Verwirklichung (Roman)
Kap.1: Krisis der Möglichkeiten.
Damals fühlte Karl Celtis das Nahen einer Krisis, über deren Unerträglichkeit er sich von vornherein klar war. Es musste also etwas dagegen unternommen werden, dachte er, das heißt er dachte dies nicht klar und bestimmt, wie man an wirklichen Ereignisse, an Tatsachen denkt – sein Denken in diesem Falle war nur vergleichsweise ein Denken: es war mehr ein vorsichtig ahnungsreiches Tasten, die seltsam halb-bewusste Gegenwirkung eines Gefühls auf ein anderes Gefühl, eben das der beginnenden Krisis. Dem entsprach auch sein Tun: es war nicht etwa ein klares, bestimmtes Tun, aus einer klaren, bestimmten inneren Richtung heraus, es war ein halb-bewusst tastendes Tun, ein spielerisches, ja vielleicht sogar ein unreinliches Tun – eine Art Selbstbetrug. Daher kam es, dass er plötzlich überall verkündete, er werde bald abreisen – ein Gedanke, der falls er klar und ehrlich gemeint gewesen wäre, das für ihn Richtige getroffen hätte, so aber tatsächlich nur ein höchst fragwürdiges Experiment blieb, das er mit sich selbst und mit der Umwelt anstellte, um zu sehen, was für beide Teile dabei herauskomme.
Dieses Experiment machte Karl Celtis zum Beispiel auch mit Dr. Besola, seinem Arzt, und zwar bei der damals gerade fälligen Generaluntersuchung. Er trat mit erregter Miene in das Sprechzimmer des Arztes, zog die Brauen hoch und erklärte auf Dr. Besolas liebenswürdig einleitende Fragen: er könne unmöglich länger hier bleiben, er sei unter allen Umständen entschlossen wegzureisen. Dr. Besola zuckte die Achseln und begann seine Untersuchung, die schätzungsweise eine halbe Stunde dauerte. Dann nahm er Karl Celtis gegenüber in einem Sessel Platz, räusperte sich, lächelte ihm zu und erklärte: „Ihr Entschluss, Herr Celtis, kommt im günstigsten Zeitpunkt. Ihr Befund hat sich seit der letzten Untersuchung wieder wesentlich gebessert. Ihr Zustand ist jetzt so gut wie nur möglich; da Sie nicht hier bleiben wollen, ist jetzt der Moment gekommen für eine eventuelle Rückreise. Ich hoffe wenn Sie im nächsten Jahr sich noch etwas halten und vernünftig leben, werden Sie völlig gesunden.“ Dr. Besola schrieb noch verschiedenes Beachtenswerte auf, allgemeine Lebensvorschriften, und dann erklärte er rund heraus, er könne jetzt in dieser Angelegenheit nichts mehr tun und alles andere stehe bei Herrn Celtis. Karl Celtis sagte ein paar mal „So so“ und „Ja ja“, zahlte und verabschiedete sich höflich. Der Arzt schüttelte nachträglich den Kopf: es ging ihn schließlich nichts mehr an.
Karl Celtis war seit dieser Unterredung in einem Zustand quälender Unruhe, eben in einer wirklichen Krisis, gegen die er zunächst noch von außen her anzukämpfen suchte. So behielt er einstweilen noch den Mechanismus bei, den er sich in dem Jahr seines Hierseins gebildet hatte, machte seine Liegekur weiter und lebte völlig programmmäßig. Das war bis vor kurzem gegangen; dann brach bei ihm die innere Unruhe durch und Karl Celtis überließ sich ihr mit einem Gefühl gänzlicher Ohnmacht.
Seine Planlosigkeit verstärkte sich von Tag zu Tag. Zuerst hatte er begonnen Briefe zu schreiben; er schrieb zwei, drei, fünf, sieben Briefe am Tage oder in der Nacht und erledigte jahrelang zurückliegende Briefschulden. Natürlich auf eine ganz tolle Weise. Er hatte durchaus keinen Stoff, keinen Gegenstand, nur Laune, Langeweile – eben jene Unruhe, jene Verworrenheit, Gärung und Unentschiedenheit. Und danach waren denn auch seine Briefe: niemand konnte beim besten Willen irgendeine Antwort darauf geben und das erwartete er auch gar nicht – obwohl er es sicher sehr übel genommen hätte, wenn man ihm nicht wieder geschrieben hätte. Er wünschte dies ausdrücklich, er sprach diesen Wunsch aus, oft sogar in ultimativer Form; aber man sollte ihm gerade die Unmöglichkeit einer Antwort, die grundsätzliche Getrenntheit, Zusammenhanglosigkeit, die völlige gegenseitige Verständnislosigkeit bestätigen. Dies entsprach seiner eigenen gänzlichen Isolierung, der Unfertigkeit und Verständnislosigkeit in ihm selbst; da er augenblicklich über diesen Zustand nicht hinauskam, so kultivierte er ihn auf diese seltsam zweideutige Weise. Übrigens schrieb er auch nach auswärts überall, dass er nun von hier oben bald abreisen werde.
Äußerlich gesehen war Karl Celtis an seiner Lage wirklich schuldlos. Das Leben hatte ihn in diese schiefe Situation gebracht, hatte ihn aus allen Bahnen und Zusammenhängen herausgerissen und er hatte von sich aus wenig Grund zurückzukehren. Es verhielt sich mit Karl Celtis folgendermaßen:
Er war alleinstehend. Vor einigen Jahren, in seinem vierten Semester, war sein Vater plötzlich an einer Lungenentzündung gestorben. Seine Mutter hatte er nie gekannt. Sie war ein Jahr nach seiner Geburt einem totgeborenen Schwesterchen gefolgt.
Karl Celtis hatte es nach dem Tode seines Vaters ausgeschlagen, zu Verwandten zu gehen, und zog es vor, für sich zu bleiben. Sein Erbteil wusste er in guten Händen – sein Vater war an einer gutgehenden Fabrik entscheidend beteiligt, deren anderer Inhaber ein unbedingter Ehrenmann und übrigens Jugendfreund seines Vaters war und der ihm sein Kapital zuverlässig weiter verwalten würde. Karl Celtis konnte beruhigt studieren, ohne sich dabei zunächst entscheiden oder spezialisieren zu müssen. Am meisten hatte ihn Philosophie interessiert und er hatte auf vier verschiedenen Universitäten fast ausschließlich Philosophica gehört: eklektisch und experimentierend; einen persönlichen Standpunkt hatte er nicht. Im sechsten Semester fühlte er sich krank, er hustete viel, geriet nachts in Schweiß und sah schlecht aus: die Untersuchung förderte eine üble, schon ziemlich fortgeschrittene Lungenerkrankung zutage. Die Ärzte empfahlen ihm einen längeren Hochgebirgsaufenthalt und er entschloss sich ins Engadin zu gehen, wo er noch entfernte Verwandte hatte. So war er vor jetzt einem Jahr hier herauf nach Zuoz gekommen.
Er konnte nicht sagen, dass er sich hier eingelebt hatte, vielleicht besaß er auch wenig Fähigkeit dazu. Zu seinen Verwandten hatte er kein Verhältnis gewonnen. Anfangs gab es zu plaudern, Neuigkeiten aus der Familie, Klatsch, ein paar Wochen lang. Dann machte er seine Liegekur und die Verwandten gingen ihrer Wege. Sie wünschten sich die Tageszeit, sprachen über das Wetter, er zahlte pünktlich am Ersten jedes Monats. Sein Zimmer war zwar geräumig, gut heizbar und hatte geschützte Südlage mit einem überdeckten Balkon, aber es war schlecht und ungemütlich möbliert und auf keinen Fall geeignet, ihn jetzt, wo er sozusagen gesund erklärt war, länger zu fesseln.
Karl Celtis beschloss etwas zu unternehmen, auszufliegen. Zwar war er bisher im Rahmen der Tagesordnung immer weggewesen, aber doch nur in bescheidenem Maße. Er hatte jeweils einen Weg von ein bis höchstens drei Kilometer gemacht, möglichst zu ebener Erde – und dann in einem der beiden Hotels des Ortes eine Tasse Tee zu sich genommen. Dabei hatte er zeitweilig Bekanntschaften gemacht, Unterhaltung, gelegentlich sogar Begleitung für den Rückweg gefunden. Einmal, im vorigen Sommer, war auch wohl etwas mehr daraus geworden – mit Gerit. Doch es war zum Glück für seine Liegekur nur von kurzer Dauer gewesen. Knappe drei Wochen! Jetzt stand er – nebenbei bemerkt – mit Gerit noch in Briefwechsel...
Die Hotels zu besuchen hatte augenblicklich wenig Sinn: es war Winter und alles trieb Sport. Abends wollte die junge Welt tanzen, flirten, Sportgespräche führen – und zu alledem hatte Karl Celtis, wie er sich gestand, wenig Lust und Geschick. Außerdem sagte er sich, das seien jetzt alles Passanten, was aber nur bedingungsweise richtig war.
Auch mit seinen Plänen hatte er wenig Glück. Die Ausflüge und Streifzüge, die er innabwärts und -aufwärts meist aus dem Stegreif unternahm, waren teilweise langweilig, teilweise beschwerlich. Entweder musste er die Landstraße benutzen, oder er blieb, da er nicht Ski laufen konnte – zum Lernen hatte er nicht die geringste Lust – sehr bald irgendwo im Schnee stecken.
So fuhr er dann schließlich mit der Bahn nach St.Moritz, sah sich dort, ganz ohne Teilnahme und eigentlich nur, weil er die Masse zusammenströmen sah, einige Renn- und Sportveranstaltungen an, blieb über Nacht und fuhr am nächsten Morgen mit einem gemieteten Schlitten, gut mit Wärmflaschen und Decken ausgestattet nach Maloja. Karl Celtis dachte dabei oft, wie schön das alles sei: die Pferde liefen brillant und klingelten lustig durch die Winterlandschaft. Der Kutscher, der hinter ihm saß, knallte hie und da schallend über seinen Kopf hinweg. Man kam an den weiten ebenen Flächen der überfrorenen Engadiner Seen vorbei, auf denen wollbekleidete Menschen allerlei Sport trieben und rotbackig gesund und guter Laune schienen. Zu alledem war prächtiger Sonnenschein und die scharfe kräftige Bergluft wirkte belebend und erfrischend.
Gegenüber von Sils Maria dachte Karl Celtis an Friedrich Nietzsche – aber das ganz literarisch und unproduktiv.
Überhaupt: was bedeutete diese Fahrt für ihn, was sagte sie ihm? Er fragte sich dies, als er in Majola ankam, und er musste bekennen, dass wesentliches jedenfalls nicht herausgekommen war. Eigentlich konnte er sich nur an die Gestalt des Piz della Margna erinnern, den er auf der ganzen Herfahrt vor Augen gehabt und übrigens von seinem Liegestuhl aus an klaren Tagen gelegentlich schon gesehen hatte. Wie lächerlich: deswegen machte man Ausflüge!
Dann war da noch ein seltsamer, etwas tieferer, aber doch auch zusammenhangloser Eindruck. Bei der Fahrt am Silser See vorbei hatte der Kutscher mit dem Peitschenstiel auf einen eingeschneiten Weiler am anderen Ufer gezeigt und mit merkwürdig klangvoller Stimme gesagt: Isola. Karl Celtis hatte sich den Namen wiederholen lassen und das melancholische Wort hatte zusammen mit dem trostlos verlassenen Bild in der Umrahmung eines düsteren Hochtals in den della Margnawänden lange in ihm nachgeklungen.
In Majola ging Karl Celtis nach Belvedere hinauf, betrachtete sich die Abstürze ins Bergell und die kunstvoll mühsamen Windungen der Poststraße. Dabei dachte er sich, dass er dies nun wohl gesehen habe und wie sinnlos es sei so zu kommen und zu gaffen. Trotzdem aß er später in einem Gasthaus mit großem Appetit verschiedenes a la carte und fuhr dann zurück, wobei es langsam Nacht wurde. Dabei fand er, dass das Fahren bei Nacht noch am schönsten sei, es war sozusagen ein absolutes, hemmungsloses Fahren, man konnte sich dem Fahren ganz hingeben, ohne zu sehen oder gesehen zu werden, was immer irgendwie peinlich war. Es war ein leises schlingerndes Rinnen durch die Zeit, zuweilen an frühe Kindheitserlebnisse erinnernd, an Gewiegtwerden und Bewahrtwerden vor grenzenloser Leere und Öde.
Manchmal meldete sich in ihm dann das Wort Isola wieder, klangvoll und traurig, wie es der romanische Kutscher gesagt hatte. Karl Celtis schauerte einen Augenblick vor sich selbst zurück, bis ihn das leise Stapfen der Pferde, das Schellen ihrer nickenden Köpfe wieder weckte und mit dunkel gedankenloser Bewegung erfüllte.
Er blieb nochmals über Nacht in St.Moritz, fuhr den nächsten Tag mit der Bernina Bahn bis Alp Grüm und ging dann noch zwei Tage auf den Muottas Muraigl.
Alles glitt von ihm ab, nichts befestigte sich. Er hatte den Eindruck, dass alles immer dasselbe war; überall Vorurteile, bestenfalls flüchtige Silhouetten, nirgends Wirklichkeit. Wie hätte er auch das Gesehene glauben sollen, an die Sinnlosigkeit und Verworrenheit dieser Abstürze, dieser Fels- und Gletschermassen? Für den Bergsteiger mochten diese Dinge wirklich sein: er musste sie im Klettern sozusagen reproduzieren, für ihn waren sie Leistung. Karl Celtis lachte bei diesem Gedanken und gönnte im übrigen den Touristen ihre Freude von Herzen. Die Leute riskierten schließlich ihre Knochen, was immerhin bemerkenswert war und ein Einsatz für die Idee. O, Karl Celtis hatte zu Zeiten eine große Vorliebe für dergleichen Betrachtungen, meist dann, wenn er sich innerlich unglücklich fühlte.
Von Muottas Muraigl fuhr Karl Celtis zurück – nach Hause – wie er das manchmal und mit schlecht gelungener Ironie ausdrückte.
Nach den Erfahrungen dieses Ausflugs war Karl Celtis ehrlich genug sich zu gestehen, dass ein längerer Aufenthalt hier oben nachgerade für ihn sinnlos und unmöglich zu werden begann. Er musste also fort? Aber das war es ja gerade: wohin sollte er denn und was sollte er beginnen? Das Studium hatte ihn nicht im mindesten befriedigt; irgendeinen sogenannten praktischen Beruf würde er nicht ertragen, weil er keinerlei entsprechende Anlagen und Interessen in sich fühlte und sich wenigstens von vornherein keinem absoluten Zwang aussetzen wollte. Arbeiten? Das hieß ja wohl, mit sich arbeiten lassen, sich einordnen, über sich verfügen lassen, und der Sinn war – mitmachen, Geld verdienen, alles mit freundlicher Miene für berechtigt erklären, hinnehmen. Karl Celtis dachte dann wieder daran, wie sehr er hier oben wenigstens sein eigener Herr sei und wie sehr das hier in der Ordnung war: Es gehörte einfach zum Begriff des Fremden und niemand dachte etwas dabei. Aber dort?
Karl Celtis brachte diese Widersprüche in sich nicht zur Aufhebung. Er war zu müde, zu unentschlossen dazu, er wich aus.
Mittags ging er wieder ins Hotel. Er trank dort seinen Tee wie früher, plauderte mit einem Herrn, den er schon länger kannte, aß mit ihm zu Nacht und spielte mit ihm bis tief in die Nacht hinein Schach …
Fragment aus dem Jahr 1976
17. August 76
Das Antlitz der modernen Welt trägt vorwiegend technisch organisatorische Züge, ist unpersönlich, ja in vielen Bereichen bis ins Unmenschliche verfremdet, undankbar, unempfänglich, ja abstoßend gegenüber echten, warmherzigen menschlichen Impulsen. Und doch ist diese abstoßende feindselig uns entgegentretende Welt unsere Welt, unser Lebensraum, den wir brauchen, um zu existieren, um uns zu entfalten, der, ja gerade wegen der Unmenschlichkeit und Unpersönlichkeit seiner Struktur uns alle, jeden einzelnen von uns, in allen seinen Lebens- und Schaffensimpulsen fordert und braucht, um des Fortbestandes des Menschen und um der Erneuerung und Wiederaufrichtung der Menschlichkeit, um der Neubegründung und Sicherstellung des Lebenssinnes willen.
Die unentwegte, jeden Tag neue Erfahrung und Widerfahrnis der Welt übt nun gerade wegen ihres negativen Charakters eine weitreichende, die jeweilige Menschlichkeit des Einzelnen krisenhaft gefährdende Wirkung auf uns aus, die niemandem erspart bleibt und deren Bestehen oder Nichtbestehen über den persönlichen Lebenssinn eines jeden von uns entscheidet: die ab-stoßende Wirkung unserer technisch organisatorischen Welt wirft jeden zunächst einmal auf sich selbst zurück: Selbstbehauptung als Antwort auf die Sinnleere der Zeit: ist dies die Formel des Widerstandes gegen die Unmenschlichkeit? Ist dies die Basis des Menschen in eine menschenwürdige Zukunft? Selbstbehauptung ist die Bejahung des Ich als Selbst. Dieses Ich-Selbst ist nicht mehr das bisherige weithin unbewusste, mit dem Du des Mitmenschen verbundene, gemeinsam erlebende, spielende und tätige Ich, sondern ist das durch das Bewusstsein ver-selbständigte, also vom mitmenschlichen Du abgelöste, isolierte Ich. Selbst-Behauptung heißt Ich-Behauptung, heißt, das auf sich fixierte, also isolierte Ich behaupten und durchsetzen zu wollen.
Indem das Ich sich als Selbst reflektiert, gewinnt es seine Identität, verliert aber gerade durch diesen Identitätsvollzug seine unbewusste, schaffend ausgreifende Beziehung zum mitmenschlichen Du, und der in ihm verborgenen Fülle des Lebens. [Alles außerhalb des Ich verliert seine Unmittelbarkeit, wird nicht mehr unbewusst, ursprünglich erlebt, sondern nur reflexiv, gebrochen erfasst. Das reflexiv seine eigene Identität stiftende Ich-Selbst zerstört allen unmittelbaren Lebensbezug zur Mit- und Umwelt, wird, indem es alles außerhalb seiner nur sachlich reflektieren, als Gegen-stand, als Sach-verhalt begreifen kann, letzten Endes, ihm selbst eher unbewusst, zur Sache unter Sachen.]
Das Selbst, das die formale Identität des Ich ermöglicht, erweist sich daher als entscheidende Schranke und Hemmung gegenüber einer inhaltlich erfüllten sinnvollen Lebensgestaltung. Der Weg des Ich-Selbst führt gerade nicht zur Freiheit der autonomen Willensentscheidung (im Sinne des transzendentalen Idealismus), sondern nur zur formalen Scheinfreiheit, die in Wahrheit Verlust der Spontaneität und damit vollendete Unfreiheit des Ich ist: Das Ich gerät in die Vormundschaft des Selbst und wird der Gefangene seines Selbst, – es wird selbst-süchtig. Die freie, und d.h. zugleich die sinnvolle Lebensgestaltung kann daher niemals durch das Selbst, sonder nur gegen das Selbst erfolgen, – inhaltliche Icherfüllung ist nur möglich als Vollzug der Selbstüberwindung.
Der Vollzug der Selbstüberwindung kann aber seinerseits nur dann grundlegende, sinnbestimmende Bedeutung für die gegenwärtige Menschheit gewinnen, wenn er nicht wiederum nur formal verwirklicht wird: er kann und darf nur als eminent inhaltliches Anliegen verstanden werden. Dieses Anliegen richtet sich in gar keiner Weise gegen das Ich des einzelnen Menschen, ganz im Gegenteil: Vollzug der Selbstüberwindung bedeutet Befreiung des einzelmenschlichen Ich von der Bevormundung und eigensüchtigen Gängelung des Selbst; nur durch den Prozess der Selbstüberwindung wird das Ich, d.h. der jeweils einzelne Mensch frei zum spontanen Zugriff über sich hinaus, gewinnt er die die zu allem sinnvollen Wirken unerlässliche Unabhängigkeit und Weitsicht. Somit ist der einzelne Mensch, das jeweils besondere menschliche Ich im Vollzug seiner Selbstüberwindung zugleich der allein legitime geistige Ort der Freiheit; Freiheit als Massenrausch ist nur gestaltloser Wahn, entmenschlichtes Zerrbild von Freiheit. Nur in dem erlittenen erlebten, erkämpften Vollzug der Selbstüberwindung des einzelnen Menschen wird Freiheit zur Wirklichkeit, gibt es, oder besser: ent-steht Freiheit als Durchbruch durch die künstlich errichteten innermenschlichen Schranken und Abhängigkeiten.
Wenn aber Freiheit nur wirklich werden kann als spontaner Akt der Selbstbefreiung, so kann sie nie den Charakter eines bleibenden Besitzstandes haben, so besitzt sie keine in sich beharrende Wirklichkeit, sondern sie „ist“, es „gibt“ sie, sie „verwirklicht sich“ nur als Akt, als zeitlich (im Sinne von normalen Zeitvorstellungen genommen) unendlich kleiner Vollzug. Und doch gewinnt der Mensch, der die Freiheit als Akt der Selbstbefreiung erlebt, in diesem unendlich kleinen flüchtigen Spontanerlebnis zugleich die ganze Fülle und Tiefe, ja das geheimste Wesen der Zeit überhaupt, die Gegenwart: die Wirklichkeit der Freiheit als Freiheitsvollzug ist ihre Vergegenwärtigung. Sie ist zugleich die Menschwerdung des Menschen, seine Ver-menschlichung. Das Außerhalb, der Gegen-satz und Gegen-pol ist die Unmenschlichkeit als Herrschaft der Selbstsucht.
Wenn aber die Freiheit als Inbegriff sinnvollen Lebens nur spontanen Aktcharakter besitzt, nur in unendlich kleinen Zeitvollzügen sich verwirklicht, so führt diese Erkenntnis zu der erschütternden Feststellung, dass das menschliche Dasein global sinnfeindlich, d.h. im Grunde unmenschlich ist. Diese Erkenntnis ist unbestreitbar richtig, sie wird durch jeden wachen Blick in die augenblickliche Wirklichkeit der gesamten Weltlage tausendfach bestätigt. Und doch betrifft diese Feststellung nur die zeitlich flüchtige Außenseite unseres Menschenlebens und unseres Weltzustandes. In der Erfahrung der Freiheit, im Vollzug der Selbstüberwindung enthüllt sich uns eine Gegen-Wirklichkeit als tragender Grund echter, d.h. überzeitlicher und damit unzerstörbarer Hoffnung. Diese Hoffnung gäbe es aber nicht, wenn sie nur vage, unpersönliche Erwartung, wenn sie nur bequemes Absehen und Ausweichen vor den herrschenden Schrecknissen der Zeit wäre, wenn sie nur quietistisches Abwarten und Hindämmern wäre. Der desolate, zu allen Befürchtungen Anlass gebende augenblickliche Weltzustand ist kein unverbindliches Außerhalb unserer selbst, den wir nur besserwissend und mit unverbindlichem Gerede beobachten und hinnehmen könnten: dieser Weltzustand ist in Wahrheit der Zustand von uns selbst. Er wäre nicht, wenn es nicht uns selbst, das heißt das Selbst in uns, die Verfallenheit, die Nichtigkeit, die Unmenschlichkeit dieses Selbst gäbe. Ist es nicht dieses unser Selbst, das im Interesse seiner eigenen Erhaltung und Zukunftssicherung jede Information über derzeitige Weltereignisse mit pauschalen aber in der Essenz tödlichen Verwünschungen andersgearteter und andersdenkender Menschengruppen und Völker erwidert? Ist dieses unser Selbst, das noch nicht unmittelbar von den Ereignissen in anderen Erdteilen betroffen ist, das sich noch in einer beschaulich betrachtenden, distanzierten Lage zu den Ereignissen in anderen Weltteilen befindet, wirklich anders und besser als die in sinnloser Ohnmacht und Hoffnungslosigkeit tobenden und mordenden Menschen anderswo? Was täten wir, was wäre wohl unsere Rolle, wenn wir unmittelbar von solchen Ereignissen berührt und betroffen wären? Dass wir es so unmittelbar nicht sind, – noch nicht, – gibt uns – bis jetzt noch – die Chance des Nachdenkens, die aber nur dann eine echte Chance ist, wenn sie die Kraft zum Umdenken in uns freimacht, zum Umdenken, das eine totale Umkehr in uns im Sinne des Vollzugs der Selbstüberwindung bewirken muss.
Die Überwindung des Selbst ist zunächst eine Überwindung des Bewusstseins. Selbstbewusstsein ist auf das jeweilige Ich konzentriertes Bewusstsein im Sinne der erhöhten Geltung des Ich, im Sinne des Nutzens und des Vorteils für das Ich: das Ich soll zur Geltung gebracht werden, sich durchsetzen, sich profilieren und damit einen immer höheren Rang im Ganzen der Öffentlichkeit gewinnen; Selbstbewusstsein ist der Antrieb für die Durchsetzung des Ich, sein Karriereimpuls. Durch das Selbst, durch die Selbst-reflexion tritt das Ganze des Bewusstseins in den Dienst der Ich-Überhebung, der Ich-Übersteigerung auf Kosten der sozialen Umwelt, auf Kosten des mitmenschlichen Du; es wird herabgewürdigt und damit ent-würdigt zum bloß faktischen Mittel, im selbst-bezogenen Erfolgsstreben, im Kampf um immer größere Macht und immer weiter reichenden Einfluss. In dem Maße, in dem dies gelingt, in dem das Selbst sich durchsetzt, wird das Ich, d.h. die jeweilige Einzelheit und Besonderheit des Menschen immer ärmer und kälter, immer substanzloser; unter dem Einfluss der nur auf Vorteil und Macht bedachten Selbstsucht verkümmert der Mensch, verliert er alle anfangs überströmenden seelischen Reichtümer, verliert er seine ursprüngliche persönliche Beseeltheit und versinkt in seelenloser, unpersönlicher Sinnlosigkeit.
[Vermutlich kurz vorher oder kurz nachher verfasst:]
Die Erosion der kulturellen und sozialen Ordnung hat den Menschen der Neuzeit in immer größere individuelle Isolierung verdrängt und aufs ich selbst zurückgeworfen. Er lebt nicht mehr aus dem tragenden Sinngrund des Ganzen, der ihm seinen persönlichen Wert nach Rang und Stand zuweist und sichert, sondern aus der Vereinzelung willkürlich zufälliger Selbstbestätigung durch Besitz, individuellen Lebensstil, berufliche oder sportliche Leistung, Karriere: er lebt nicht mehr um des Ganzen sondern um seiner selbst willen; nicht um das gemeinsame Verbindliche zu fördern und ihm zu dienen, sondern um sich selbst zur Geltung zu bringen und durch äußerlich unverbindliches Ansehen zu profilieren. Selbst dort, wo in der Öffentlichkeit, in Amt und Berufsstand Verantwortung gefordert wird, bleibt das Verantwortungsbewusstsein formal und jederzeit revidierbar, ohne die Tiefe existentieller Begründung. Die Unbedingtheit des unsichtbaren Pflichtbewusstseins ist längst der Unbedingtheit des sichtbaren Geltungsanspruchs, des äußerliches Prestiges gewichen, das seinerseits mit der Unbedingtheit des Anspruches auf höchstmögliche Entlohnung und soziale Sicherheit untrennbar verbunden ist.
In diesen Zusammenhängen und den sich daraus ergebenden Fakten wird eine Gefahr deutlich, die die gesamte Menschheit bedroht und die ihren tiefsten Grund in dem Zurückgeworfensein des Menschen auf sich selbst hat. Der moderne Mensch, der Mensch unseres Massenzeitalters hat diese seine Ausgangsposition bisher nicht einmal verstanden geschweige denn gemeistert. Er ist das Opfer seines falsch verstandenen Selbstwertgefühls geworden: Er berauschte sich an der Scheinfreiheit seiner sozialen und kulturellen Emanzipation; er sprach von Freiheit und Selbstbestimmung und sah nicht, dass dies nur der Trug einer Selbstfixierung war und damit der Verlust der wahren Freiheit, die stets nur Vollzug der Befreiung, also nicht Zustand, sondern höchste Aktualität sein kann.
Alle Zustände, die uns der Zeitgeist durch die Organe seiner Massenmedien als Zielvorstellungen anpreist – : Einfluss, Lebensgenuss, Reichtum, unbegrenzte Mobilität – sind nicht Zeichen, sondern Utopien und Perversionen der Freiheit. Echte Freiheit kann nie an äußere Fakten gebunden sein, sonst wäre sie – in der Gebundenheit – keine Freiheit. Das betrifft auch die Freiheit meiner selbst: sie ist echte Möglichkeit nur als Befreiung meiner selbst, d.h. Befreiung von meinem Selbst. Das Selbst nämlich, in der Formel „ich selbst“, d.h. als Ausdruck der Identität des Ich, bedeutet sinngemäß die Fixierung, d.h. die Festschreibung, die Faktizität des Ich, also geradezu den Freiheitsverlust des Ich. Bezeichnenderweise tritt dieser Bedeutungsgehalt gerade dort zu Tage, wo aus dem anspruchslos unreflektierten Sein des Ich das Selbst-verständnis, wo aus der stillen Bescheidung des Ich-sagens das anmaßende, anspruchsvolle Ich-Selbst wird. Dieses aus der lebendig fließenden Kontinuität der Um- und Mitwelt herausgelöste nur auf seine formale Identität als Selbst zurückgeworfene (=reduzierte) Ich ist das eigentliche Krisenzentrum unserer Zeit.
(Das Ich-Selbst des jeweils isolierten Einzelnen ist qualitativ dasselbe wie das Ich-Selbst der Massen als der bloßen Summe aller Einzelnen. Die Krise des Einzelnen ist damit zugleich die universelle Krise unserer Zeit als des Zeitalters der Masse, des Kollektivs.
Es ist nun kein Zufall, dass gerade dieses im Hinblick auf seine inhaltlichen Tendenzen zugleich Massenzeitalter als revolutionäres Zeitalter gilt. Mit Recht: Denn bereits die Konstituierung des Ich-Selbst ist gegenüber kulturell und sozial gebundenen und verbindlichen Lebensordnungen ein Fanal des Aufstandes, ein revolutionärer Akt.)
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