seine Konkurrenten immer noch (redoutable) Furcht erregenden Zustand ist.“ Und dabei soll man an Gerechtigkeit und nicht an Konkurrenzneid glauben. Liest man aus diesen Worten nicht heraus, dass man Deutschland als Konkurrenten einfach tot machen will? Jammervoll genug ist der Zustand schon. Ein Land um das andere soll von Deutschland losgerissen werden und die Deutschen, die in diesen Ländern wohnen, werden verjagt. Auch die Kolonien, China, Marokko und andere Länder müssen die Deutschen verlassen. In dem verstümmelten, verkleinerten Mutterlande sollen nun alle diese Menschen Luft und Nahrung finden und so kommt der unsagbar traurige Zustand, dass Deutschland, das Millionen seiner Söhne verloren hat, keinen Platz mehr hat für seine übrigen Kinder. Juristen, Ärzte, Ingenieure usw., alle sind in Überzahl und können nicht verwendet werden. 10.000 Lehrerinnen allein sollen in Preußen stellenlos sein. Und trotz all dieser traurigen Zustände sind die Feinde anscheinend noch nicht befriedigt. Wenn [sie] das Licht der Sonne und das Licht des Geistes uns noch wegnehmen könnten, sie würden sich nicht besinnen, es um „der Gerechtigkeit“ willen zu tun, damit wir niemals in den Stand kämen uns wieder einigermaßen zu erholen. – Bei der Beratung der Friedensbedingungen geht’s auch sonst anscheinend nicht glatt ab. Die Ansprüche der vielen Siegerstaaten sind schwer zu befriedigen. Die Italiener sind jetzt abgereist, weil ihrem Anspruch auf Fiume nicht stattgegeben wurde. – Bezeichnend für die Teurung, unter der wir seufzen, ist eine Preisangabe, die ich gestern gelesen habe. Ein einfaches, schwarzes Tuchkostüm ist ausgestellt und mit 975 M ausgezeichnet. Die übrigen Preise geben dasselbe Bild.
29. April
Schneelandschaft! Ein trauriger Anblick in dieser Jahreszeit! Die Blüten dürsten darauf, dass warmer Sonnenschein ihre Kraft freimache und nun stehen sie da, niedergedrückt von der Last des kalten Schnees. Ihre Kraft wird gebrochen, die treibende Frucht zerstört sein. Traurig für die Früchte, die zum Leben strebten; traurig für die Menschen, die eine gute Ernte nötig hätten. Zerstörende Kräfte sind doch immer am Werk im natürlichen und im geistigen Leben und der Sonnenschein der Natur, der Sonnenschein des Himmels (die Liebe) – sie können ihre erlösende Kraft nicht zur Geltung bringen.
Mai 1919 - 1921
4. Mai
Endlich ein sonnenfroher Maitag. Werden die Blütenkinder oder wenigstens ein Teil von ihnen trotz der letzten rauhen Tage den Lebenskeim noch kräftig erhalten haben, dass er sich wieder erholen und Leben und neues Wachstum zeigen kann? Der Anblick des klaren Himmels, das Gefühl der Sonnenwärme, sie sind wonnige Dinge auch für die Menschen, die darnach sich sehnen. Aber die von Menschen geschaffenen Verhältnisse, die dauernde Heuchelei bei den Friedensverhandlungen, die Gefahr der Sklaverei, die schrecklichen Zustände im Innern lassen eine rechte Freude nicht aufkommen. – In München scheinen die Spartakisten das grausige Spiel doch aufzugeben d.h. aufgeben zu müssen. Die Regierungstruppen behaupten das Feld. – Die Franzosen halten weiter Paraden, Konzerte ab; das militärische Getriebe behauptet sich auch während der Friedensverhandlungen. Aber die deutsche Militärmusik war doch viel edler und der deutsche Offizier eine würdigere Erscheinung als diese Träger des französischen Militarismus in ihren, uns manchmal hampelmännisch anmutenden Maskeraden.
6.
München ist nun anscheinend von den Spartakisten befreit. Aber um welchen Preis! Das Schlimmste sind noch nicht die Opfer, die die Schlacht selbst auf beiden Seiten gefordert hat, trotzdem auch diese unendlich traurig sind. Etwas so Schauriges aber wie das Hinmorden der unschuldigen Geiseln d.h. derjenigen, deren einzige Schuld darin bestand, dass sie der Menschheit etwas geleistet und dadurch sich hervorgetan haben, – wie z.B. Professor Stuck – ist doch noch selten dagewesen. Da sträuben sich auch die durch den Krieg und all die nachfolgenden Geschehnisse abgestumpften Nerven. Und da soll man den Glauben an die Menschheit sich bewahren. Wenn die grausige Sache durch rasche Maßnahmen der Regierung hätte abgewendet werden können, dann hat die Regierung durch ihr Zögern unverzeihlich gesündigt.
9.5.
Die Friedensbedingungen sind heute veröffentlicht worden. So sieht also der „Friede“ aus, so die „Versöhnung“, der „Völkerbund“. Einer, der bei der allgemeinen Jagd um die Schätze dieser Erde zu gefährlich und zu stark geworden war, wird von den übrigen nach schweren Kämpfen überwältigt, aller Hilfsmittel beraubt und eingespannt an den Wagen, der den andern die Schätze herbeibringen muss. „Friede machen“, heißt das Wort. „Unterwerfen, niedertreten, ausbeuten, versklaven“, so die Sache. Ob wir Deutsche als Sieger besser gewesen wären! Die Deutschen hätten ihre Macht ohne Zweifel auch missbraucht. In einem aber ist die Entente uns mächtig voraus, in einem hat sie die Weltgeschichte aller Zeiten weit überholt, darin nämlich, dass sie bei ausgeklügeltster, rücksichtslosester Selbstsucht hehre, herrliche Worte hinausruft mit einer Wucht, dass die ganze Erde davon widertönt. Heilige Worte auf den Lippen – Schätze- und Machtgier im Herzen; Bekenntnis zu dem ewig Göttlichen, zu Gerechtigkeit, Versöhnung, Friede – unbedingtes Einsetzen der Herrschaft des Fürsten dieser Erde zu selbstsüchtigen Zwecken. Ein Völkerbund, der selbst unter den Beteiligten nur so weit Zusammenhalt haben wird, als er sich geeignet zeigt die Unterworfenen in ergiebiger Weise auszubeuten. Deutschland wird nicht allein gezwungen große Teile seiner reichsten Länder der Entente auszuliefern; es muss auch alle überseeischen Kolonien, für die es Milliarden geopfert hat, und die Milliardenwerte darstellen, als Geschenk der Entente überliefern, ohne dass ein Pfennig dafür vergütet oder angerechnet wird; es muss aber alle Schäden und alle Verluste, die die Entente im Kriege gehabt hat, voll und ganz ersetzen. Das deutsche Volk wird überall in der Welt vertrieben; denn die Welt gehört der Entente und ihren Freunden. Eng zusammengedrängt im schmalen Raum des Mutterlandes, so es arbeiten im Schweiße seines Angesichts und alle Früchte seiner Arbeit abliefern an seine Herren. Alle Schätze der Welt außerhalb Deutschlands gehören der Entente und werden dem deutschen Volk nur insoweit ausgeliefert, als sie mittelbar, durch die deutsche Arbeit der Entente wieder Vorteile bringen. Alle Arbeit geschieht unter der Aufsicht der Entente, die darüber wacht, dass der Segen dieser Arbeit ihr und nicht etwa Deutschland zufließe. Das deutsche Volk wird der zu dauernder Zwangsarbeit verurteilte Verbrecher. Die Ententestaaten, die Vertreter der ewigen Gerechtigkeit, üben zum Schutze der übrigen Welt vor „diesem einzigen Schwerverbrecher“ die Aufsicht aus und sorgen dafür, dass er arm und elend und wehrlos genug bleibt, um nie mehr ihre Kreise in der übrigen Welt zu stören. Aber auch bei aller ehrlichen Anstrengung wird es dem deutschen Volke nicht möglich, diese unerhört hohen Forderungen zu erfüllen, das Gold und all die Schätze abzuliefern, die die Entente verlangt. Wie kann Deutschland solch unerhörten Vertrag eingehen, wie kann es ihn ablehnen? Wie solch grässliche Forderungen den Hass heraufbeschwören, das merke ich in mir selber so deutlich. Der Anblick der Franzosen in unserer Pfalz war mir natürlich immer sehr peinlich; aber ich habe doch ohne eigentlichen Hass und ohne feindliche Gesinnung an ihnen vorübergehen können. Nun kann ich´s nicht ändern; der Hass, der Widerwille regt sich beim Anblick eines jeden Franzosen, der so siegesfroh einherschreitet. Das ist das Werk Wilsons, des Weltversöhners, der sich das Ziel gesetzt hatte, aus der tiefsten Not der Menschheit einen Weg zu bahnen, der zur Erlösung aus der Not, zur Versöhnung führen, der einen Damm bieten sollte gegen den Ausbruch neuer Hassesflammen. So ähnlich hat es doch gelautet. Wir einfältigen Deutschen haben daran geglaubt, darauf gehofft, vielleicht auch deshalb, weil unsere Not die größte ist und weil auch die Völker im Unglück empfänglicher, aufgeschlossener für das Göttliche sind als die Völker im Glück. Wilson hat uns belogen, glatt belogen. Er wendet seine 14 Punkte an, ganz wie es ihm passt. Er lässt die Völker nicht abstimmen, wenn die Zugehörigkeit zur Entente in Frage kommen könnte (Elsass-Lothringen). Er verlangt Abstimmung, wenn er vermutet, dass die Abstimmung gegen Deutschland ausfallen werde (Schlesien, Ostpreußen) und verspricht diesen abstimmenden Völkern Freiheit von allen Kriegslasten, wenn sie gegen Deutschland stimmen; er gibt Völkern (Deutsch-Östreich), die sich Deutschland anschließen möchten, nicht das Recht der Abstimmung. Seine 14 Punkte und seine Reden, er sei dem deutschen Volke gut und wolle es freimachen von der Herrschaft des Kaisers und seiner Mitregenten, sie waren der Köder [„Köter“], mit dem das Volk in die Falle gelockt wurde. Und nun schließt man alle Türen zu und will es elend zu Grunde gehen lassen. Und das alles im Namen der Gerechtigkeit, im Namen der Versöhnung, im Namen des ewigen Friedens. Kann es Widerwärtigeres geben, als das Herabziehen solch herrlicher Worte, als das Benützen derselben zu solchen Zwecken. Sind Menschen denn gar nicht fähig Gerechtigkeit wirklich zu über? Darf das Göttliche auf Erden gar nicht herrschen?
15.5.
Die deutsche Nationalversammlung wehrt sich einmütig gegen diesen Friedensvertrag, der das deutsche Volk nicht zur Sklaverei allein, der es zum Tode verurteilt, und die Regierung will ihre Unterschrift verweigern, wenn er diese unerhört grausame Fassung behält. Was wäre auch die deutsche Regierung noch nach einem solchen „Frieden“? Der Gerichtsvollzieher der Entente, der Vollstrecker eines Bluturteils, der Henkersknecht der Feinde Deutschlands. Selbst ein englisches Blatt schreibt: „Deutschland ist nicht allein entwaffnet; es sind ihm Handschellen angelegt und es ist von Kopf bis Fuß mit schweren eisernen Ketten behängt“, findet aber die Sache dennoch wohl in der Ordnung. Und man braucht doch noch nicht einmal das warme Herz, man braucht die göttliche Stimme, auf die sie sich stets berufen, nicht zu fragen – selbst der kalt berechnende Verstand sagt einem, dass ein Lebewesen von solcher Last zu Tode gemartert wird. Aber es ist ja nur das „deutsche Volk“, dieser Ausbund von Verbrechertum, dem man – der Sieger kann das ja – in maßloser Überhebung gegenübersteht. „Brockdorff-Rantzau ist trotz aller Kultur ein eingefleischter Deutscher geblieben“, schreibt ein Franzose. Das ist auch ein Stück „Verstehen“, ein Stück „Gerechtigkeit und Duldsamkeit“, wie sie diesem Völkerbund entspricht.
16.5.
Die Schamröte steigt einem ins Gesicht, wenn man liest, wie auch von verantwortlicher deutscher Seite zugegeben wird, dass das alte Deutschland, das wir liebten, unwahr war in seinen Beziehungen nach innen und nach außen. Und wir haben kindlich geglaubt und haben die Jugend in demselben Glauben erzogen, haben also auch gelogen, ohne Bewusstsein, aber doch tatsächlich. – Und doch muss die alte Regierung vielfach wahr gesprochen haben. Dass es der Entente nicht um Beseitigung einer unredlichen Regierung allein, dass es ihr um Vernichtung (Versklavung) des deutschen Volkes zu tun war, das zeigt sie ja jetzt durch die Tat, durch das Friedensangebot. Dass Frankreich und Belgien ihr Land wiederhergestellt, ihren Völkern, die durch den Krieg unsagbar gelitten haben, die Heimstätte wieder zurückgegeben haben wollen, das muss man begreifen. Aber was hat das zu schaffen z.B. mit dem Raub unserer Kolonien? Frankreich, das dünn bevölkerte reiche Land, muss zu seinen herrlichen Kolonien nun noch einen Teil der aufblühenden deutschen Kolonien, England, das 1/3 des Erdreiches schon besitzt, einen andern Teil haben. Die Bevölkerung dieser Länder braucht Ausdehnungsmöglichkeit; die Deutschen sollen sich ernähren in dem verhältnismäßig armen Mutterlande, dessen Schätze die Entente außerdem noch wegnimmt. Es wäre interessant auszurechnen, wieviel qm des Erdbodens gerechtigkeitshalber auf einen Engländer, einen Franzosen und auf einen Deutschen treffen sollen. Und auch hier wieder die Scheinheiligkeit, der Pharisäismus; sie müssen die armen Völker vom Joche der Deutschen befreien.
19.5.
Staunend stehen die Menschen an den Läden und betrachten die Schätze aus fremden Ländern, die früher als Fremdlinge nicht mehr angesehen wurden, die selbstverständliche, nie fehlende Gäste bei uns waren, den Reis, den Kakao, die Orangen, Zitronen, das Gewürz und ähnliche Dinge. Auch Oliven, Öl, Speck, Schmalz, Wurst sind wieder erreichbare, freilich außerordentlich teure Dinge. (1 Orange 1M70, 1 Zitrone 70Pf, Reis 3-4M das Pfund.) Aber die Preise der Inlandswaren sind auch nicht geringer. Wenn man das Pfund Butter für 8M, das Ei für 50Pf bekommt, freut man sich und hat billig gekauft. Unser Geld hat keinen Wert mehr. Was aber werden soll, wenn die Entente nach der Verweigerung der Unterschrift wieder alle Grenzen zusperrt, ist nicht abzusehen. 1 Million Menschen soll durch die Blockade Hungers gestorben sein.
24.
Die Luft ist angefüllt mit Zündstoff, der jeden Augenblick Feuer zu fangen droht. Die Franzosen schaffen Truppen, Kanonen usw. über den Rhein. Ganze Fliegergeschwader nehmen die Richtung nach Osten. Sie wollen uns durchaus zwingen das Todesurteil zu unterschreiben. – Täglich wächst in der Stadt die Erbitterung gegen die Besatzung, die anspruchsvoll und keck auftritt; fast täglich kommt´s zu Schlägereien. Aber die um ihren Geldsack bangenden Kapitalisten suchen Anschluss an Frankreich unter dem Titel „pfälzische Republik“ und wenn deutsche Beamte gegen diesen Hochverrat sich wehren, werden sie von der französischen Behörde über den Rhein geschoben und so unschädlich gemacht. Der Bürgermeister von Landau und ein Gerichtsbeamter mussten auswandern; der Regierungspräsident sollte sein Amt niederlegen, soll aber erklärt haben, er weiche nur der Gewalt. Für den Fall der Ausrufung der „pfälzischen Republik“ soll der Generalstrike [sic!] aller Beamten und Lehrer in Kraft treten. – Die Frist zur Beantwortung des „Friedens“Angebotes ist bis 29. verlängert worden.
Die Verräter der deutschen Sache arbeiten weiter unter dem Schutze Frankreichs. Flugblätter werden in Menge ausgeteilt und sind angeschlagen an allen Ecken und Enden. Die Versprechungen, dass die Pfalz wirtschaftlich besser gestellt, dass die Steuerlasten ungleich geringer sein werden, sind auch vorzügliche Zugnummern. Weil Industrielle und Bauern, deren unerhörter Wucher den Zusammenbruch zum großen Teil hervorgerufen hat, sind auch gerne bereit, von dem im Kriege gepflogenen indirekten zum offenen Verrate überzugehen und in Frankreichs Lager Schutz für ihre Kriegsbeute zu suchen. Im Glücke unentwegt an Deutschlands Seite, im Unglücke der äußeren Vorteile wegen sich lossagen – ist das die gepriesene deutsche, die Nibelungentreue? Tanz um das goldene Kalb! Aber die Verräter scheinen ihr Ziel zu erreichen. Das Ausrufen der Republik soll ganz nahe bevorstehen. Und die Franzosen, die alle Gegenreden und alle Gegenartikel in den Zeitungen usw. energisch unterdrücken, werden der Welt verkünden: „Die Pfälzer selbst haben´s gewollt.“ Man schämt sich fast Pfälzer zu sein.
2. Juni
Ein denkwürdiger Tag für uns Pfälzer. Die Wellen des Lebens gingen hoch wie die Wogen auf sturmbewegter See. Aber der treibende Wind hieß: Bekenntnismut und Treue, und der bringt kräftige, erfrischende Luft; der Tag sei gepriesen! Der Geist von 1914 ist doch nicht tot; er feiert Auferstehung. – Eine Kundgebung gegen die verräterische „pfälzische Republik“ war geplant. Männer und Frauen jeden Alters und jeden Standes hatten sich auf dem Stiftsplatz versammelt ihrer deutschen Gesinnung Ausdruck zu geben. Aber die Kundgebung, überhaupt das Verweilen auf dem Platze war von den Franzosen verboten worden. Sie hatten Maschinengewehre aufgepflanzt, Handgranaten gerichtet und Soldaten mit aufgepflanzten Bajonetten sprangen dazwischen. Aber die Kundgebung war da, unbestreitbar da, und die Mittelschüler, die geschlossen und bekenntnisfreudig daherzogen, ließen sich nicht abhalten, ihr „Deutschland Deutschland über alles“ zu singen. Leider war ich gerade an einer andern Stelle, als sie auf den Plan traten, und die Scheu vor dem Kampf, der einzusetzen drohte, hielt mich ab durch die Menge mich vorzudrängen. Es war doch Feigheit und ich bin dafür gestraft; denn ich habe das Schönste nicht selbst mit angesehen. Sie sollen sich prachtvoll benommen haben, unbedingt entschlossen den Franzosen die Waffen abzunehmen, wenn sie wagen sollten sie zu benutzen. Ein Mittelschüler, der verhaftet wurde, soll von den andern im Triumphe wieder befreit worden sein. Da kursieren natürlich nun auch mancherlei Märchen von ihren Heldentaten. Aber der deutsche Geist lebt, das ist wohl auch den Franzosen zu Bewusstsein gekommen und die Deutschen auf der andern Seite des Rheines werden sich freuen, dass die Pfälzer im ganzen die Verräter abschütteln. Ypser in Zweibrücken, Haaß, Landau, die die pfälzische Republik ausrufen wollten, sind fast gelyncht worden, und die hier als Rädelsführer genannt wurden, dürfen sich nicht mehr sehen lassen. Ich glaube, die Franzosen bringen trotz aller Schlauheit und Macht eine pfälzische Republik nun nicht mehr auf die Beine. Sie wollen doch der Welt das Schauspiel nicht geben, dass sie diese mit brutaler Gewalt errichten. „Edle“ Pfälzer selbst sollten ihr Werkzeug sein. Wer aber sein Leben liebt, darf diese Aufgabe nicht übernehmen. – Ein schöner Aufruf gegen diese Republik war heute Morgen an allen Ecken und Enden zu lesen. Mittelschüler hatten ihn verfasst und in Schutzmannsuniform überall angebracht. Die Franzosen haben ihn jetzt abgerissen; aber er hat seine Wirkung getan. – Die Rheinische Republik, die über die Köpfe hinweg proklamiert worden ist, wenn man den Berichten und Flugblättern glauben darf, wird ihr Schicksal erleben, sobald, wie versprochen worden ist, das Volk darüber abstimmen darf.
3. Juni
Der gestrige Tag hat doch ein trauriges Nachspiel gehabt. Fanatische Franzosen, die in Wut geraten, wenn ein Kind „Hoch Deutschland“ ruft, haben auf harmlose Menschen geschossen und die Kugel tötete nicht allein den, auf den sie gerichtet war, sondern prallte ab und traf auf einen 19jährigen Menschen, der ruhig vom Fenster aus zuschaute. Dies Benehmen der Franzosen, die mit ihren Pferden auf den Fußstieg mitten unter die Menschen ritten, die mit ihren Gewehrkolben auch auf Kinder schlugen, macht die Bevölkerung furchtbar erbittert. – In Speyer soll eine machtvolle Kundgebung stattgefunden haben. Schwungvolle Reden, vaterländische Lieder sollen bei dem Ansturm der Tausende nicht zu verhindern gewesen sein. „Sie sollen ihn nicht haben, den freien deutschen Rhein“, soll ein Redner, umjubelt von der Menge, mächtig hinausgerufen haben. „Zu spät!“ Der Geist erwacht; aber die Arme sind wehrlos; die Waffen sind abgeliefert. Oder vielleicht doch nicht zu spät. Der Geist ist´s dennoch, der´s schafft. [https://de.wikipedia.org/wiki/Autonome_Pfalz#Eberhard_Haaß]
5.
Das Volk steht auf und wehrt sich mächtig gegen die neue Republik, gegen die Loslösung vom deutschen Stamm. Und nun steht sie doch wieder drohend da, die Rheinische Republik, die unsere Pfalz mitverschlucken will. So wird der Wille des Volkes geachtet; die Kämpfer für Freiheit und Gerechtigkeit halten ihren Schild schützend über die Verräter und diese behaupten im Namen des Volkes zu sprechen, allen Kundgebungen des Volkes zum Trotz. Es wäre doch furchtbar, wenn wir das Opfer einer solchen Vergewaltigung werden müssten. „Nous voulons éteindre leur patriotisme par nos canons“, hörte neulich eine Dame einen Offizier zum andern sprechen: Aber die Franzosen kämpfen gegen den Militarismus; sie kämpfen für „Freiheit und Recht“.
6.
Auch die Rheinische Republik von Zentrums Gnaden scheint keine Lebenskraft zu haben. Auch hier sind die Führer hinausgeworfen und von dem erbitterten Volke recht unzart behandelt worden. Der eine musste sofort ins Krankenhaus gebracht werden. Wenn das Volk tapfer und treu bleibt – bald wird’s keiner mehr wagen den Judaslohn zu nehmen und an die Spitze zu treten.
8.
Pfingsten! Im köstlichen Jugendschmucke steht die weite Natur, kraftvoll und hoffnungsfreudig. Mit Wonne ruht das Auge auf dem frischgrünen Laubdach des Waldes, auf dem wogenden blühenden Fruchtfeld, auf den bunten saftigen Wiesen. Alles atmet das glückverheißende, schöne Schöpferwort „Werde“; alles strebt zur Höhe, dem Lichte entgegen. „Und alles ist doch zum Sterben geboren“, sagt die Erfahrung. „Der Stoff stirbt, ich aber lebe“, sagt die Kraft. Und wie steht es mit uns, mit uns Menschen, die wir mit ehrfürchtigem Staunen einhergehen in dieser Frühlingspracht, bald kraftgeschwellt, bald verzagend und traurig? Sind wir zum Sterben geboren oder zum ewigen Leben? Sind wir Stoff, sind wir Kraft? Wohin flieht sie, wenn der Stoff zerstört ist, dem sie vermählt war? Wer löst des Lebens Rätsel? Hier gibt’s kein Lösen; hier gibt’s kein Wissen. Hier gilt nur Glauben, Vertrauen auf die Liebe, auf die ewige Kraft, die auch in uns wirksam ist.
11
Das Pfingstfest ist vorüber. Das herrliche Wetter hatte eine ungeheure Menschenmenge hinausgelockt; ein besonderer Reiseausweis neben der Identitätskarte wird seit einigen Wochen nicht mehr verlangt; das Gedränge war daher groß in den Bahnhöfen und Zügen. Und die Menschen jubeln, trinken im Übermaße, tanzen, als gäbe es keine Not und kein Elend in der Welt. Die Sauertöpferei hat freilich auch keinen Wert; aber es ist, als wollten die Menschen gerade jetzt in dieser Zeit des Wirrwarrs vor der allgemeinen Regelung noch einheimsen, was irgend möglich ist. Jeder Geschäftsmann, der aus dem Kriege zurückgekehrt ist; jeder, der etwas zu verkaufen hat, will übermäßig verdienen und es ist immer noch nicht abzusehen, wann diese Rechnung des Wahnsinns, diese Zeit des Wahnsinns abschließen und die Zeit der Vernunft beginnen werde. Wären Luft und Licht des Himmels Dinge, die eingefangen werden könnten, wir könnten diese köstlichen Dinge nur noch gefälscht und zu wahnsinnigen Preisen aus den Händen der Wucherer bekommen.
13.
Das Pfund Kirschen kostet 2,50M–3M, das Pfund Erdbeeren 5M. Diese Sprache ist deutlich.
18.
Die Entente hat nun ihre Antwort auf die deutschen Vorschläge geschickt. „Alle Nationen der Welt sind unschuldig, nur Deutschland ist ein Verbrecher und muss als solcher bestraft werden“, das ist das A und O ihrer Rede. Das ist der Standpunkt der Gerechtigkeit, wie die Entente sie versteht und braucht. Und stets betont Clemenceau, das sei das Gesamturteil der Welt, weigert sich aber gleichzeitig einen neutralen Gerichtshof einzusetzen. Die vernichtenden Friedensbedingungen sollen also bestehen bleiben und die Entente, stolz auf der erhabenen Warte der Gerechtigkeit thronend, verweigert dem verruchten Verbrecher jedes persönliche Verhandeln. „5 Tage Frist, dann ja oder nein“, so heißt der bei Ausschluss der Öffentlichkeit und Ablehnung des persönlichen Verhandelns gefällte Richterspruch. Die Entente hat ja die Macht und will ihre Ruhe haben; Clemenceau insbesondere muss sein Mütchen kühlen an den verhassten Deutschen. Die Tatsache leuchtet durch, wenn auch der Mantel der Gerechtigkeit gar sorgfältig umgeschlungen wird. Wir werden unterschreiben müssen; denn wir haben keine Macht andere Bedingungen zu erzwingen. Die Entente aber rüstet gewaltig. Gestern herrschte hier wieder militärisches Treiben im großen Stile. Starke Heeresmassen ziehen nach dem Rhein. Ein Befehl war ergangen, dass alle Fahrräder sofort zur Ansicht und gegebenen Falles zur Beschlagnahme nach dem Stadthaus zu bringen seien. Die Bewohner müssen also ihr Eigentum selber darbieten und Waffen liefern gegen ihr eigenes Volk. Der ganze Maxplatz soll angefüllt gewesen sein. In Reih´ und Glied mussten die Leute warten, bis ihnen ihr Eigentum weggenommen oder wenn es den Herrn nicht gefiel, zurückerstattet wurde. – 50M Belohnung dem, der mir eine schöne 3Zimmerwohnung vermittelt. So lautet eine Anzeige in der Zeitung. Auch ein Kennzeichen für unsere Zeit.
19.
Die Militärbehörde hat befohlen jedes Ausschmücken der Häuser in deutschen Farben zu unterlassen. Die deutschen Farben müssen also verpönt sein, auch wenn sie nur Schmuck (wozu auch Schmuck in dieser traurigen Zeit?), nicht Sinnbild sein wollen.
20.
Es gehört wirklich Selbstbeherrschung dazu all diese grausamen Bedingungen, diese einseitigen Beschuldigungen durchzulesen, die Clemenceau in seinem letzten Schreiben uns zu kosten gibt. Also – es bleibt dabei, unsere Kolonien, unsere Schiffe, unsere Lokomotiven usw. werden weggenommen, ohne irgendwie angerechnet zu werden. Aber das ist kein Raub. Bewahre! Das ist Gerechtigkeit. Unser Privatvermögen im Ausland wird weggenommen, aus Gründen der Gerechtigkeit natürlich. Unsere Heimat muss 15 Jahre besetzt bleiben. Und was für Rechte sichert sich diese Besatzung! Die Herren können schalten und walten, wie es ihnen gefällt; sie können regieren, können Beamte absetzen usw. Deutsch sind wir dann nur noch dem Namen – nein, auch dem Herzen nach –; aber ein ehrliches, deutsches Wort wird nicht mehr gesprochen werden dürfen. Der Zustand ist unsagbar traurig. Er bedeutet Sklaverei, er bedeutet langsamen Tod. Die Verweigerung der Unterschrift aber – das wäre der rasche Tod. Und da handelt wohl ein Volk wie der Einzelne. Es zieht den langsamen Tod dem raschen vor und hört nicht auf zu hoffen. Und diesen Standpunkt wird wohl auch die Regierung einnehmen und wird den „Friedens“vertrag unterzeichnen. Es ist ein besonderes Ding, dieser „Gerechtigkeits-“, dieser „Versöhnungsfriede“. Wohl zum 1. Male in der Weltgeschichte ist ein „Friede“ geschlossen – diktiert – worden bei Ausschluss der Öffentlichkeit und ohne vorausgegangenes persönliches Verhandeln. „Gerechtigkeit“ – „Versöhnung“ – wie klingt ihr schön, ihr Worte! Und wie seid Ihr widerwärtig vermählt mit solchen Taten!
21.
Unschuldsreine, harmlose Kinder sind nach Clemenceaus Darstellung alle Nationen der Welt neben dem rohen, abgefeimten Verbrecher „Deutschland“. Eigenartig stimmt damit zusammen der Zwischenfall von Versailles, das Benehmen des französischen Volkes der deutschen Friedensdelegation gegenüber. Dass Deutschland durch den Friedensvertrag mit Schmach und Schande überhäuft wird, das genügt der ritterlichen französischen Nation noch nicht. Sie muss auch ihre vornehme Augenblicksrache haben. Volkshaufen haben sich also zusammengerottet, haben die Delegation bei ihrer Abreise schmählich beschimpft und mit Steinwürfen usw. tätlich angegriffen, sodass viele verwundet wurden. Das Nähere hören wir natürlich in unseren Zeitungen nicht. Clemenceau selber soll aber doch etwas betroffen gewesen sein ob dieser getreuen Illustration seiner Worte.
23.
Also nicht einmal der Schandparagraph, das Anerkenntnis der alleinigen Kriegsschuld Deutschlands, die Auslieferung aller Deutschen, die nach Aufstellung der Entente mit ihren Befehlen über die erlaubte Grenze hinausgegangen sind – so etwas gibt’s natürlich nur bei den Deutschen, bei anderen Staaten nicht –, dürfen fallen. Die grenzenlose Eitelkeit und Machtgier der Entente gestattet nicht einmal das. Deutschland wird gezwungen unterschriftlich zu bestätigen, was es selber niemals glaubt, dass es allein am Kriege schuld ist. Es muss gegen die eigene Verfassung handeln und Volksgenossen, die – zum Teile wenigstens – nur ihre Pflicht erfüllt haben, der Entente preisgeben. Die Entente muss ihre Rachegelüste und ihren Dünkel befriedigen. Und der Ohnmächtige, der Verhungernde muss sich beugen, muss sich an den Schandpfahl stellen, wenn er dem raschen Tod entrinnen, wenn er das elende Stückchen Brot weiter essen will, das ihm nur unter diesen furchtbaren, entehrenden Bedingungen zugestanden wird.
Die Regierung hat sich für bedingungslose Annahme der „Friedens“bedingungen entschieden.
27.
Der deutsche Kommandant hat die in England internierten deutschen Kriegsschiffe eine Stunde vor Annahme der Friedensbedingungen in die Luft gesprengt. Die Feinde toben; sie werden Rache heischen, wenn sie auch kein Recht dazu haben. Der Kommandant beruft sich auf seine Pflicht sie nicht in Feindeshand fallen zu lassen. Sie können den deutschen Geist doch nicht töten, die Herren von der Entente. 2 andere Offiziere haben sich verkleidet, haben die zur Auslieferung verlangten, in den Freiheitskriegen und 1870 eroberten französischen Fahnen gestohlen und vor dem Denkmal des alten Fritz verbrannt. In Frankreich wurde nun schon der Vorschlag gemacht zur Züchtigung für diese Tat das Niederwalddenkmal zu zerstören. Auf solche Trophäen verzichtet der Franzose so leicht halt nicht. Aber verbrannt ist verbrannt.
28.
Es war schwer einen deutschen Mann zu finden, der diesen Friedensvertrag unterzeichnen wollte. Brockdorff-Rantzau hat es abgelehnt, der neue Bevollmächtigte Haniel auch. Nun haben sich endlich 2 Männer (Müller und Dr. Bell) dazu bereit erklärt. Heute Mittag soll unterzeichnet werden.
29.
Der Friede ist unterzeichnet; der Franzose jubelt. Böllerschüsse – sie gehen durch Mark und Bein – verkünden Frankreichs Triumph und unsere Schmach. Heute Abend soll auf dem Stiftsplatz ein großes Freudenfeuerwerk veranstaltet werden.
30.
Deutsche haben durch ihrer Hände Werk mitgeholfen – sie mussten wohl? – den Festschmuck herbeizuschaffen, und Tausende von Deutschen sind als Zuschauer freiwillig herbeigeströmt zur Festfeier. Man begreift die Menschen nicht, helfen Feste feiern, die ihre eigne Schmach, ihr eignes Elend bedeuten und empfinden´s nicht. Sind sie so abgestumpft oder ist das bisschen Befriedigung der Neugier und der Schaulust so viel wert, die Begierde danach so unbezähmbar, dass solche Schande dafür in Kauf genommen wird? Die Franzosen haben recht, wenn sie uns verachten. Ich glaube, sie hätten mehr Stolz, mehr Würde gezeigt.
So, das war´s im Wesentlichen. Es folgen im Jahr 1919 nur noch ein paar sporadische Nachträge. Dafür drehe ich – wenn´s recht ist – in einem knappen Monat die Uhr um weitere fünf Jahre zurück: zum Beginn des „Kriegstagebuchs einer pfälzischen Frau“.
15. Juli
Der Friede ist geschlossen, unterzeichnet, ratifiziert. Was nun? – Alles ist Menschenwerk; alles ist Stückwerk, alles ist Zerrbild. Wo ist „Friede“. Nicht einmal äußerlich ist das Leben anders geworden. Die „glorreichen Sieger“ üben triumphierend, schadenfroh ihre Macht. Sie sperren uns weiter ab von unserm Vaterland; sie verweigern uns jede geistige Nahrung aus der großen Heimatquelle. Und wir beugen uns zähneknirschend in unserer Ohnmacht und können den Hass in unsern Herzen nicht bannen. Und die Wucherer üben ihr Handwerk weiter, lernen es täglich besser und die Unzufriedenheit auf der anderen Seite wächst ins Ungemessene. Wann kommt der Friede? Wann werden die Menschen anfangen zu begreifen, dass der einzelne Mensch nicht für sich, das einzelne Volk nicht für sich das Gute herausnehmen kann, dass der Einzelne nur wirklich glücklich sein kann, wenn alle glücklich sind, dass der Einzelne bei allem Überfluss nicht wahrhaft froh werden kann, solange andere leiden, dass ein Geist lebt in allen Gottesgeschöpfen und dass keiner weiterkommen kann auf dem Wege zur Seligkeit – kein Mensch und kein Volk –, wenn er den andern auf diesem Wege zurückstößt statt ihn helfend vorwärts zu führen. Solange diese Einsicht nicht kommt, solange ist es Lüge, Hohn und Spott zu beten: „Dein Reich komme!“ Wenn das Gebet einmal aus aufrichtigem, reinem Herzen kommt, dann ist die Bahn frei; – dann kommt der „Friede“.
Nachtrag.
29. Aug.
Wir dürfen nicht zur Ruhe kommen in unserer vom Feinde besetzten Heimat. Die Rheingrenze, die der Friedensvertrag den Franzosen nicht gebracht hat, die wollen sie sich ergaunern mit Hilfe gedungener Verräter. Die Firma Haaß u. Cie. hat das edle Handwerk übernommen und scheut kein Mittel – nicht Aufstand, nicht Mord – um zum Ziele zu kommen. Ihr verräterisches Treiben hat einem pflichtgetreuen Beamten in Ludwigshafen das Leben gekostet. Die „freie Pfalz“ sollte wieder einmal ausgerufen werden. Haaß u.Cie. wollten sich der Telegraphen-Zentrale in Ludwigshafen zu ihrem Zwecke bemächtigen; französisches Volk – zum großen Teil in Zivil – war mit eingedrungen und als der Beamte ihnen den Platz nicht räumte, wurde er von einem französischen Offizier erschossen; einige weitere Beamte wurden verletzt. So hat man mir heute in der Bahn erzählt. Die Aufregung ist groß. – Auch in den übrigen Städten war die Bevölkerung auf der Hut und hat Nachtwache gehalten; die Beamten müssen, mit Knitteln bewaffnet – richtige Waffen haben nur die Franzosen und die freien Pfälzer – in den Dienst gehen. Das ist die gepriesene „Völkerfreiheit“, für die die Franzosen gekämpft haben.
3. Sept.
Die Beerdigung des so traurig um das Leben gekommenen Ludwigshafener Beamten ist eine machtvolle Kundgebung für das Deutschtum geworden. Tausende von Arbeitern, Abgeordnete der Regierung, Vertreter aller Pfälzer Gauen hatten sich zusammengefunden dem deutschen Helden den letzten Gruß zu bieten. Die Verräter haben sich auch diesmal vergeblich bemüht. Sie haben gezeigt, wohin ihr Weg geht; die Pfälzer aber, die den Weg des Verräters nicht gehen wollen, werden die Augen nun tapfer offen halten.
12.
In allen größeren pfälzischen Orten finden machtvolle Kundgebungen für das Deutschtum statt. Die Abgeordneten haben nun endlich auch das Recht der freien Meinungsäußerung erhalten und haben diese Versammlungen veranstaltet. Kein Verfechter der „freien Pfalz“ wagt sich in diesen Versammlungen hervor seinen Standpunkt zu vertreten. Im Geheimen aber werden diese Verräter weiterarbeiten unter dem Schutz und Schirm derer, an die sie sich verkauft haben. Dunkel liegt die Zukunft vor uns.
Weihnachten, das Fest des Friedens und der allgemeinen Bruderliebe, ist wieder gekommen, äußerlich wie immer von der Christenheit gefeiert, heute äußerlich denn je. Über ein Jahr ist hingegangen, seit die Waffen sich streckten und noch zögern die übermütigen Sieger, auch nur den äußern Friedenszustand herzustellen. Noch ist der Vertrag von Versailles von ihnen nicht ratifiziert. Die Bedingungen, so grausam, so vernichtend, so beschämend, wie sie nur ausgeklügter Scharfsinn gestalten konnte, genügen den Machthabern immer noch nicht. Feige Furcht der Franzosen, die ja durch eigne Kraft nicht gesiegt haben, und eitle Wollust suchen nach neuen Maßregeln uns zu demütigen und zu knechten. Und so dürfen die schauerlichen Friedensbedingungen von Versailles erst in Kraft gesetzt werden um den Preis neuer inzwischen wieder ausgesonnener Härten. Vor allem soll Deutschland Ersatz leisten für die Vernichtung der eigenen Schiffe zu Scapa Flow, die der Kapitän, weil er sie nicht in die Hände der Feinde fallen lassen wollte, in den Grund gebohrt hat. Und sie verlangen dafür die Auslieferung fast alles Schiffsmaterials, sodass Deutschlands Handel völlig gelähmt wäre. Und wie ein Kind sich von grausamen herzlosen Eltern misshandeln und ausbeuten lassen muss, weil es um des elenden Lebens willen das Vaterhaus nicht verlassen kann, so müssen wir Deutsche mit Schmerzen und Scham alle Schläge von den Machthabern annehmen, weil wir keine Stätte haben, wo wir ihrem Machtbereich entrückt wären. Die Verhandlungen über die Bedingungen für die Ratifikation sind noch nicht beendet. Inzwischen machen sich die Franzosen breit in unserer Pfalz und lassen sich´s wohl sein. Was kümmert sie das Wohnungselend allerorten? Sie lassen Frauen und Kinder aus Frankreich kommen, lassen z.B. die Kasernen, die nicht so ganz bequem nahe liegen, beschlagnahmt aber ziemlich unbenutzt und verlangen die besten Stadtwohnungen für sich. Die Deutschen mögen sich noch enger zusammenpferchen; die Zahl der Wohnungslosen mag noch größer werden – sie sind ja versorgt. Und unser Land haben sie ausgesaugt, dass bald kein Gebrauchsgegenstand mehr zu kaufen ist. Sie rauben nicht, sie stehlen nicht – nein. Sie machen´s feiner; sie setzen unsere Mark herunter, – sie gibt schon monatelang etwa 10 Pf – dass sie keinen Wert mehr hat und kaufen nun mit ihrem Gelde ein. Mögen die Preise noch so hoch sein; ihr Geld hält sie reichlich schadlos. Es hat ja dem unsern gegenüber einen ungeheuerlichen Wert und sie brauen daher nur einen kleinen Teil des Wertes der Waren wirklich zu zahlen. 1 Fr. bedeutet 5, 6, 7, 8 M usw. – Ist das nicht gesetzlich festgelegter organisierter Raub?, Diebstahl, gegen den keine gerichtliche Klage aufkommen kann? Alle Lederwaren, Porzellan, Eisenwaren, Pelze usw. wandern auf diesem Wege nach Frankreich – und oft wieder ungeheuerlich verteuert nach Deutschland zurück. Und wir sind doch ohnehin ganz verarmt durch die jahrelange Blockade; Rohstoffe kommen auch jetzt noch nicht herein; die Kohlen werden uns weggenommen auf Grund der Bestimmungen des Versailler Vertrags, bald wird das Land völlig ausgeleert und der wirtschaftliche Betrieb stillgelegt sein. Und dann sollen wir glauben an Nächstenliebe und Wohlwollen, wenn so ein Offizier 700 M (wahrscheinlich Geld, das Deutschland zahlen muss) spendet als Christgeschenk für die Hunderte von armen Kindern. – Und unsere armen Kriegsgefangenen, die die Franzosen kalt lächelnd unter Berufung auf die Machtverhältnisse immer noch im Feindesland halten, müssen auch dieses Jahr noch einmal durchkosten, was Weihnachtsfriede, allgemeine Bruderliebe, was Christi Geist auf Erden bedeutet.
Schlimmer noch als bei uns, geradezu grauenhaft sind die Zustände in Östreich, in Wien. Hier ist nicht mehr das Hungern, hier ist das Verhungern die schauerliche Losung. 90% aller Schulkinder sind tuberkulös, zu Tausenden sterben die Menschen, an Ermattung. Als Deutschland den deutschen Brüdern in Östreich-Ungarn die Hand zum Bunde reichen wollte, da hat der Bund der Sieger allen Wilson´schen Punkten zum Trotz sein Machtwort gesprochen und zwei Völker, die zusammenstrebten, mit Gewalt voneinander ferngehalten. Wir wären in Not gewesen allesamt; aber wir hätten ehrlich geteilt und diese furchtbare Hungersnot, die Östreich jetzt heimsucht, wäre doch vermieden. Die Entente, die jahrelang für Freiheit, Gerechtigkeit, für heiliges Völkerrecht gekämpft hat, hat den Mut gehabt, das „Auseinander“ zu rufen; sie hat auch den Mut gefunden, Östreich dem Hungertode auszuliefern. Und da ist kein Apostel Wilson, da ist keine Nation der Welt, die diesem fürchterlichen heimtückischen Morden mitten im Frieden Einhalt gebietet oder darüber sich entrüstet.
Dass es ihr Ernst [ist] mit der Gerechtigkeit [hier ist das Wort in lateinischer Schreibschrift geschrieben], das zeigt die Entente auf andere Weise. Sie setzt Gerichtshöfe ein, die deutschen Gräueltaten im Kriege aufzuspüren und die Schuldigen zu bestrafen; sie fügt den schon vorhandenen Strafbestimmungen des Friedensvertrags neue härtere Bedingungen hinzu; sie bestraft die Gräuel des Krieges im Ganzen und im Einzelnen; sie tut der Gerechtigkeit Genüge.
Und im Innern des Landes dasselbe trostlose Bild. Ehrliche Arbeit und ehrliches Streben haben ihr Ansehen verloren. Schieber und Wucherer sind tägliche selbstverständliche Erscheinungen. Die Preise für Lebensmittel und Bedarfsgegenstände sind von [fabel?]hafter Höhe. 1 Pfund Mehl 2 M., 1 Schoppen Milch 50 Pf., 1 Ei 35 Pf., 1 Pfund Butter 8-10 M (das sind die Preise der Kommunalverb., die Hamsterpreise sind um das vielfache höher)
1 Paar Schuhsohlen 35-75 M, ein [m.?] Stoff 75-150 M, eine Kaffeetasse 6-9 M
1 Stück Möbel, ein Bücherschrank z.B. 2-4000 M usw.
und trotz all dieser Preise ist Deutschland bald fast völlig ausverkauft und niemand weiß, wie das Leben dann weitergehen, ob völliger Staatsbankrott – den teilweisen haben wir ja längst – ob Bürgerkrieg dann aufzuhalten sein werden.
Der Riesenaufgabe, die ihrer hier harrt, ist die Regierung nicht gewachsen. Und weil sie nicht alles leisten kann, was not täte, heißt das allgemeine Urteil: „Sie leistet nichts.“ Als ob es möglich wäre eine ins Riesenhafte gewachsene Lawine, die eben im Rollen begriffen ist, einzudämmen und abzutragen. Die Regierung ist am Werk nach meinem Empfinden; das fürchterliche Streikfieber hat etwas nachgelassen und sobald die ruhige Arbeit wieder zu Ehren kommt, ist unser Schicksal gerettet. Die Riesenaufgabe freilich ist nicht kleiner geworden; ob der Held kommen wird, der sie in absehbarer Zeit bewältigen kann, wie die rechtsstehenden Parteien träumen, ein Monarch, ich glaube es nicht. Das ist nicht möglich bei einem Staatswesen, das durch jahrelangen Krieg und Umsturz völlig zerrüttet ist, bei einem Volke, das so vielfach sich gewöhnt hat, auf Umwegen nach dem Mammon zu jagen. Hier ist nicht an rasche Heilung sondern nur an langsame Genesung zu denken. Und sie wird nicht kommen durch neue Revolution, die den Schwerpunkt nach rechts oder links verrückt. Ein weiterer Ruck nach links wäre Tyrannei und ein Ruck nach rechts würde den inneren Krieg ins Ungemessene verlängern. Denn das Volk wird eine Herrschaft von oben auf die Dauer nicht dulden. Nicht eine neue Regierung, nicht ein neuer Zustand ist´s, was wir brauchen, sondern Befestigung, Gesundung und Veredelung des jetzigen. Wenn Deutschland langsam auf diesem Wege vorankäme, so wäre Leid nicht umsonst erlebt; [durchgestrichen: so hätte es eine Mission auf der Welt erfüllt.] Die siegreichen Völker werden dem Mammon, werden der Macht huldigen, sie können sich´s leisten; aber der Weg führt nicht zur wahren Größe, so wenig wie der Ehrgeiz und die Habgier des Einzelnen. Für Deutschland bleibt nur ein einziger Weg offen, den auch der rücksichtsloseste Machtwille des Siegers nicht versperren kann, das ist der Weg zur geistigen, zur sittlichen Größe und das ist der Weg zum wahren Glück. Die Not – und wir werden sie reichlich haben – ist zu diesem Ziele ein sicherer[er] Führer als Reichtum und Macht. Wird Deutschland sich weiter zerrütten und zerfleischen? - Wird es sein Kreuz auf sich nehmen und still und groß den Weg zum Heile wandern? Niemand vermag´s zu sagen. Der Mammonismus hält alle noch in Bann; aber ein großes Sehnen nach Erlösung geht durch die Herzen, wohl vernehmbar trotz aller Habsucht und aller Äußerlichkeiten. Dass dieser Geist doch der Führer würde in den kommenden Jahren der Not. Dann möchten die Herrscher in stolzem Machtbewusstsein herabschauen auf das versklavte Volk; die wahre Freiheit und das unvergängliche Reich auf Erden wären doch unser.
Ostern 1920.
Wochen, Monate sind hingegangen, seit ich zum letzten Mal zu diesen Blättern sprach und der Weg ist weitergegangen ins tiefe Dunkel hinein. Wahnsinn ist das Kennzeichen dieser furchtbaren Zeit. Wahnsinn ist das durch den Versailler „Frieden“ festgelegte Beginnen der Entente, die nur Ausbeuten und Ausbeuten, Nehmen und Nehmen kennt, die der ausgetrockneten, hungernden Wurzel des deutschen Volkes neuen Saft nicht geben und nicht gönnen will, aber doch reiche Früchte von ihm fordert. Wahnsinn – Wahnsinn und Verbrechen – war das Werk der Rechtsputschisten, der Kapp und Lüttwitz, die mit rauer täppischer Hand hineingriffen in die eben keimende friedliche innere Entwicklung. Vier Tage nur (vom 13.-17. März) hat ihre Herrschaft gedauert; aber mit deutschem Blute und mit deutscher Not muss die Verwirrung bezahlt werden, die sie heraufbeschwor. Sie hat dem Wahnsinn der lauernden Linksputschisten die Wege geebnet und nun wütet in vielen Orten schon der schrecklichste aller Kriege, der Bürgerkrieg. Wird er durch die Reichswehr eingedämmt werden können oder wird er seine furchtbare Bahn weiterziehen durch alle deutschen Lande? Zündstoff ist überall vorhanden; Stadt und Land; Bauern und Arbeiterschaft stehen sich feindselig gegenüber. Jeder denkt an seinen Vorteil; niemand will dem Ganzen Opfer bringen; das erlösende Wörtchen „wir“ kann seine Kraft nicht zur Geltung und die Not aller wird das traurige Ende sein.
Wahnsinnig sind die Summen, die gefordert werden für alle Bedarfsgegenstände. Wo man auch beginnt, es ist ganz gleich, Lebensmittel, Kleidung, Einrichtungsgegenstände, Löhne – eins wie das andere muss unerhört teuer bezahlt werden.
Der Liter Milch 1 M 40, das Pfund Mehl 2 M, das Pfund Brot ca. 0,70 M, das Pfund Spinat 2 M, das Pfund Feldsalat 2 M (vom Kommunalverband festgesetzte Preise).
Butter nur auf Schleichwegen – wenigstens 20 M.
Eier im Schaufenster (preußische Landeier) das Stück M 2.50.
Fett das Pfund 25-27 M.
Fleisch, das nur selten und in Grammzuteilung gegeben wird, das [Pfund?] M 5, auf Schleichwegen natürlich ungleich teurer usw.
Das m. Wollstoff für Kleider 200-400 M, ein einfaches Seidenkleidchen ausgestellt für 2300 M, ein Mantel oder Jacke ca. 1000 M, Baumwollstoff 40-50 M, der einfachste Wäschegegenstand etwa 100 M (Hemd, Hose usw.), ein Paar Strümpfe 30-40 M, ein Paar Schuhe 300-500 M, ein Paar Schuhnestel ca. 3 M usw.
Ein einfacher Bücherschrank ca. 5000 M, einfache, grob zugerichtete Möbel für ein Schlafzimmer etwa 7000-8000 M usw.
Ein silberner Kaffeelöffel ca. 70 M, eine Schiefertafel 7 M, ein Schulheft 1 M 25 und so geht’s weiter, wir mögen schauen, wohin wir wollen. Und doch bleibt das Geschäft, ungeheure Summen sind verdient worden im Kriege und in der Wucherzeit nach dem Kriege. Wer Tausende täglich verdient, kann natürlich Hunderte täglich verbrauchen.
Die hohen Löhne der Arbeiter, die hohen Gehälter der Beamten sind wirkungslos d.h. unzureichend einer solchen Teuerung gegenüber; fortwährende Erhöhungen sind an der Tagesordnung, ein Keil treibt den anderen, bis der Sturz aus schwindelnder Höhe alles zerstört.
Zweimal in letzter Zeit hat deutsche Kraft sich wieder gezeigt und durchgesetzt. In voller Einmütigkeit hat es sich der Ausführung des Schmachparagraphen, der Auslieferung der von der Entente beschuldigten Deutschen widersetzt und die Entente hat endlich nachgegeben. Sie sollen jetzt von deutschen Richtern abgeurteilt werden. Und wo sind die Richter für all die Grausamkeiten, die auf der anderen Seite begangen wurden? Man hört Grausiges von dem, was z.B. in französischen Gefangenenlagern vorgegangen sein soll; aber wo die Macht, da gibt’s kein Unrecht; nur der Schwache ist ausgeliefert und muss büßen.
Und den Kapp-putsch hat das deutsche Volk auch abgelehnt und die Regierung hat nach wenig Tagen zurücktreten müssen. Aber der Wirrwarr ist natürlich da und die Unruhen hören nicht auf. Die Spartakisten haben sofort kühn ihr Haupt erhoben und führen im Ruhrgebiet eine grauenvolle Herrschaft.
Wann wird deutsche Kraft sich besinnen auf das Wesen der und fertig werden mit dieser Geldgier, mit Schieber- und Wuchertum, das wie eine Seuche sich überall eingefressen hat.
Die Reichswehr ist ins Ruhrgebiet eingerückt; wahre Schlachten haben stattgefunden mit den Aufrührern und Ruhe soll nach und nach wieder eintreten. Der Franzose aber hat auch diese Entwicklung, die doch naturnotwendig kommen musste, mit scheelen Augen verfolgt, zieht seinen Vorteil daraus und zeigt seine Allmacht. Er behauptet, Deutschland habe mehr Reichstruppen ins Ruhrgebiet gesandt als vertraglich gestattet sei und hat sofort die Städte Frankfurt a. M., Hanau, Darmstadt besetzt. Wenn´s irgend geht, wird er auch das Ruhrgebiet besetzen, die Deutschen sollen nur erst Ordnung schaffen. Inzwischen können die menschenfreundlichen Franzosen Franzosen auch Frankfurt noch auskaufen; die Deutschen sind ja durch den Kursstand gezwungen ihnen die Waren weit unter den eigentlichen Werte zu überlassen und so wandern die deutschen Waren weiter hinüber in ihr Land. Die Deutschen zu demütigen, zu knechten und auszurauben – dazu ist ja der Vertrag von Versailles geschaffen worden.
1. Mai 1920
Engländer und Italiener haben sich anfangs aufgelehnt gegen die eigenmächtige Besetzung weiterer deutscher Städte durch Frankreich. Auf der Konferenz von San Remo haben sich aber die Franzosen wieder die nachträgliche Billigung und die Ermächtigung zu weiteren Besetzungen durch anderweitige Zugeständnisse erworben. Die Entente ist ja so innig nicht mehr; aber gegen Deutschland werden die großen Herren immer wieder einig und drohen in ihrer Menschenfreundlichkeit mit neuer Aushungerung usw. – Wenn sie uns nicht als Sklaven weiter zu ihren Zwecken benutzen wollten, sie würden uns unweigerlich zerdrücken und vertilgen; aber ihre eigne Wohlfahrt ist dahin, wenn das deutsche Volk und damit die deutsche Arbeit vernichtet ist; nur darum wird uns ein jämmerliches elendes Leben gegönnt. –
Bezeichnend für die Zeit.
Hausschuhe, die im Frieden zu den teuersten gehörten, kosteten M 6. – Defekte Hausschuhe werden jetzt notdürftig geflickt zu dem billigen Preise von M 30. –
1 Ei M 2, 2.50. – Etwas später Oktober 1 Ei M 3.50. –
20. März 1921
Ein Lichtblick in all dem Dunkel, ein Trost! Die Deutschen lieben doch ihre Heimat. Auch Oberschlesien hat allem Terror der Polen zum Trotz, zum größten Teile für Deutschland sich entschieden, nicht mit solch überwältigender Mehrheit wie Ost- und Westpreußen (fast 100%), aber doch mit Mehrheit.
22. April 1921
Kalter Schauer durchläuft mich bei den heutigen Nachrichten, und wir sind an Demütigung und Beschämung in den letzten Jahren wahrlich gewöhnt worden. Wie sind wir doch jämmerlich geschlagen, dass wir uns nicht allein demütigen, dass wir uns ausliefern müssen mit allem, was wir haben, ja mit dem, was wir noch nicht haben, was wir vielleicht – und wer weiß! – einmal haben werden. Bei den Verhandlungen in London hat der deutsche Vertreter Dr. Simons erklärt, Deutschland könne nicht Verpflichtungen übernehmen, die es unmöglich halten könne. Diese ungezählten Milliarden von Goldmark – ich weiß im Augenblick schon wieder nicht wieviel – könne Deutschland nicht zahlen. Aber gerade diese ungezählten Milliarden an Gold verlangt die Entente, alle deutschen Angebote auf Mitarbeit beim Aufbau usw. werden abgelehnt. Und nun, da der Henker mit dem Schwerte in der Hand zum Zuschlagen gerüstet und bereit dasteht, macht Deutschland den letzten Verzweiflungsschritt. Es wirft sich, an Händen und Füßen gebunden, dem neuen amerikanischen Präsident Harding zu Füßen; erteilt ihm Blankovollmacht, das Strafmaß zu bestimmen und verspricht im voraus jede Strafbestimmung, die er verhängt, auf sich zu nehmen und zu erfüllen. Ob die zukünftigen Geschlechter noch von einem „Canossagang“ reden, ob sie nicht eher das Höchstmaß von Demütigung und Selbstentäußerung den Hardingsgang nennen werden!
Und daneben – gruselig aber bezeichnend für unsere Zustände – Konzert-Ball, - Eintritt 10 M. – Wir können durch ewiges Kopfsingen unserem Schicksale nicht entrinnen; arbeiten, nicht verzweifeln! Aber das die Augenzudrücken, dies Hinwegtanzen über alle Not und Gefahr, wie es freilich auch alle frühere Nachkriegszeit hervorgebracht hat, ist doch ein Missklang in der Melodie des Sturmes und der Not. Melodie! Werden wir Deutsche wieder fähig, Melodien ohne Missklänge, ohne scharfe Missklänge in den Zeiten der tiefsten Trübsal zu gestalten. Gute Geister sind am Werke; aber im allgemeinen sieht´s doch jämmerlich aus auch in diesem Punkte! Betrug, Wucher, Streik, Aufruhr, Kino, Schauburg, Schlemmerstätten auf der einen, Hunger, Not und Verelendung auf der anderen Seite! Man kann´s auch den Feinden, die soviel Schlemmerleben, soviel Geldvergeuden mit ansehen, nicht verdenken, wenn sie ihre Schlüsse ziehen und sagen: Sie verpulvern Geld in Mengen und uns gegenüber behaupten sie keines zu haben. Ein unerhörter schmählicher Luxus wird ja von einem Teile des Volkes getrieben, vor allem von denen, die die Not für ihren Geldbeutel auszunutzen verstanden. Auch die Aburteilung der Kriegsverbrecher (sie ist [eine] furchtbar demütigende, einseitige Sache, aber wir haben´s versprochen) nimmt keinen rechten Anfang und die Gegner bestehen auf ihrem Schein. Dass die Reichswehr, die Einwohnerwehr nicht auf das Nichts (der von dem Gegner erlaubte Zustand ist ja ein Nichts) gebracht ist, ist ja bei den immer wiederkehrenden Putschen der Kommunisten eine begreifliche Sache, die auch die Gegner verstehen würden, wenn sie guten Willens, wenn sie nicht so überaus furchtsam uns gegenüber wären. Frankreich droht nun wieder nicht allein mit Besetzung des Ruhrgebiets, sondern auch mit Waffengewalt dem wehrlos gemachten Gegner gegenüber, mit Fliegerbomben, Granaten und ähnlichen volksversöhnenden Dingen. Schwarze, hässliche Gestalten, die über das deutsche Volk bestellten Aufsichtsführer, durchziehen truppweise die Straßen, schwarze Menschenfresser sagen meine Schülerinnen. Wohin der Weg führen wird, wenn´s nicht doch noch in letzter Stunde zur Einigung kommt, ist nicht auszudenken. Die Zollgrenze am Rhein ist schon besetzt. Das Ruhrgebiet, vielleicht auch Hamburg wird besetzt d.h. jeder Pfennig wird den Deutschen einfach aus der Hand genommen und als Wiedergutmachung der Entente zugeführt. –
Amerika will die Rolle des Schiedsrichters nicht übernehmen; die Deutschen sollen brauchbare Vorschläge ausarbeiten. Amerika wird sie dann übermitteln. War diese Sache vorher schon betrieben? Soll man sich freuen oder traurig sein über diese Entscheidung Amerikas?
[offenbar später beigefügtes Blatt, möglicherweise von 1930 (Ende der Besatzung), viele Durchstreichungen → Ansprache in der Schule?; Fragment]
…. Strafen nicht schrecken. Aber ein kleiner Teil war den Franzosen gefügig geworden, hatte Verrat geübt, die Herrschaft an sich gerissen, und übte nun unter dem Schutze der Franzosen eine Schreckendherrschaft aus, so hart, so beschämend, so unerträglich, wie es selbst die Franzosenherrschaft jener ersten Tage nicht gewesen war. Auf die Dauer war es natürlich nicht möglich, die kleine Zahl der Verräter als das pfälzische Volk selber auszugeben, das sich gegen diese Herrschaft stemmte, und so musste auch sie ein Ende nehmen; aber es waren wieder Tage des Grauens, Tage der grässlichen Kämpfe, die dies Ende kennzeichneten.
Nun ist die Fremdherrschaft in unserer Heimat am Ende. Als ich nach Pfingsten wieder zur Schule ging, da sah ich zum ersten Male das französische Hoheitszeichen nicht mehr, an dem ich jahrelang auf meinem Schulweg hatte vorübergehen müssen, und nun hat auch der letzte Franzose unsere deutsche Heimat verlassen. Der Tag ist da, da Gottes Sonne, wenn sie unser Heimatland begrüßt, kein äußeres Zeichen der Franzosenherrschaft mehr [blendet?]. Gesegnet sei dieser Tag. Lasst uns … von Herzen uns freuen! Und wenn auch andere Sorgen uns noch bedrücken: Arbeitslosigkeit, Wohnungsnot, rücksichtsloser Parteigeist, Selbstsucht – das sind ja leider dunkle Wolken, die unsern Himmel verdüstern. Unsere Freude braucht also nicht mutwillig oder stürmisch zu sein. Aber heute wollen wir nicht … den dunklen Wolken, wir wollen … herrlich der Freiheit grüßen und dankbar sein, dass eine große Not ein Ende hat.
Und mit den Sorgen und Nöten wollen wir uns dadurch abfinden, dass wir auch heute wieder geloben unserer pfälzischen Heimat und unserem deutschen Vaterland die Treue zu halten, ihm zu dienen durch tapfere Arbeit und stets dessen eingedenk zu bleiben, dass die Wohlfahrt des Einzelnen mit dem des Ganzen verknüpft ist, dass der ehrliche Wille und die Tapferkeit des Einzelnen die Stärke und die Wohlfahrt des Ganzen ausmacht.
Und darum nochmals: Gesegnet sei der Tag der Freiheit, der heute für uns anbricht. Möge er deuten in eine Zukunft, in der wahre Freiheit, Freiheit und Wohlfahrt, diese guten Geister eines Volkes, in deutschen Landen wohnen werden.